Vor kurzem hat eine Kommission des Kontrollrates den Betrieb des Lippewerkes in Lünen (Westfalen) besichtigt, wie verlautet, im Zusammenhang mit der geplanten Demontage des Werkes, Das Unternehmen ist eines der wenigen zur Herstellung von Rohaluminium in der britischen Zone und beschäftigte früher 2500 Arbeiter. Gegenwärtig beträgt die Belegschaft, die mit verschiedenen Arbeiten beschäftigt wird, nur 500 Mann, dagegen würden die vorhandenen Rohstoffvorräte noch eine Produktion von fünf Monaten ermöglichen.

Die Erzeugung von Aluminium ist Deutschland durch die Beschlüsse von Potsdam und die Vereinbarungen des Kontrollrates verboten. Allerdings sind diese Pläne von offiziöser Seite als „Kompaß und nicht Bibel“ bezeichnet worden, und die britische Regierung hat ihnen nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen zugestimmt, z. B. daß Deutschland eine Wirtschaftseinheit ist, daß die deutschen Westgrenzen unverändert bleiben und daß ein Ausgleich von Import und Export in dem vorgesehenen Umfang möglich ist. Der Plan des Kontrollrates ist auf das Jahr 1949 abgestellt. Schon heute aber läßt sich voraussehen, daß bis dahin – um nur wenige Beispiele zu nennen – Erzeugung bzw. Verbrauch weder 140 000 t Kupfer, noch 80 v. H. der Erzeugung von Farben, synthetischen Fasern usw., noch 80 000 Kraftfahrzeuge usw. betragen werden. Wie daher heute schon die im Märzplan des Kontrollrates beschlossene Stahlerzeugung diskutiert wird, so dürfte sich angesichts der Unmöglichkeit, bis dahin die vorgesehene Ein- und Ausfuhr von je 3 Milliarden RM zu erreichen (und im Hinblick auf die katastrophale Entwicklung der deutschen Versorgungslage wohl auch für die Aluminiumerzeugung eine Revision des Verbots notwendig machen.

Die deutsche Aluminiumerzeugung betrug 1937 rund 132 000 t und 1938 etwa 165 600 t und war die größte der Welt. Die USA erzeugten (1938) 130 200 t, die UdSSR 56 800 t, Frankreich 45 300 t und England 22 500 t. Deutschland war neben Großbritannien dazu noch der größte Importeur von Aluminium. Wenn in diesem bedeutenden Verbrauch auch ein sehr hoher Anteil der Rüstungswirtschaft enthalten ist, so ist der Bedarf insgesamt doch nur damit zu erklären, daß Deutschland seit langem vorzugsweise Aluminium für zahlreiche Fabrikationszweige eingesetzt hatte, wie es Überhaupt auf dem Gebiet der Leichtmetalle führend war. So z.B. bei Magnesium, wo 1938 die deutsche Erzeugung 14 000 t bei einer Welterzeugung von 25 000 t betrug. Während aber die Rohstoffgrundlagen für die Magnesiumproduktion in Deutschland selbst liegen, das 1937 rund 21 000 t Magnesit förderte und außerdem ausreichende Mengen an Magnesiumsalzen und Dolomit zur Verfügung hat, sind die deutschen Rohstoffquellen für die Aluminiumerzeugung jederzeit kontrollierbar. Deutschland war und ist bei dem Bezug von Bauxit, dem Ausgangsstoff für Aluminium, absolut von seinen Einfuhren abhängig. Es förderte 1937 und 1938 nur je 20 000 t Bauxit, Frankreich dagegen 691 000 bzw. 683 000 t, Ungarn 1938 rund 540 000 t, Italien 383 000 t, Jugoslawien 405 000 t, Griechenland 150 000 t Es liegt auf der Hand, daß insbesondere die französische Bauxitförderung nur dann ihre alte Höhe erreichen kann, wenn Deutschland wieder als Verbraucher am Markt erscheint.

Neben diesen auch für andere Länder bemerkenswerten Momenten kommt aber noch als weiterer Gesichtspunkt hinzu, daß die deutsche Aluminiumindustrie sich vorwiegend im Staatsbesitz befindet und daher ihr Mißbrauch sofort offensichtlich würde. Da Deutschland für die Einfuhr von Buntmetallen angesichts des hohen Bedarfs an Nahrungsmitteln selbst dann kein nennenswerter Betrag zur Verfügung stehen würde, wenn es die ihm zugestandenen Außenhandelszahlen erreichen könnte, müßte es also seinen großen Bedarf für die Elektro- und Geräteindustrie, für Baubeschläge, Kraftwagenbau, Haushaltsgeräte, Gefäße aller Art, für Eisenbahn, Straßenbahn usw. anstatt mit Kupfer, Nickel usw. durch die Verwendung von Aluminium decken können. Abgesehen davon wird unser Zeitalter doch Jetzt bereits als das der Leichtmetalle bezeichnet, womit angedeutet ist, daß diese für Wirtschaft und Verbrauch kaum eine geringere Rolle spielen als Eisen und Stahl

Es ist daher schon richtig, wenn durch die nunmehr in Aussicht stehende Demontage des Lippe-Werkes in Lünen die Frage der deutschen Aluminiumerzeugung erstmalig aufgeworfen und in einer Eingabe der Arbeiterschaft an den Kontrollrat darauf hingewiesen wird, daß ein abermaliger Mißbrauch der Aluminiumerzeugung für Kriegszwecke ohne weiteres zu verhindern sei, ganz abgesehen davon, daß bei dem Produktionsprozeß auch große Mengen Kunstdünger anfallen, die von der Landwirtschaft dringend gebraucht werden. Im übrigen ist der Weltbedarf an Aluminium so groß. daß sich für die im allgemeinen heute noch problematische deutsche Ausfuhr auch hier Aussichten bieten, zumal Deutschland früher schon, wenn auch nicht Rohaluminium, so doch Halbzeuge und zahllose andere Artikel aus Aluminium exportiert hat. So erhielt allein England aus der heutigen britischen Zone im Jahre 1936 Ausfuhren im Werte von über 10 Mill. RM. Deutschland bei der Versorgung mit Primäraluminium auf den Weg der Einfuhr zu verweisen, kann mangels ausreichender Produktionsstätten im Ausland und der knappen deutschen Devisenmittel nicht angehen. Ihm die Eigenerzeugung zu verbieten, würde daher weitgehend einem Verbot der Verwendung von Aluminium überhaupt gleichkommen. Dies aber würde nicht in Einklang zu bringen sein mit dem Deutschland zugestandenen mittleren Lebensstandard. Eine in bestimmten Grenzen bleibende und gegebenenfalls kontrollierte Aluminiumerzeugung würde daher keinerlei allgemeinen Interessen widersprechen

Schf.