Von Hanns Braun

Eigentlich müßten wir gerade jetzt ein kleines Jubiläum feiern. Wenn es nur auch was zu jubilieren wäre! Es ist nämlich gerade zehn Jahre her, daß man bei uns versucht hat, die Kritik abzuschaffen. Wohlgemerkt: die Kritik an künstlerischen Leistungen. Denn die an staatlichen war schon zuvor „ausgeräumt“ worden. Das alles ist so unlogisch nicht, so wie man den Staat totalisiert, will sagen: vergottet. Niemand läßt seinen Gott, auch wenn es der Gott Moloch ist, der Fehlbarkeit öffentlich zeihen. Also mußte der Kritiker, auch der fürs Theater, auf Weihrauch-Streuer und Hymnensänger umsatteln oder aber, ertappt, als Frevler gestäupt werden.

Merkwürdig, wie gerade damals die Kritik ihre Unersetzlichkeit behauptete. So handschuhweich, so flötensanft konnte gar nie einer „kunstbetrachten“, daß nicht Kritik als das wesentliche Anliegen durchgeschlagen hätte wie ein feuchter Fleck. Wo ehedem, Kummer gewohnt, ein Darsteller ganzen Schwämmen kritischer Pfeile ergeben standhielt, da brachte ihn nun schon die Abwesenheit von Schmuckworten, das Fehlen von Superlativen so ziemlich aus dem Häuschen. Im Grunde war also alles beim alten geblieben. Es gab leidlich befriedigte, es gab beleidigte Künstler wie eh und je, und es gab dumpfe und helle Leser, von letzteren leider nie genug. Es gab, bei den dazu eingerichteten Denunziaturen Denunziationen mit und ohne Erfolg; aber es gab auch, und das muß festgehalten werden, selbst unter den verbotenerweise kritisch attackierten Spielleitern, Darstellern, Autoren, Künstlern immer noch solche, denen eine ehrliche Ablehnung lieber war als eine verlogene Lobpreisung. Sie hatten sich den Sinn dafür bewahrt, daß in der Tatsache der Kritik selbst die besondere. Auszeichnung für ihren Beruf, für ihre Leistung lag; denn über Frankfurter Würstchen zum Beispiel, obgleich auch lebenswichtig, werden keine Kritiken geschrieben. Und überdies hatten sie täglich Gelegenheit, den Ehrenwert der Propaganda und das Absinken ihres Pegelstandes zu ermessen.

Es soll beileibe nicht einer schrankenlosen Kritisiererei jener zerlösenden Art das Wort geredet werden, die den Kritiker zum „bösen Mann“ schlechthin gemacht hat, zum Feind, zum Bosnickel, zum ressentimentgetriebenen Vernichter in der Meinung der Betroffenen. Dies ist der Versuch, mit ein paar Erklärungen aufzuwarten. Die Leser, die selbst betroffenen wie die nur genießenden, ermessen fast nie, wie wenig frei der Kritiker zu allen Zeiten in einem Punkte ist: in bezug auf den Umfang seiner Besprechung. Das ist einmal besser, einmal schlechter; zu Zeiten der Papiernot, wie eben jetzt, ist es katastrophal! Katastrophal wofür? Nun, zum mindesten für die Liebenswürdigkeit. Sie kommt zu kurz; niemand weiß das besser als der Kritiker selbst. Denn man darf ihm zutrauen, daß er Einwände auch im Druck gerne so brächte, wie er es in guter Gesellschaft tun würde: mit einiger Verbindlichkeit, und daß er Anerkennungen desto lieber ausspänne, als es ja auch für ihn ein Vergnügen ist, andern ehrlich etwas Freundliches zu sagen.

Indessen, er hat keine Wahl. Wenn er überhaupt etwas zu sagen hat, dann hat er, bei der Raumnot der Zeitungen, nur die Qual, wählen zu müssen unter dem, was ihm das Wichtigste erscheint. In den Olimszeiten des großen Wiener Feuilletons gab es Theaterbesprechungen von acht bis zwölf Spalten! Noch mit der Hälfte könnte man Vollständigkeit anstreben und liebenswürdig bleiben. Mit der Hälfte der Hälfte ist man darauf angewiesen, das Ganze aus einem wesentlichen Punkte zu beleuchten und sich im übrigen kurz zu fassen. Nun gibt es innerhalb der zu treffenden Auswahl auch wieder ein Gefälle, und zwar bei alten, bekannten Stücken zugunsten, bei neuen, unbekannten aber meist zuungunsten der Darsteller.

Theaterleute, an ihre wochenlangen Mühen. Kämpfe, künstlerischen Anspannungen denkend, pflegen die frugale Abspeisung, die ihnen zuteil wird, für eine Ungerechtigkeit des Kritikers zu halten. Sie ahnen ja nicht, wie sehr ihnen gefühlsmäßig gerade der Kritiker recht gibt, für den es ja noch viel mehr als für sie – nämlich schon in statu nascendi – ein Verkürzen seiner Leistung bedeutet, wenn er das, was er über Herrn E., Fräulein T. e tutti quanti zu sagen wüßte, nur andeuten darf, das meiste aber (aus Raumnot) in seines Busens Tiefen versargen muß. Sie verkennen auch zuweilen, daß, nach dem natürlichen Rang der Dinge, oberstes Anliegen der Kritik die Deutung des Stückes selber ist und daß der Autor, indem er dies eine Mal seinen Verkörperern vorgezogen wird, nicht wie sie den allabendlichen Gewinst des Beifalls davonträgt, mit dem das Publikum an den Darstellern unmittelbar gutmacht, was die Kritik an ihnen (notgedrungen) versäumt.

Es ist nicht schön, statt eine wohlgesetzte Rede zu halten, nur Winke-Winke machen zu dürfen. Denn Artikulation gehört schließlich zum Wesen aller Kritik. Im übrigen ist und bleibt sie ein Übel Nur eben – solange wir Menschen zwar intentionierte Götter, aber faktisch nicht einmal Engel sind – ein notwendiges! Woran uns das Zehnjahresjubiläum seiner versuchten Abschaffung heute, inmitten der brandgeschwärzten wankenden Mauern abendländischer Zivilisation, ein wenig doch auch erinnern sollte.