Vor einer Generation noch galt Oxford für das"Heim toter Sprachen und unsterblicher Vorurteile". Dennoch war das Oxford-Diplom eine Auszeichnung, die im Urteil der Öffentlichkeit den Rang eines wissenschaftlichen "Victoria-Cross" einnahm. Was ist aus dieser berühmten Stätte des Geistes geworden, seit mit Kriegsausbruch überall die eisernen Vorhänge niederrasselten und auch Oxford uns in eine ungreifbare Ferne entglitt?

Kein historisches Geschehen hat bisher so stark verändernd auf die soziale Struktur Oxfords eingewirkt wie eben dieser Krieg. Schon im äußeren Bild ist der unwiderrufliche Übergang von der mittelalterlich-klösterlichen Welt zum modernen Zeitalter der rationalisierenden Technik spürbar. In der alten Universitätsstadt dominiert die Alma mater nicht mehr so unbestritten wie ehedem. Die Morriswerke sind zu ihrem mächtigen Rivalen geworden, und Fabrikarbeiter bestimmen heute neben den Studenten das Straßenbild. Als Lord Nuffield, der Besitzer der Morriswerke, für seine Interessen sogar ein Vorrecht in der Wohnraumverteilung beanspruchte und dabei mit der Verlegung des Betriebs drohte, kam es zu ernsten Spannungen in der Stadtverwaltung. Das große Kräftemessen hatte begonnen. Wer Sieger blieb? Natürlich gab es einen Kompromiß.

Aber der Wohnungsmangel bestand weiterhin. So wurden die stillen Höfe in den Colleges durch jene öden Wohnbaracken verschandelt, die hier wie in aller Welt von der Scheußlichkeit des internationalen Kommißstils Zeugnis ablegen. Sie dienen als Notwohnungen für die Studenten, die in den Colleges trotz dem Umbau der Arbeitszimmer zu Schlafräumen keinen Platz mehrfinden konnten. Diese bauliche Veränderung war übrigens die erste seit dem Mittelalter. Dabei hat die Zahl der Studierenden durch den Numerus clausus, den Oxford zur Bewahrung seines Niveaus einführte, nicht einmal den Vorkriegsstand erreicht. Aber die Jünger der Wissenschaft haben sich auf andere Weise vermehrt – zwar nicht durch "Knollen", um mit Wilhelm Busch zu reden – aber: sie haben geheiratet. So leben viele außerhalb der klösterlichen Abgeschiedenheit der eigentlichen Colleges. Das Gefühl einer fast mönchischen, ausschließlich der Wissenschaft geweihten Gemeinschaft ist geschwunden. Nur der feierliche Talar über dem Entlassungsanzug blieb.

Und sie sind älter geworden, die "undergraduakes" von heute, älter als ihre Väter es waren, da sie vor den Kathedern saßen. Die Jahre des Frontdienstes oder der Arbeit in der Kriegswirtschaft haben sie zu Männern gereift. Sie sind skeptisch geworden. Die Professoren mögen es in dieser Hinsicht nicht leicht mit ihnen haben; doch kritische Einstellung hat in der Wissenschaft noch nie geschadet. Und nun haben die Studenten schon die Sorgen der Familienväter und müssen auf "jobs" aus sein und auf eine möglichst schnelle Beendigung ihres Studiums, weil ihre Frauen sie drängen.

Jahrhundertelang war Oxford das Mekka der Humanisten. Aber auch dort ist nun die klassische Bildung entthront; so wertvoll sie für den Geist ist – zum schnellen Gelderwerb ist sie weniger tauglich. Außerdem haben die Studenten im Laufe des Krieges die griechische Grammatik ziemlich vergessen, während sie die Kenntnis lebender Sprachen erwarben. So ist das Belegen der einstmals vorherrschenden klassischen Fächer stark zurückgegangen zugunsten von Neuphilologie, Geschichte, Wirtschaft und Politik. Die neue Zeit hat auch vor den Refektorien nicht halt gemacht, die bis dato den mönchischen Eindruck noch am meisten festgehalten hatten. Einzelne Colleges sind bereits zum Selbstbedienungssystem der amerikanischen "cafeterias" übergegangen. Sogar die Form der deutschen "Mensa" ist in das früher so exklusive Milieu von Oxford eingedrungen. Bei uns Tradition seit dem ersten Elend, wird sie dort – je nach politischer Einstellung – als ein Sieg des Sozialismus oder als Beweis des fortschreitenden Staatsrentnertums gewertet.

Aber nicht nur die Studenten, auch die Universität hat ihre Sorgen. Die Angestellten, die durch ihre Einkünfte beim Militär oder in der Kriegswirtschaft verwöhnt sind, stellen immer neue Lohnforderungen, und sogar an die Verbesserung der Dozentengehälter muß gedacht werden, weil die fähigsten Köpfe sonst leicht in die Industrie abwandern. Je mehr aber der Staat Geldgeber wird, desto mehr steigt sein Einfluß auf die bisher so unabhängigen Universitäten.

Das alte Oxford ist im Umbau begriffen, aber die Güte seiner Ausbildung, die Geltung seines Diploms und das Ansehen seiner Collegekrawatten sind geblieben. Dieser Umbau ist Symptom eines bedeutenderen Vorgangs – und die nächsten Jahre werden es noch stärker zeigen –, daß nämlich nicht Deutschland allein, nicht einmal nur Mitteleuropa, ondern das ganze Abendland den Krieg verloren hat. Auch wenn man diesen Begriff auf der Insel noch für eine kontinentale Erfindung hält.

W. Rautenberg