Sind Planung und Lenkung ein Segen für die Wirtschaft oder ein Unheil? Die Frage klingt heute unzeitgemäß. In Frankreich hat gerade jetzt Jean Monnet einen Vierjahresplan vorgelegt, der in gemeinsamen Kommissionsberatungen von Vertretern aller Parteien, von Gewerkschaftsführern, Kapitalisten, Bauern und Genossenschaftsleitern ausgearbeitet worden ist. Bei seiner Bekanntgabe hat Monnet das Land gewarnt, wenn der Plan nicht angenommen werde, müsse die Nation vom Weltmarkt abtreten. In Rußland ist der neue Fünfjahresplan für den Wiederaufbau der Wirtschaft zu einem Siebenjahresplan erweitert worden, ohne Rücksicht darauf, daß durch eine solche Ankündigung viele Hoffnungen enttäuscht werden mußten. In England hat Sir Stafford Cripps auf einer Export-Konferenz britischer Industrieller mit beschwörenden Worten die Notwendigkeit betont, die Ausfuhr planmäßig so zu lenken, daß sie in Länder gehe, die dem Dollar angeschlossen sind, da sonst in ein oder zwei Jahren eine bedrohliche Währungslage entstehen könnte. Für Deutschland wird in New York ein Plan beraten, der zunächst nur die britische und amerikanische Zone betreffen soll, und der eine schrittweise Vermehrung der industriellen Erzeugung, des Exports und der Nahrungsmittel- und Rohstoffeinfuhr in allen Einzelheiten weitgehend festlegen wird. Und in der UN – um von weiteren Länderbeispielen abzusehen, die sich beliebig vermehren ließen – werden Pläne diskutiert für ein Weltwährungs- und ein Welternährungssystem, Pläne also, die, dem Charakter der Organisation entsprechend, weit umfassender sind als alle Einzelpläne der Länder, und die im Umfang das Äußerste darstellen, was an Planung überhaupt denkbar ist.

An diesem Übergewicht, das sich heute die Planung im Wirtschaftsleben erworben hat, haben zweifellos Kriegs- und Nachkriegserscheinungen einen sehr wesentlichen Anteil. Die Finanzkraft großer Staaten hat sich entscheidend gewandelt – es genügt, daran zu erinnern, daß England aus einem Gläubiger- zu einem Schuldnerstaat geworden ist, seine passive Handelsbilanz also nicht mehr durch andere Posten der Zahlungsbilanz ausgleichen kann. Länder, die früher Rohstoffe ausführten, um Fertigfabrikate zu erwerben, haben während des Krieges die eigene Industrialisierung stark vorangetrieben, wodurch sich die Absatzmärkte verengt oder verschoben haben. Gleichzeitig ist der Eigenbedarf vieler ehemals kriegführender Länder gewachsen, ohne daß die Mittel zur Befriedigung dieses Bedarfs ausreichten. Politische Unsicherheit steht einer Kreditgewährung im Wege, Alles dies sind erschwerende Umstände für eine gesunde Entwicklung, Umstände, die scheinbar zwangsweise zu einer Planung und Lenkung der Wirtschaft führen müssen.

Kein Wunder also, daß man bereits beginnt, hierin so etwas wie eine Heilsbotschaft zu sehen. Es ist heute so, daß vielerorts auch selbständige Unternehmer sich eine freie Wirtschaft kaum noch vorstellen können. Planung und Lenkung sind ein unumstößliches Dogma, sie sind eine Denkform geworden, deren festgelegte Bahn ein Andersdenken nicht mehr zuläßt. Und so ist es offenbar nur folgerichtig, wenn in den Verfassungen der drei süddeutschen Länder, die Wirtschaftsplanung durch den Staat unter die unveränderlichen Grundrechte des Volkes aufgenommen worden ist.

Unter diesem Gesichtspunkt nun war es eine nützliche Lehre, zu sehen, wie zwei große Streiks in Amerika, der Schiffahrtsstreik und der Streik der Bergleute über Nacht auf lange Zeit berechnete Planungen über den Haufen geworfen haben. Was der Ausstand der amerikanischen Seeleute für unsere Ernährungslage bedeutete, haben die Bewohner des Rheinlandes und Westfalens zu ihrem Unsegen erfahren. Die Tatsache, daß die zum großen Teil schwer arbeitende Bevölkerung dieser Gebiete trotz aller Anstrengung englischer und deutscher Stellen bestenfalls nur zwei Drittel der an sich bereits unzureichenden Kalorienmenge erhalten konnten, spricht für sich selbst. Der Streik der Bergleute hat in Amerika zu einer Kohlenknappheit und weitgehenden Einschränkungen in der Industrie und der Elektrizitätswirtschaft geführt. Infolgedessen mußte die Kohlenausfuhr nach Europa gesenkt werden, worunter insbesondere Italien, das zu 80 v. H. seines Bedarfs auf Amerika angewiesen ist, sehr zu leiden hat. Die Verringerung der Stahlerzeugung trifft England hart, das bei seinem Stahlmangel Importe aus Amerika dringend braucht. Und ganz allgemein wird durch die Verringerung des amerikanischen Produktionspotentials die Hilfeleistung für den Wiederaufbau Europas eingeschränkt, und das Absinken der Erzeugung führt automatisch zu einer Einschränkung auch der Kreditgewährung.

Pläne, die auf lange Sicht ausgearbeitet waren. werden dadurch außer Kraft gesetzt. Ob man sich nun dazu entschließt, neue Pläne auszuarbeiten, um die alten der veränderten Lage anzupassen, oder ob man abwartet, bis die ursprünglichen Verhältnisse, von denen man ausgegangen war, sich Wieder einstellen, auf jeden Fall entsteht zunächst ein mehr oder minder langer Zeitraum, in dem die vorgesehene Wirtschaftsplanung nicht funktioniert. Gerade das, was der Sinn jeder Planung ist: eine planmäßige Verteilung zu gewährleisten und einen gleichförmigen, möglichst reibungslosen Ablauf des Wirtschaftslebens dadurch ermöglichen, daß die konjunkturellen Schwankungen einer ungelenkten Wirtschaft beseitigt werden, wird nicht erreicht. Die Krisen des kapitalistischen Systems sind abgelöst worden durch Krisen der Planung, und die Heilsbotschaft bleibt Unbestätigt.

Den meisten Planungen ist eben eigentümlich, daß sie unelastisch sind, daß also plötzlich auftretende Störungen sofort Risse und Brüche im Gebäude hervorrufen. Sie sind nicht anpassungsfähig, Weil sie ein Eigenleben führen und damit ein Beharrungsvermögen besitzen, das schwer zu bekämpfen ist. Das hat sich in Deutschland sehr schlagend und in trauriger Weise an einem Problem gezeigt, dessen primäre Ursachen nicht Wirtschaftlicher, sondern politischer Natur sind. Dadurch, daß deutschen Ostgebiete unter polnische Treuhandschaft gestellt wurden, und weiter noch durch die Ausweisungen aus der Tschechoslowakei, aus Ungarn und Rumänien ist ein Strom von Vertriebenen in die von den Siegermächten besetzten vier Zonen gelenkt worden. Die Planungen aber, die bisher bestanden und auf ein viel größeres Gebiet zugeschnitten waren, sind unverändert geblieben. Immer noch bleibt die Gewerbefreiheit aufgehoben, immer noch gelten die starren Beschränkungen zum Schutze von Groß- und Einzelhandel, die eine Grundlage der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft bildeten. So vollzieht sich der Einglieder rungsprozeß der vertriebenen Deutschen in einem Schneckentempo, das die Betroffenen zur Verzweiflung bringt. Neue Planungs- und Lenkungsstellen sind für sie geschaffen, worden, aber was sie leisten könnten, scheitert an Vorschriften, die noch aus der Zeit der alten, inzwischen überholten Planung weiterbestehen.

Hier zeigt sich deutlich, wie nötig es ist, das ganze Problem der Planung und Lenkung, die der Welt Besserung und Erlösung bringen sollen, einmal von einer andern Seite her zu sehen, und die Frage, mit der wir begannen, unter diesem Gesichts – Winkel betrachtet, müßte lauten: Sind Planung und Lenkung ein Segen für den einzelnen Renschen oder ein Unheil? Die Frage so formulieren, heißt ein neues Moment in die Untersuchung bringen; an Stelle des anonymen Begriffs der Wirtschaft tritt als maßgebender Faktor nun das feie Individuum.