Von Sigurd Paulsen

Der dänische Außenminister Rasmussen weilt gegenwärtig in New York, um unter andern, die Südschleswigfrage zu besprechen. Er hat zuvor in einer Rundfunkrede die verwaltungsmäßige Abtrennung Schleswigs gefordert. Der Zeitpunkt für diesen dänischen Vorstoß gegen deutsche Rechte ist geschickt gewählt.

Wir Deutschen sind heute kaum imstande, einen Nationalitätenkampf in unsern Grenzgebieten zu führen. Besonders in der britischen Zone, der am ärgsten überfüllten, können wir es nicht. Am wenigsten ist Schleswig-Holstein dazu imstande, das anteilig mehr Flüchtlinge aufgenommen hat als alle andern Länder, so viele, daß Einheimische und Neuankömmlinge gleich an Zahl sind. Jenseits der Grenze beginnt ein Dasein ohne Not und Knappheit, ohne Belästigung durch das Flüchtlingselend, kurz das "normale" Leben. Wer sich mit Haus und Hof dort hinüberretten kann, läßt alles hinter sich. Heute schon hat ein Mitglied der dänischen Minderheit erhebliche Vergünstigungen durch die Speckpakete und andere Liebesgaben aus der neu entdeckten Heimat im Norden. So werden manche dazu verleitet, es für einen Irrtum der Großväter zu halten, daß sie 1848 und 1864 die letzten Verbindungen zu dem im Laufe von drei- bis fünfhundert Jahren vergessenen und unmerkbar aufgegebenen Dänemark in nationalistischem "Aufruhr" abgerissen haben, für einen Irrtum der Väter, daß sie 1920 für Deutschland stimmten, der Söhne, daß sie in diesem Krieg fielen.

So denken manche auch fälschlich, Hitler habe erwiesen, was Deutschtum wirklich sei und daß sie nicht dazu gehörten. Im Norden aber wohne die Freiheit. So können auch Ostflüchtlinge reden. Sie haben in Flensburg, das bei der Abstimmung 1920 nur 5 v. H. dänische Stimmen hatte, bei den Kommunalwahlen vom 13. Oktober sicherlich dazu beigetragen, daß für die dänischen Kandidaten über 59 000 Stimmen abgegeben wurden. Die Kopfzahl der stimmberechtigten Einheimischen hätte für dieses Ergebnis nicht ausgereicht. Elementare Triebe locken die gejagten Menschen: Du und ich, wir kommen schon hinüber und bauen uns unser grausam zerstörtes und mißhandeltes Leben in unbehinderter friedlicher Arbeit wieder auf. Wie gern träumt man so. Zwar wollen die Dänen gerade die Flüchtlinge aus dem Land verweisen, um so verdoppelt die Gunst der Einheimischen zu gewinnen – aber heutzutage wählt manch einer einem Traum zuliebe.

In solcher Atmosphäre darf keine Volksabstimmung stattfinden. Das haben auch die dänische Regierung und die Parteien des Kopenhagener Reichstags eingesehen. Mitte Oktober beschlossen sie nach langwierigen Verhandlungen im Außenpolitischen Ausschuß, als die britische Regierung, die in einer Note vom September angesichts der Propaganda der "Südschleswigschen Vereinigung" darauf gedrängt hatte, Dänemark solle sich für ein baldiges Plebiszit oder eine abstimmungslose Abtretung oder für einen Bevölkerungsaustausch entscheiden, dies alles abzulehnen. Dafür wünschen die Dänen die verwaltungsmäßige Abtrennung des Gebietes, das sich bis zur Eider erstreckt, von Holstein, schnellste Ansiedlung der Flüchtlinge, kulturelle und politische Freiheitsrechte für die dänische Minderheit in Südschleswig und die Zuziehung Dänemarks zu den Friedensverhandlungen mit Deutschland.

Dänemarks Wille ist, daß die Einheit Schleswig-Holsteins verschwindet, denn sie bildet das Fundament des Deutschtums an der Nordgrenze. In den Zusammenkünften der "Südschleswigschen Vereinigung" wird heute das Schleswig-Holsteinertum als eine der giftigen Blüten des alldeutschen Nationalismus dargestellt, aus der später die bitteren Früchte Hitlerdeutschlands heranreiften. In Wahrheit lehrt ein Blick auf die geistig-politische Entwicklung wie auf die nationale Dichtung Schleswig-Holsteins, daß unter der blauweißroten Fahne des 1848er Liberalismus nicht ein deutscher, sondern ein europäischer Völkerfrühling verkündet wurde. Nicht selten wird jetzt das Dichten und Denken eines Theodor Storm, das humanistische Pathos Dahlmanns und Uwe Jens Lornsens friesischer Freiheitswille als leere Mache ehrgeiziger Agitatoren und Professoren abgetan.

Eine Verketzerung des Schleswig-Holsteinertums würde auf die Dauer Schlimmeres bedeuten als eine bloße Geschichtsverdrehung unter Kirchturm-Politikern, das muß auch einmal außerhalb der Landesgrenzen von gesamtdeutscher Warte gesagt werden. Dänemarks, ja Skandinaviens freundschaftliche Verbundenheit mit dem deutschen Volk und das Zustandekommen einer wahrhaft europäischen Atmosphäre im Norden müßte darunter leiden. Die Stimme Schleswig-Holsteins in der Gemeinschaft der nordeuropäischen Völker war niemals die eines Aufrührers gegen echte Ordnung, sondern diejenige eines deutschen Stammes, der die brüderliche Verbundenheit mit Skandinavien als wertvollen Auftrag und Kulturerbe empfand. Das Hin- und Herrücken mit einer Grenze, die erst 1920 in einer vorbildlich gerechten Abstimmung unter internationaler Kontrolle festgesetzt worden ist, erscheint im Zeitalter der Atombombe und der durch sie gebotenen Entwicklung der Völker zu einer sittlichen Gemeinschaft als ein Schildbürgerstreich. Seine agitatorischen, Begleiterscheinungen aber haben darüber hinaus etwas Dämonisches. In einem autonomen Südschleswig würden diese Kräfte sich rühren wie die Vorboten kommenden Verhängnisses.