Zu einem Büchlein von Rudolf Bach

Jedem ist die Insel anders in Erinnerung: denn über ihrem schattenlosen Antlitz, im Silber des Lorbeers, ruht der ewige Apoll, den der Hirte Theokrit gesungen, und noch Jahrtausende später hat Giovanni Verga das grollende Idyll in gemeißelten Novellen gebändigt. Die Sage webt den Zauberer Empedokles aus Agrigent in die Legende seines Landes, und Pilger, ungezählt, gehen Seumes herrlichem Spaziergang nach Syrakus voraus und werden ihm wieder folgen. Wir aber sehen den weltweiten Goethe erhobenen Hauptes im Garten von Palermo die Urpflanze notieren, zeichnen, heraufbeschwören, ein später Nachfahr der sizilischen Philosophen: "Schließlich werden die Weisen zu Sehern und Sängern und Ärzten. Oder sie walten als Fürsten im Kreis der irdischen Menschen." (Empedokles.) Fürsten des Geistes: das sind die Hirten und Weisen, die sich der Wallfahrt nach dem Garten Italiens angeschlossen haben, der so Große wie Äschylos, Platon und Friedrich 11. von Hohenstaufen zugehören, Träumer, Denker und Künder des Wortes wie August von Platen. Daß eine Insel, so trächtig an Schicksal, am Rande Europas nach Afrika hinüberschaut und, still und stiller geworden, schlummert, ist wie ein menschlich rührendes Gebet, wie eine ciceronische Warnung hinauf zu den rußigen Schmiedestätten der Zivilisation. Kein antikes Syrakus, kein hohenstaufisches Palermo wird wiedererstehen. Aber Sizilien ist wie die Atempause, die Wandelhalle, das heitere Gespräch im Prozeß der europäischen Geschichte, und wer seinen urgewaltigen Atem spürt, wer durch die Scylla und Charybdis hinübergesetzt ist und die Ruinen von Messina betreten hat, der ist dem Grauen der "Borinage" in Europa entrückt. Der ist aus dem Kampf der Zivilisation entführt. Der wittert andere – Götterluft. Sie verdichtet sich längst nicht mehr in Tempeln. Sie schweift Vogelfrei um Segesta, Selinunt und Taormina, wo Richard Strauß die späte Offenbarung seiner "Daphne" erlebt hat. Die Ruinen der Insel funkeln ewig jung.

Regen die Skizzen, die Rudolf Bach von Sizilien entworfen hat, nicht zum Träumen an? Es ist wie eine lose, ganz vom sizilischen Hauch erfüllte Poesie, in der es nicht um wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern um das Atmosphärische geht – das schon Goethe so tief beeindruckt hat. Die Zeichnungen von Hagedorn sind allerdings nicht dazu angetan, diesen Hauch zu verstärken. Ein einmehr Vasenbild aus dem antiken Sizilien wäre mehr gewesen.

Das Werk Melvilles

Der Verlag Glaassen und Goverts setzt jetzt mit dem "Redburn" und dem "Moby Dick" seine große Melville-Ausgabe fort, die er 1938 mit der Übersetzung des "Billy Budd", Melvilles letztem, 1891 erschienenen Werk begonnen hatte. "Moby Dick" war bislang in einer unzulänglichen, bei Knaur veröffentlichen Ausgabe zugänglich. Mittlerweile ist bei Manesse in Zürich eine geradezu klassische Übertragung des "Moby Dick" herausgekommen,

Die Züricher Fassung krankte lediglich an einer manchmal überempfindlich stilisierten Sprache. Die Hamburger Übersetzung von Thesi Mutzenbecher und Erna Schnabel erreicht nicht die musikalische Ausgewogenheit der Züricher Fassung, ist aber eine geschlossene, überzeugende Leistung. Vollendet ist die Übertragung des "Redburn" die W. E. Süskind mit sprachlicher Meisterschaft durchgeführt hat. Leider fehlt beiden Bänden ein kurzer biographischer Hinweis, und wenn der Verlag auch die zauberhafte Novelle Gionos um Melville herausgebracht hat, ist sie dem Leser der beiden literarisch so fundamentalen Werke doch nicht ohne weiteres zur Hand oder zugänglich. Da auch der Desch-Verlag in München eine Gesamtausgabe von Melville vorbereitet, werden wir in Bälde vier deutsche Übertragungen des "Moby Dick" besitzen.

Ist das gerechtfertigt? Durchaus. Die Größe Melvilles ist erst spät erkannt worden. Vor Jahren hat die "Corona" eine Szene aus nachgelassenen Schriften veröffentlicht, in der die fast apokalyptische Wirklichkeitsbesessenheit des seltsamen Mannes in einer einzigen Figur zusammengerafft war. Aber seine Größe wäre ohne die existentielle, religiös fundierte Vertiefung des europäischen Denkens seit Kierkegaard nicht sichtbar geworden. Melvilles Realistik, die sich im "Moby Dick" als die Mammutreportage des Walfangs maskiert, die im "Redburn" den Eintritt ins Seemannsleben plastisch illustriert, ist mit der romantischen Liebe zur See, aus der Joseph Conrads Zwischenwelt erwächst, nicht zu vergleichen. Denn Melville ist im Gegensatz zu dem Polen Conrad, der vom Zauber und der melancholischen Poesie des Seelebens. behext ist, kein Romancier, obwohl er es zu sein glaubte. Dazu fehlt ihm die Phantasie, die immer neue Gestalten, Verwicklungen, Situationen erfindet, Dieser eigentümlich begrenzte Mangel an Phantasie schafft ja in seinen Büchern die toten Stellen, wo die Atmosphäre plötzlich absackt. Melville ist kein Geschichtenerzähler, sondern ein Sucher. Er ist besessen von der objektiven, uns umringenden ungeheuerlichen Welt, er ist einer der ersten, der nicht vom Menschen aus, sondern vom Objektiven, Nichtmenschlichen aus in den Menschen hinein, auf seine winzige Position hinab dichtet: der Hauptheld seiner Bücher ist der Wal Moby Dick – ein Tier; ist die Takelage, das Handlich-Wichtige, das Gebrauchsgut des Menschen. Die Seiten sind bei ihm durchschossen von unheimlichen Einsichten im Absoluten. Er kann sich heimlichen nicht verständlich machen. Aber dahinter steht ein Mensch, den der Dichter Hawthorne mit steht bewundert hat: denn er wächst dank seiner Verankerung im Absoluten an Dostojewsky, seiner und Gogol heran, er stürzt sich in den Abgrund der Welt wie die Hegel und Nietzsche in das unergründliche Abenteuer des Geistes.