Die Veredelungsspanne, der Wertunterschied zwischen Rohstoff und Fertigware, liegt in der Textilwirtschaft über dem industriellen Durchschnitt, in den letzten Verfeinerungsstufen sogar so erheblich, daß der Rohstoffpreis nur einen bescheidenen Bruchteil des Fertigwarenwertes ausmacht Dank dieser hohen Wertschöpfung macht sich die Einfuhr von Textilrohstoffen leicht bezahlt. Es kann keine unüberwindlichen Schwierigkeiten bereiten, genügend Spinnstoffe hereinzuholen. Das einzelne Unternehmen hat darauf keinen Einfluß. Es muß nehmen, was ihm zugeteilt wird. Ähnliches gilt für die Versorgung mit Hilfsstoffen, vor allem mit Kohle, deren Anteil am Erzeugungswert in der Textilindustrie glücklicherweise gering ist.

Von entscheidender Tragweite ist das Erzeugungsprogramm der Textil- und Bekleidungswirtschaft. Bei der bitteren Armut eines sehr großen Teils unseres Volkes ist es eine sinnvolle Forderung, die Erzeugung in der Hauptsache gängigsten Massen- und Stapelartikeln zu widmen, die Mindestbedingungen erfüllen. Bestmögliche Ware so billig wie möglich auf den Markt! Um diese soziale Forderung kömmt man nicht herum. Wir scheuen uns fast, den Begriff "Rationalisierung" wieder in die Erörterung zu werfen, aber er drängt sich unter dem Druck der Not erneut in der Betriebspolitik auf. Der unermeßliche Bedarf bildet dafür die Grundlage, Hier kann der nach Beweglichkeit rufende Unternehmer beweisen, was in diesem Ausschnitt freier Betriebsgestaltung noch an vernünftigen Lösungen schlummert, deren Anwendung eine soziale Bedarfsbefriedigung gestattet. Das ist ein Wirtschaftsprogramm, bei dem Technik und Organisation vereint ein gewichtiges Wort sprechen.

Und wie steht es mit der Ausfuhr? Die deutsche Textilwirtschaft war früher einer der bedeutendsten Ausfuhrzweige. An Stelle einst eingespielter Absatzbeziehungen zwischen gleichberechtigten Paitnern gähnt heute ein luftleerer Raum, der durch Verwaltungshilfen der Besatzungsmacht nur notdürftig gefüllt werden kann. Denn es handelt sich hier selten um vertretbare Waren. Es wäre deshalb dringend zu wünschen, daß der tätigen Unternehmungslust wieder Chancen eröffnet würden, zumal alle Welt nach Textilwaren hungert und lebhafte Ausfuhr eine zwingende Notwendigkeit ist. Mögen aber die Formen des Auslandsabsatzes vorerst bürokratischen Anstrich tragen: der Textilwirtschaft bleibt auf jeden Fall ein hohes Maß von Verantwortung für den werbenden Charakter der Waren mit dem Blick auf die fernere Zukunft. Hier haben die sich auszeichnenden und anpassenden Geschmacks-, Mode- und Sondererzeugnisse und die Güter mit Luxuscharakter, bei denen der Preiswettbewerb erst in zweiter Linie entscheidet, ein ausschlaggebendes Gewicht. Hier möchten aber auch alle Stellen, die mit der Ausfuhr befaßt sind, den höchstmöglichen Nutzgrad (und Devisenüberschuß) erstreben. H. A. N.