Vielen gilt die Philosophie als die Königin der Wissenschaften. So wurde auch die wissenschaftliche Vortragsreihe "Weltbild der Gegenwart" mit einem philosophischen Thema eröffnet: Nicolai Hartmann sprach über das Wesen der sittlichen Forderungen. (Vergleiche "Die Zeit" Nr. 41 vom 28. November.) Er war der Weise, emporgestiegen über den Kathederphilosophen hinaus, der er seinem Beruf nach ist, zur wirklichen Meisterschaft des Wissens und des Wortes. Ihm gegenüber verkörperte Pascual Jordan ein ganz anderes wissenschaftliches Temperament. Während er, um die eigene Denktätigkeit immer neu in Gang zu bringen, unaufhörlich zwischen Pult und Tafel hin- und herlief, schien ihn eine unsichtbare Batterie von Retorten und Mikroskopen zu umgeben: die sachlich-nüchterne Symbolwelt der modernen Naturforschung. Und wieder erlebte das Publikum eine Verwandlung: Der Philosoph hatte für eine Stunde eine Gemeinde geformt, die sich von seinen Worten ergriffen und gleichzeitig erbaut fühlte; der Naturforscher erzeugte hingegen mit seiner Vortragsweise die Illusion des Kollegs, das von den Hörern Mitarbeit verlangt. Unversehens war so aus dem Auditorium ein Laboratorium geworden.

Wer vom Ursprung des Lebens reden will, beginnt billigerweise ab ovo. Aber dieses Urei ist kein Ei des Kolumbus, das man in einer plötzlichen Erleuchtung entdeckt. Die biologische Forschung hat sich vielmehr redlich mühen müssen, bis sie zu den Errungenschaften unseres heutigen Naturwissens gelangte. Es bedeutete schon einen außerordentlichen, heute kaum nachmeßbaren Fortschritt, als Redi 1668 in seinem Buch über die Insekten den klaren Nachweis erbrachte, daß Leben grundsätzlich nur von zwei Wesen der gleichen Art hervorgebracht werden könne. So liegen oft in den Binsenwahrheiten von heute große Leistungen des Menschengeistes von gestern. Die Arten sind konstant, lehrte Cuvier, wie er es von den Versteinerungen ablas, und er entwarf ein großartiges Bild gewaltiger Erdkatastrophen und eines davon immer wieder unterbrochenen, immer wieder neu und von Grund auf einsetzenden Schöpfungsaktes. Die Arten verändern sich im Laufe allmählicher Umwandlungen, lehrte Darwin, und an die Stelle von Cuviers Riesendrama trat der Entwicklungsgedanke. Zuerst wohnte das Leben nur in Küstengewässern, wo es sich in einfachsten Gebilden verkörpert hatte. Von da krabbelte es aufs Land, entfaltete sich, flog in die Luft oder kroch, wie das Beispiel des Walfischs zeigt, wieder zurück ins mütterliche Meer. An den astronomischen Zahlen, die die Dauer dieser geologischpaläontologischen Vorgänge ungefähr bestimmen sollen, ist der kosmische Zusammenhang am ehesten zu merken. Vor 500 000 000 Jahren hatte das Leben auf der Erde nur eine kümmerliche Auswahl zu bieten: nichts als Muscheln, Amöben und ähnliche geringwertige Sorten. Aber selbst diese Gebilde hatten schon riesige Entwicklungsstufe hinter sich. Besonders ein bedeutsames Geschehen muß noch erheblich weiter zurückgelegen haben: der Schritt vom einzelligen zum mehrzelligen Lebewesen; ihn datiert man auf 1000 Millionen Jahre vor unserer Zeit. Immerhin stellt sich auch eine Amöbe beim genaueren Zusehen als eine Anhäufung von recht komplizierten chemischen Verbindungen heraus, deren synthetische Herstellung dem modernen Chemiker heute noch nicht im entferntesten möglich ist. Kein Zweifel, in der Amöbe schlägt der gleiche Lebenspuls wie in uns.

Aber wie steht es mit den Viren, jenen winzigen Gebilden, mit denen sich die Virusforschung beschäftigt? Sie sind noch viel kleiner als die Bakterien, obwohl deren "Größe" nur ein Tausendstel Millimeter ausmacht. Aber das Aufregendste an ihnen ist doch noch eine andere Eigenschaft: sie sind identisch mit einem chemischen Molekül. Kann man so etwas überhaupt noch unter die lebenden Wesen rechnen? Vollzieht sich hier der Übergang vom anorganischen zum organischen Leben? Wird es der Virusforschung gelingen, Leben in der Retorte künstlich zu erzeugen? Wie ein mystischer Nebel brauen die Sehnsüchte der Alchimisten um diese letzten Lebensrätsel. Wir fühlen uns geführt "von Nostradamus eigner Hand", obwohl die Ausführungen Jordans an Sachlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen.

Aber auch die Virussubstanz führt uns keinen Akt der Urzeugung vor Augen im Sinne jenes Stallburschen, der sich die Entstehung von Höhen aus dem Zusammenkommen von Pferdemist, Erde und Wasser erklärte. Auch Viren entstehen nicht von selber, sondern immer nur aus Viren. Zwar werden durch Anlegung von Eiweiß Tochternoleküle gebildet, was dem chemischen Vorgang der Autokatalyse zu entsprechen scheint. Doch die vom Chemiker synthetisch erzeugten Eiweißnoleküle zeigen stets eine symmetrische Struktur, im Gegensatz zur Asymmetrie der organischen Eiweißmasse. Mithin muß alles natürliche. Eiweiß aus einem einzigen spontan entstandenen Muttermolekül abgeleitet werden – dem Urei.

Diese Ergebnisse naturwissenschaftlichen Forschens und Besinnens lassen die große Wandlung erkennen, die sich in der geistigen Haltung der modernen Naturforschung gegenüber dem 19. Jahrhundert vollzogen hat. Damals lieferte die mechanistische Schule mit ihrem Kausalitätssystem dem Materialismus seine gewichtigste Argumentation. Das Experiment, streng auf die Beziehung Ursache-Wirkung abgestellt, stand im Ansehen eines unbestechlichen, durch nichts zu übertreffenlen Wahrheitserweises. Experiment und kausales Denken gerieten so in einen Kreisschluß, worin sie einander wechselseitig ihre unbedingte Gültigkeit bewiesen. Dieser gefährliche Zirkel, an dem sich der mechanistische Naturforscher ebenso wie der philosophische Materialist in ahnungsloser Freude begeisterte, bedeutete in seiner Konsequenz nichts Geringeres als die Vorherrschaft des Mittels über den Geist, der Maschine über den Menschen Von hier aus begreift man am besten den echten Fortschritt der modernen Naturforschung, der zugleich ein menschlicher Gewinn ist. Sie erst überführte – besonders im Bereich der Kernphysik – die Grundthese der Mechanisten, wonach alle Naturvorgänge auf Grund des Kausalitätsprinzips berechenbar seien, eindeutig des Trugs. Denn das "individuelle" Reagieren der Elementarteilchen vollzieht sich außerhalb der Ursächlichkeit; es widerlegt die Kausalität. Ebenso versagt das mechanistische Ordnungs- und Deutungsschema gegenüber den neuen Sachverhalten in der Biologie und Philogenie. Das Moment des Überraschenden, Unberechenbaren, Imponderabilen stellt sich als eine durchgängige Naturgegebenheit heraus, in der das ‚hohe menschliche Pathos von der Willensfreiheit in gewissem Grade vorgebildet erscheint, "Alles Lebendige ist nur ein Gleichnis" – hier wird es wirklich Ereignis und sprechendes Symbol. Das materialistische Weltbild in seiner mechanistischen Zweckhaftigkeit dürfte damit wohl endgültig gestürzt sein.

In diesen umwälzenden Entdeckungen wirkt der geheimnisvolle Bezug, der die vielfältigen Stufen des Seins ganz offenbar miteinander verknüpft, mächtig auf das menschliche Gemüt. Pascual Jordan blieb gleichwohl im klaren, nüchternen Raum seiner Wissenschaft, wie es dem Forscher geziemt. Dennoch ließen seine knappen Hinweise auf den philosophischen Ertrag die Ahnung letzter Seinszusammenhänge aufleuchten mit einer fast pantheistischen Lumineszenz. Durch die moderne Sprache hindurch vernahm man in großartiger und wunderbarer Bestätigung das "Ein und Alles" der Eleaten. L.