Es waren kaum zwei Wochen nach dem Tod Friedrich Lists im Jahre 1846 vergangen, als einer seiner vielseitigen Pläne für das deutsche Eisenbahnnetz verwirklicht wurde. Am 15. Dezember 1846 konnte die durchgehende Eisenbahnverbindung von Hamburg nach Berlin dem Verkehr übergeben werden. Wenn man die interessante Vorgeschichte dieses Bahnbaues betrachtet, kommt man zu dem Schluß, daß wir heute, da hundert Jahre vergangen sind, wieder an der gleichen Stelle der politischen und wirtschaftlichen Zerrissenheit und der Beschränkung des Blickwinkels durch enge Grenzen angelangt sind.

Der Plan zum Bau der Hamburg-Berliner Bahn nahm im Jahre 1841 während des Baues der vierzehn Kilometer langen Strecke Hamburg–Bergedorf greifbare Formen an, wenn auch die Frage der Linienführung zwischen Hamburg, Lübeck, Preußen, Mecklenburg und Dänemark (für das Herzogtum Lauenburg) die verschiedensten Streitfragen aufwarf. Abgesehen von dem Problem, ob die Strecke über Wittenberge oder Perleberg geführt werden sollte, verlangte der dänische König für sein damaliges Herzogtum Lauenburg, daß die neue Bahn auf jeden Fall die Stadt Lauenburg berühren müsse. Damit wären aber infolge der Geländeschwierigkeiten enorme Bau- und Betriebskosten entstanden. In einer besonderen Audienz entschied der dänische König schließlich am 21. Mai 1844, daß die Berlin-Hamburger-Eisenbahn-Gesellschaft zwischen Lauenburg und Büchen eine Anschlußbahn zu bauen habe, die die Einwohner Lauenburgs und alle Güter kostenlos befördern mußte. Zu diesem Zweck erhielten die Einwohner dieser Stadt eine besondere ‚,Kennkarte". Das "Lauenburger Eisenbahnprivileg", das bis zu seiner Aufhebung im Jahre 1937 zahlreiche Verwaltungs- und Gerichtsinstanzen beschäftigte, war allerdings für die Baugesellschaft immerhin noch billiger, als es eine Linienführung über Lauenburg gewesen wäre.

Der Fahrplan der Hamburg-Berliner Strecke sah ab April 1847 zunächst in jeder Richtung täglich eine durchgehende Verbindung vor. Man stieg in Hamburg um 7 Uhr ein und war um 16.15 Uhr in Berlin. Betrug die Reisezeit bei der Entfernung von rund 286 Kilometer damals noch 9 1/4 Stunden (gegen 41 Stunden mit der bisher üblichen Post), so verringerte sich die Reisedauer dann laufend mit der Erhöhung der Geschwindigkeiten.

Da die Linienführung dieser neuen Strecke in den Maßen der Steigungen und Krümmungen besonders günstig war, wurden zwischen Hamburg und Berlin sehr viele Versuchsfahrten unternommen und vor allem später ein Schnellverkehr eingerichtet, der wieder den modernen Ausbau der Signal- und Stellwerksanlagen bedingte. Die jüngste Erneuerung war die Verwirklichung der induktiven Zugbeeinflussung, das ist eine elektrotechnische Mechanisierung, die die Sicherung der Zugfahrten von menschlichen Irrtümern weitgehend unabhängig macht. Weiter war die Strecke Hamburg–Berlin die erste Eisenbahnstrecke der Welt, die (schon im Januar 1927) mit Zugtelefonie ausgerüstet war. Der Fernsprechverkehr aus den Zügen erstreckte sich auf das gesamte deutsche Postgebiet, auf die Schweiz und auf die Verbindung mit Schiffen auf See.

Von den Versuchsfahrten werden noch die Versuche mit dem "Propellerwagen" des Pioniers der schnellen Schienenfahrzeuge, Dr.-Ing. Kruckenberg, in lebhafter Erinnerung sein. Er erreichte mit seinem Stromlinienwagen damals 230 km/st. Mitte Mai 1933 lief der "Fliegende Hamburger" planmäßig mit 124,7 km/st Reisegeschwindigkeit in zwei Stunden und 18 Minuten von Hamburg nach Berlin. Er war damals der schnellste Reisezug der Welt.

Und wie sieht es heute aus? Gewiß gibt es die Strecke Hamburg–Berlin noch, und es könnten sogar Züge auf ihr verkehren, da die Reichsbahndirektion Hamburg die Brücke über den Elbe-Trave-Kanal bei Büchen wiederhergestellt hat Allerdings ist die Strecke im russisch besetzten Gebiet nur noch eingleisig, da die Sowjets ein Gleis demontiert haben. Der gesamte Verkehr von und nach Berlin läuft augenblicklich über Hannover. Wer im Besitz des ersehnten Vierzonenpasses ist und nach Berlin reisen möchte, kann in Hamburg-Altona um 5.48 Uhr einsteigen, um in Berlin-Charlottenburg um 20.27 Uhr anzukommen.

Abgesehen davon, daß nur wenige Glückliche überhaupt die erforderlichen Reisepapiere bekommen, haben wir uns auch in dieser Beziehung um über hundert Jahre zurückentwickelt, und mit den früher üblichen Theaterfahrten der Hamburger nach Berlin ist es längst aus. Heute braucht man für eine Bahnfahrt von Hamburg nach Berlin 14 1/4 Stunden, während vor hundert Jahren, als diese Strecke eingeweiht wurde, immerhin fünf Stunden weniger nötig waren. Kürzlich berichtete jemand, der es sehr genau wissen muß, daß er "schwarz" von dem indessen 40 Jahre alten Hamburger Hauptbahnhof bis zum Bahnhof Friedrichstraße in Berlin "nur" 48 Stunden gebraucht habe. Damit wären wir also wieder bei den Zeiten der guten alten Postkutsche angelangt. ww