Berlin soll nicht mehr Deutschlands Hauptstadt sein, hat Dr. Adenauer erklärt: "Wir im Westen lehnen vieles, was gemeinhin preußischer Geist’ genannt wird. ab. Ich glaube, daß die deutsche Hauptstadt eher im Südwesten liegen soll als im weit östlich gelegenen Berlin. In der Gegend des Mains. dort, wo die Fenster Deutschlands auchnach dem Westen hin weit geöffnet sind, sollte die neue Hauptstadt liegen.

Man muß sich über einen Punkt klar sein: unsere ehemaligen Kriegsgegner haben keinen Grund, uns besonders liebevoll zu behandeln, am wenigsten die Franzosen. Es wird an uns liegen, das Mißtrauen langsam zu zerstreuen. Sobald aber Berlin v. ieder Hauptsadt wird, wird das Mißtrauen im Ausland unauslöschbar werden. Wer Berlin zur neuen Hauptstadt macht, schafft geistig ein neues Preußen."

Mit tiefer Bestürzung haben wir diese Worte gelesen. Berlins Bevölkerung hat soeben erst in einer Weise, die für ganz Deutschland vorbildlich sein sollte, einen tapferen Kampf für wahre frei-Zeitliche Demokratie geführt, und der Vorsitzende der CDU erklärt, man schaffe geistig ein "neues Preußen", wenn man Berlin zur neuen Hauptstadt mache. Es ist schwer, diesen Satz als ein ernsthaftes Argument zu nehmen. Denn wie dieser neue preußische Geist denn eigentlich aussehen sollte, das zu sagen, ist Dr. Adenauer schuldig geblieben.

Daß Berlin uns nicht den Nationalsozialismus beschert hat, dürfte auch ihm bekannt sein. In dem von Dr. Adenauer so gepriesenen Südwesten hatte Hitlers Partei längst festen Fuß gefaßt, ehe sie es wagen konnte, den Versuch zu machen, "Berlin zu erobern". Das aber ist ihr nie gelungen. Man vergleiche doch einmal die deutschen Wahlresultate von 1933, und man wird erkennen, wie gut Berlin gegenüber dem demokratischen Westen und Südwesten abschneidet. Nicht umsonst hat Hitler diese Stadt so sehr gehaßt, die prozentual die geringste Zahl von Parteimitgliedern unter allen deutschen Gauen hatte. War. dies vielleicht der böse preußische Geist, den Dr. Adenauer an die Wand malt?

Was stört Dr. Adenauer an Berlin? Jene kämpferische Atmosphäre etwa, in der die Ideale eines bequemen Besitzbürgertums nicht gedeihen können? Oder ist mit "preußischem Geist" ein künftiger Militarismus gemeint? Dr Adenauer weiß so gut wie wir, daß es in Deutschland einen Militarismus nicht wieder geben wird. Oder denkt er etwa an eine Unterdrückung des eigenstaatlichen Lebens der Länder durch Preußen? Preußen ist zerschlagen und wird nicht wiedererstehen. Wie soll es da zu einer solchen Unterdrückung kommen, da Berlin nie wieder die Hauptstadt Preußens werden kann? Was also soll diese Behauptung in einem Interview mit einer weit verbreiteten Zeitung bezwecken, wenn nicht dies, im Ausland Mißtrauen zu säen, und zwar auf eine so vergiftende Art, daß sie tödlich wirken muß?

Die Franzosen, meint Dr. Adenauer, hätten am wenigsten Grund, uns liebevoll zu behandeln, wohl deshalb soll unsere Hauptstadt in der Gegend des Mains liegen, wo die Fenster Deutschlands nach dem Westen weit geöffnet sind. Uns will scheinen, die Russen hätten noch mehr Grund, uns böse zu sein. Die Franzosen – so war es doch – haben uns den Krieg erklärt, mit den Russen hatten wir einen Freundschaftspakt und haben sie bösartig im tiefsten Frieden überfallen. Doch was soll /diese Frage überhaupt? Wann jemals in der Geschichte des Abendlandes, so müssen wir fragen, ist einem Lande zugemutet worden, seine Hauptstadt nach den Wünschen des Auslands zu bestimmen? Die Argumente von Dr Adenauer sind nicht sehr stichhaltig. Sie verdecken nur oberflächlich ein tiefes persönliches Ressentiment, bei dem der Ärger über unbotmäßige Parteivorsitzende in der Ostzone mitsprechen mag Und dieser Streit soll auf Kosten des Volkes ausgefochten werden, dem heute nichts so not tut wie Einheit. Dabei wird eine Stadt, die in einer umkämpften Zone der Hort westlicher Demokratie ist, verdächtigt und verächtlich gemacht.

Daß der württembergische Prof. Schmidt und der Frankfurter Oberbürgermeister Dr. Kolb erklärt haben, die deutsche Hauptstadt müsse zwischen Reben hängen und nicht zwischen Kartoffeläckern liegen, darf man übersehen: Diese Hauptstadt heißt Schilda und ist die Heimat jener Schildbürger, deren Streiche in gewissen Teilen unseres Landes als vorbildlich gelten. Der Führer einer großen Partei aber sollte weiter denken. Er sollte den Sinn für reale Verhältnisse hauen und sich nicht in nebelhafte Ideologien verlieren. Er sollte vor allem in dieser Zeit des deutschen Elends nicht eine Frage aufwerfen, die Streit und bitteren Hader hervorrufen muß.

Die richtige Antwort hat Berlins neuer Oberbürgermeister Dr. Ostrowski gegeben, als er in seiner Antrittsrede sagte: "Bei der engen Zusammenarbeit der künftigen deutschen Zentralregierung mit den alliierten Behörden wird Berlin von selbst seinen alten Platz als deutsche Reichshauptstadt wiedererlangen." Richard Tüngel