Von Ernst Kirsten, Göttingen

Die heftigen Angriffe des ukrainischen Vertreters auf der Pariser Friedenskonferenz und vor dem Sicherheitsrat gegen Griechenland und das starke Aufflackern des Bürgerkriegs in Thessalien, Spirns, den Peloponnes und Thrazien haben die Aufmerksamkeit auf eine Streitfrage gelenkt, die an sich vielleicht unbedeutend, die Griechenland aber und besonders für seine jetzige Regierung eine Sache der Ehre ist: den Anspruch Griechenlands auf den südlichsten Zipfel Albaniens, Griechische Truppen hatten im Jahre 1940/41 im Kampf mit Italien das Gebiet um die Stadt Argyrokastro erobert; sie nennen es Nordepirus, um den Zusammenhang mit ihrer Provinz Epirus und der Hauptstadt Jeannina zu betonen, Albanien war 1940 zur Zeit des italienischen Angriffs auf Griechenland mit Italien in Personalunion verblinden und hatte den Krieg gegen Griechenland mitbeschlossen. Seither wurden aber zwischen beiden Ländern keine Verhandlungen geführt. Daher betrachtet sich Griechenland noch immer im Kriegszustand mit Albanien und begründet darauf die Berechtigung, auch an dieses Land Forderungen ja stellen, wie an die Angreifernationen Italien, Deutschland und Bulgarien, deren Truppen sein Land besetzt und wirtschaftlich in eine unglückliche Lage gebracht hatten. Der Anspruch Griechenlands auf Albanien steht also parallel zu der Forderung auf die griechisch besiedelten Inseln der Dodekaner mit Rhodos (italienisch seit 1912), auf dauernde Rückgabe der 1941/44 von bulgarischen Truppen besetzten Provinzen Mazedonien und Westthrazien und auf Verbesserung der Grenzziehung gegen Bulgarien. Er gründet sich auf besondere Verhältnisse dieses südalbanischen, durch Eisenerzvorkommen nicht unwichtigen Gebietes, die ohne eine Kenntnis seiner Vergangenheit nicht zu verstehen sind.

Man möchte sagen: es sind zunächst typische Balkanprobleme des 19. und frühen 20. Jahrhunderts die hier nachwirken. Das strittige Gebiet ist völkisches Grenzgebiet und von Albanesen erst seit etwa 1820 besetzt Seiner Lage nach ist es übergangsgebiet zwischen beiden Staaten, dabei vom Kern des griechischen Staates abgelegen, in seiner Siedlungsstruktur aber so recht geeignet für dauernde Grenzzwischenfälle. Seit der Bildung des albanesischen Staates 1913 beziehungsweise 1920 wohnen hier etwa 45 000 Griechen christlichen Glaubens in und bei der Stadt Argyrokastro. Um der Einheitlichkeit der Grenzziehung willen sind sie vor den Toren Griechenlands gelassen worden.

Das gesamte Gebiet westlich des Pindos-Gebirges ist durch das Hochgebirge scharf abgegrenzt. Darum blieb auch sein Südteil außerhalb des neugriechischen Staates von 1832 bis 1912/13 und war weiterhin unter türkischer Herrschaft mit Albanien vereinigt. Auch die Zuerkennung Thessaliens an Griechenland im Jahre 1881, also des Landes östlich des Mezovonpasses, änderte daran nichts. Jeder Grenzziehung spottend, gibt es in diesen Gebieten noch heute Nomadentum. Alljährlich ziehen im Oktober und November die Hirten vom Hochgebirge, dessen karge Hänge überhaupt nur für Viehwirtschaft geeignet sind, nach den feuchten Weiden am Strand des Meeres oder nach den alten Sumpfgebieten in Thessalien oder Mittelgriechenland. Am reinsten ist das Nomadentum heute noch bei den Kutzowlaken, Aromunen oder Sarakatsanen ausgeprägt, einem Splitter des rumänischen Volkes. Aber auch albanesische und griechische Hirten suchen, unbekümmert um Grenzziehung und Paßzwang, günstige Winterweide, von der sie im Mai ins Hochgebirge zurückkehren.

Aus den Gebieten um den Pindos herum sind alle Eroberungszüge nach Griechenland vorgestoßen; von hier aus haben im 12. Jahrhundert Wlachen Thessalien besetzt, haben Albanesen sich im 14. Jahrhundert bis weit hinein nach Griechenland ausgebreitet und hat das großserbische Reich Stefan Duschans um 1345 seine Herrschaft bis an den Golf Von Lamia vorgeschoben. Jene Albanesen sind im Griechentum aufgegangen, sie fühlen sich als Griechen, auch wenn sie noch die alte Muttersprache bewahren und in geschlossenen Dörfern sich erhalten, wie in der Umgebung von Athen und Olympia. Auch die Ansiedlung albanesischer Söldner bei der Sicherung des Landes durch die Türken gegen die russischen Angriffe in der Ägäis 1770 bis 1774 hat die Stellung des Albanesentums auf griechischem Boden nicht gestärkt. Dagegen ist dort, wo im Pindosgebiet Albanesen, Griechen und Wlachen sich als getrennte Völkerschaften in größerer Zahl gegenüberstehen, die Feindschaft geblieben. In jedem Jahr erhebt sich erneut, wie unter Hirten üblich, der Streit um die besten Weidegebiete. Er mochte von lokaler Bedeutung bleiben, solange der ganze Raum auf der Kulturstufe des Nomadentums verharrte. Doch für die Bauern in den Beckenebenen und der nicht malariaverseuchten Meeresküste sind die Wanderhirten Störenfriede. Ihnen gegenüber haben sich die Bewohner der Beckenebenen zusammengeschlossen und dann die Unterstützung der größeren Mächte am Rand des Gebietes gesucht, das die Hirten "unsicher" machen.

Das Abseitsstehen Albaniens gegenüber der Balkanentente von 1934 und seine Annäherung an Italien auf wirtschaftlicher Basis ließen Epirus immer fester mit Griechenland verwachsen. Nun mochte man zwar Argyrokastro als griechische Irredenta missen, aber die innere Lager Griechenlands verbot seit der Katastrophe in Kleinasien 1923 jeden Expansionsgedanken. Da griff das faschistische Italien im April 1939 über die Adria hinweg und überfiel am Karfreitag – einem zugleich christlichen und mohammedanischen Feiertag – Albanien. Sogleich fürchtete man in Griechenland eine Bedrohung, schob Truppen, an die epirotische Grenze und beschleunigte in den nächsten Monaten den Ausbau der Nachschubstraßen von Athen und Saloniki über Trikalla und Larissa nach Joannina. Es war klar: in der Hand einer Großmacht mußte. Albanien nach der Gewinnung von ganz Epirus streben Jeden Augenblick konnten die mit dem Nomadentum gegebenen Grenzzwischenfälle den Funken ins Pulverfaß werfen. Griechenland vermied es peinlich, einen Anlaß zu bieten. Da wurden ihm im Oktober 1940 von Mussolini erst unannehmbare Forderungen nach Stützpunkten gestellt, dann der Krieg erklärt, Italiens Ziel war Joannina, der Golf von Arta und damit die Sicherung des Hinterlandes der Ionischen Inseln, besonders von Korfu, nach dem es schon 1924 einmal seine Hand ausgestreckt hatte. Es wollte die Einmischung im Balkan und Sicherung der Einfahrt in die Adria, die unter englischer Kontrolle stand. Doch mit, einem Blitzkrieg war dem zähen griechischen Soldatentum nicht beizukommen. Infolge schlechter Ausrüstung für einen Winterfeldzug versagten hier sogar die italienischen Alpini-Regimenter. Es gelang den Griechen, unter schwierigsten Verhältnissen die Italiener wieder aus ihrem Land zu drängen und schließlich Nordepirus zu erobern. Mitunter griff man dabei in alter Hirtenart durch Entfesseln von Geröll-Lawinen den Gegner erfolgreich an. Im Kampf mit modernsten Waffen siegte altes Balkan-Kriegertum.

Der griechische Widerstand rief das deutsche Eingreifen hervor, es veranlagte eine Besetzung ganz Griechenlands im April 1941 über die Zurückdrängung der gelandeten englischen Truppen hinaus. Griechische militärische Kreise, die eine deutsche Vermittlung zwischen Griechenland und Italien anstrebten, hatten gehofft, Deutschland würde sich mit der Errichtung einer Saloniki-Front begnügen. Die Besetzung Griechenlands und Kretas bedeutete eine Verzögerung Beginn? des Rußlandfeldzuges um Monate, die dann beim Eintritt des östlichen Winters fehlten. So hat der griechische Widerstand die Wendung des Krieges stark beeinflußt – gerade zugunsten der Sowiertution, jetzt den griechischen Verzicht auf Nordepirus verlangt. Erst recht haben die Jahre der italienischen und deutschen Besetzung Griechenlands die Bedeutung des epirotischen Gebietes beiderseits der Grenze (und zwar gerade "wegen der Undurchsichtigkeit der dortigen Verhältnisse) für die westlichen Alliierten erwiesen. Zwar gelang es den Deutschen, durch einen Blitzvorstoß die Italiener zu entlasten und die griechische Epirusarmee zur Kapitulation zu bringen. Aber geschlossene kleinere Verbände von ihr wichen ins Gebirge aus und bildeten den straff organisierten Kern einer Widerstandsbewegung, die England mit großem Erfolg zur Beunruhigung des deutschen Nachschubs einsetzen konnte. Ihr Führer, der damalige Oberst Napoleon Zerwas, gewann rasch Popularität, wie sie in der Vergangenheit wohl nur einheimische Räuberhauptleute hatten. Er trat bald dem damaligen Führer der jugoslawischen Widerstandsbewegung, Mihailowitsch, ebenbürtig zur Seite. Zerwas’ Bedeutung schwand erst, als nach dem Sturz des Faschismus und der Auflösung der italienischen Besatzungstruppe die Führung der griechischen Widerstandsbewegung mehr und mehr in kommunistische Hände geriet, als von Rußland über Bulgarien Unterstützungen ins Land flossen, damit aber zugleich der griechische Nordwesten zurücktrat gegenüber der Lebenslinie des Landes im Osten. Für diese Bestrebungen waren Zerwas Selbständigkeitswünsche nur unangenehm; er wurde daher ähnlich wie Mihailowitsch zurückgedrängt und sah sich nach der Besetzung Nordwestgriechenlands und Albaniens durch deutsche Truppen im September 1943 zeitweise gezwungen, sich den Deutschen gegenüber neutral zu verhalten. Nach dem Abzug der Deutschen kam es dann zu Kämpfen zwischen Freiheitskämpfern gleichen Volkstums unter verschiedener Führung. Schließlich wurde Zerwas-auf das Grenzgebiet beschränkt, das einst die griechische Armee gewonnen hatte und mußte sich dann mit seinen nationalistischen Freiwilligenverbänden aus dem Raum Joannina auf Korfu zurückziehen. Seither hat man nur wenig von ihm gehört; Doch sind auf seine Anhänger wohl die Grenzzwischenfälle zurückzuführen, die Tito mehrfach nationalen griechischen Verbänden zugeschrieben hat. Man darf auch annehmen, daß in der griechischen Regierung Freunde des Generals sitzen. Für sie ist Nordepirus nicht nur griechischer Volksboden, sondern dieser Landstrich ist verklärt durch die Siege von 1940 41 und die Erfolge der späteren Widerstandsbewegung.

Dieser Einstellung steht der Anspruch der albanischen Regierung gegenüber, nach Abschüttelung der italienischen Herrschaft das Staatsgebiet auf dem Status quo von 1939 zu erhalten. Diese außenpolitische Forderung ist um so wichtiger, weil sich Albanien in einer inneren Umwälzung befindet, die durch die Schlagworte eines (nationalen) Sozialismus, eines Bodenreformprogramms des Ministerpräsidenten Hodscha, vielleicht auch durch den Vergleich mit dem Vorbild dieser Staatsreform eines Mohammedaners, der Türkei Kemals, noch nicht genügend bestimmt ist. Es geht hier um nichts Geringeres als um den endgültigen Bruch mit dem Mittelalter und mit der türkischen Vergangenheit. Durch ihre Kompromisse mit der Herrschaft König Zogus, mit den italienischen oder deutschen Besatzungsbehörden haben die alten Familien des Landes ihr Ansehen eingebüßt. Die Beseitigung ihrer wirtschaftlichen Vorherrschaft als Erbe des türkischen Großgrundbesitzerstaates ist nur ein Auftakt Nun gilt es, auch ihre politische Macht zu beseitigen. Die Bodenreform-Idee hat Hodscha an die Seite Titos geführt, um seine Politik in die von Rußland angeregte Neugestaltung des Balkans einfügen zu lassen. Aber gewiß ist die Macht der alten Geschlechter noch nicht gebrochen und das slawische Element im Albanesentum nicht stark genug, die zum Beispiel den Bulgaren vertraute Form der Genossenschaftswirtschaft als Analogie zur Kolchose zu begünstigen. So bedarf der albanische Sozialismus äußerer Hilfe. Damit aber ist, von Griechenland aus gesehen, die Lage wiederhergestellt, die die italienische Besetzung des Landes geschaffen hatte: eine Unterstützung Albaniens durch ne fremde Macht. Das bedeutet eine erneute Gefährdung des griechischen Epirus!