Wie vieles gibt es doch, das ich nicht nötig habe!" Manch ein leidenschaftlicher Raucher wäre froh, wenn er heute diesen Ausspruch des Sokrates für sich in Anspruch nehmen könnte. Es bedarf nicht des Beweises der historisch Unterrichteten, daß Sokrates Nichtraucher gewesen ist, da er schon 339 v. Chr. starb, die Europäer das Rauchen aber erst durch die Vermittlung des Kolumbus von den Mexikanern lernten. Zwar gab es, so wird man im Zigarrenmuseum zu Bünde in Westfalen belehrt, Raucher schon vor 2000 Jahren, aber doch wohl nur in Mittel- und Südamerika. Gewiß, gewiß, das ist alles richtig und alles sehr lange her. Für mich persönlich ist jener Ausspruch des Sokrates weit überzeugender; denn, wie gesagt, welcher Raucher könnte so etwas sagen?

Und Epiktet, ein anderer Philosoph, von dem der Ausruf überliefert ist; "Bei den Göttern, ich habe Verlangen, einen Stoiker zu sehen", er müßte heute sterben, ohne sein Verlangen gestillt zu haben. Wie kann man, abgesehen von anderem, Stoiker sein, wenn man Raucher ist und nichts zu rauchen hat? Niemand von all den Fremden, die man in Deutschlands tabakreichster Landschaft trifft, in der Eisenbahn zwischen Lahr und Herbolzheim in Südbaden, zwischen Orschweier und Grafenhausen auf der Landstraße oder in beschwörendem Gespräch mit Tabakbauern vor einem Trockenschuppen von Kippenheim (nomen est ommen!), Altersheim. Ischenheim – niemand von all diesen hat die echte philosophische Freiheit. Aber sie haben alle ein Köfferchen, und darin befinden sich zum Beispiel ein Paar Schuhe, eine Arbeitshose, Zucker, Sacharin und andere "Gegenware". und nach und nach verwandelt sich die Gegen- in Rauchwate, Südlich von Lahr traf ich eine Kölnerin, die mir erzählte, wie sie in einem Jahr 1000 Mark verraucht habe. Das waren ihre ganzen Ersparnisse, aber sie habe nicht mehr dafür bekommen auf dem Schwarzen Markt als drei Zigaretten täglich. Nun ist sie zu neuen Geschäften mit Süßstoff unterwegs (ihre Freundin arbeitet in einer Sacharinfabrik).

Sie und all die andern möchten etwas von der "Ernte 46" haben. Aber – das Geschäft ist riskant geworden; Polizeistreifen auf dem Lande, Kofferkontrollen an den Zonengrenzen, zollamtliche Verschlüsse an den Speichern der Fabriken, behördliche Feststellung des Ernteertrages in den Tabakschuppen. 100 000 Zentner hängen, auf Schnüre gereiht und leise bewegt vom Wind, der durch die geöffneten Jalousien der Trockenscheuern streicht, unter den Dächern in Nordbaden. In Südbaden, wo 3400 Hektar angebaut wurden (Nordbadens 3045 Hektar), sind es noch mehr, aber den guten Ertrag, auf den die kippensammelnden Normalverbraucher hofften, hat die "Ernte 46" nicht gebracht; denn, den guten Durchschnittsertrag von 50 Pfund je Ar zugrunde gelegt, hätten die Tabakanbauflachen ganz Badens mehr als 300 000 Zentner erbringen müssen, also gerade die Menge, die in den Vorkriegsjahren geerntet wurde. Das waren zwei Fünftel des deutschen Inlandtabaks. Die Vergrößerung der Anbaufläche wird von Besatzungsmacht und Behörden betrieben, um mit einem großen Teil der Ernte Kompensationsgeschäfte zu machen. So soll die interzonale Devise des blauen Dunstes gegen Lebensmittel, Lastkraftwagen und alles was die Wirtschaft der Zone braucht, eingetauscht werden. Was Südbaden betrifft, so hört man im Landwirtschaftsministerium in Freiburg, der Tabak sei hierzulande "das wichtigste Kompensationsobjekt".

Den Rauchern jedenfalls ist klar, daß sie sich einstweilen selbst weiterhelfen müssen, so gut sie können. Abgesehen von denen, die Verträge mit Bekannten schließen, für sie Stummel oder – wie der Fachausdruck heute heißt – Kippen zu sammeln. Die andern tauschen, was sie noch zu tauschen haben, und sie pflanzen und fermentieren selbst. Sie geben sich dabei die größte Mühe, und doch schmecken die "Aktiven" aus den Zigarettenfabriken immer noch besser als die Selbstgekurbelten aus eigener Zucht oder vom Erzeuger. Denn der einzelne Selbstversorger verfügt nicht über die Verarbeitungsmethoden wie die Fabriken, natürlich hat er auch keine Zeit, den Tabak ablagern zu lassen. Aber das Wichtigste: er hat keine anderen Sorten zum Mischen. Und unvermischt schmeckt selbst der beste Tabak nicht. Aber die südbadischen Fabriken haben auch heute noch Vorräte überseeischer Tabake.

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Fragt den Raucher, ob er nicht die Klassifizierung des Tabaks unter die Genußmittel für einen groben Irrtum hält? Ist der Tabak nicht mehr – ein Stimulans, das die Arbeit, den Unternehmungsgeist, die geistige Aktivität fördert, kurz: ein Lebens-Mittel für die, die ihn gewöhnt sind? Wenn das so ist, dann können die Raucher mit den pharisäischen Ratschlägen der Nichtraucher ("Man muß sich beherrschen können; ich esse auch gern Schokolade!") nicht viel anfangen. Was wissen sie schon, so fragen die Raucher, von der belebenden, anregenden, konzentrierenden Wirkung des Tabaks auf die Kräfte des Geistes? Als ob Tabak und Schokolade zu vergleichen wären! Die Raucher halten es mit der Tabacologia, einer alten Schrift, die feststellt: Einer, der studiert, muß notwendig viel Tabak rauchen, damit die Geister nicht verlorengehen.

Zu viel selbstverständlich nicht, und vor allem keinen unfermentierten, sonst gehen nicht nur die Geister verloren, sondern der Sünder gibt den Geist auf wie jene Malerin von Radolfzell am Bodensee, die an Nikotinvergiftung starb, nachdem sie in wenigen Stunden 50 Gramm frischen, unfermentierten Tabak geraucht hatte. Möge es niemandem ergehen wie ihr! Hellmut Holthaus