Mary Wigman ist jetzt, nun sie die Sechzig erreicht hat, in Leipzig mit dem Titel eines Professors geehrt worden. Es ist nicht möglich, die Fülle der Tänze und Tanzspiele, mit, denen sie Deutschland und die Welt beglückt hat, in einer Gesamtausstellung zu zeigen. Sie sind an Lebensalter, Zeitumstände und die Gruppe gebunden, mit der sie gearbeitet hat. Als ich sie zuletzt in Leipzig sah, inmitten der Trümmer, wo ihr Privathaus glücklicherweise noch verschont war, gehörte ihre einzige Sorge der Gruppe, in der ihr tänzerischer Geist weiterlebte. Die Gruppe war zusammengeschmolzen. Sie ist wiederauferstanden Aber die Jahre zurück waren für sie doppelt verlorene Jahre. Aufstieg und Elan ihrer Tanzbewegung waren gehemmt, wichtige Freunde und Mitbegründer des "New German dance" waren nach England geflüchtet und hatten dort mit Leeder die Jooss-Leeder-Schule gegründet, Laban hat jenseits des Kanals seine epochemachenden Tanztests gefunden, die der körperlichen Prüfung ein neues Arbeitsfeld erobert haben, Jooss hat sein eigenes Ballett zusammengestellt, das sich in London durchgesetzt und auch in Hamburg gastiert hat Von all dem war Mary Wigman abgeschnitten. In New York wurde – in Konkurrenz zu dem klassischen Massine-Ballett in Monte Carlo – ein Tanzinstitiut gegründet, Strawinsky war schon im Bann der amerikanischen Tanzentwicklung, der die Welt mehr Ballette verdankt, als das tanzbewegte Rußland hervorgebracht hat. Sie selbst hat auf sächsischem Boden gemeinsam mit der Palucca an der Entfaltung und Entwicklung ihres Stils festgehalten.

Wer ihre Tanzabende zwischen den beiden Kriegen, selbst ihre letzte, unsichere Schwankung, als sie sich gezwungen glaubte, den Nationaltanz in ihr Schulprogramm aufzunehmen, verfolgt hat, der weiß, wie ungeheuer sie den Tanz bereichert hat. Jetzt läßt sich erst abschätzen, was an ihrer jahrelangen Arbeit Gültigkeit erlangt hat, was Programm geblieben ist. Es ist auf die einfache Formel zu bringen: daß sie dem strengen, körperlichen System des Balletts ein anderes System gegenübergestellt hat. Sie ist mit der Duncan, mit Laban und einer Fülle geistesverwandter Schulen zur Lehrmeisterin eines neuen tänzerischen Kodex geworden. Je tiefer sie in den Reichtum, die Ausdruckstiefe der tänzerischen Möglichkeiten eingedrungen ist, desto neidloser hat sie den anderen, den klassischen Weg gelten lassen. Der "New German dance" hat die Ausdrucksmöglichkeiten des Balletts erweitert. Aber er ist nicht, wie im russischen Ballett, eine Verbindung mit der klassischen Ballettechnik eingegangen. Daran ist er vorerst gescheitert. Der Reformator des Balletts, Noverre. hat in seinen übrigens in Hamburg von Lessing übertragenen Briefen zum Tanz gefordert, daß Tanz und Schauspiel eins werden sollten. Er rief nach dem Garrick – dem großen Mimen – des Balletts. Mary Wigman ist ein weiblicher Garrick des Tanzes geworden. Lassen wir einmal all ihre Versuche beiseite, die Choreographie aus dem neuen Körpergefühl zu entwickeln oder das Erwachende der tänzerischen Bewegung abstrakt und selbst ohne Musik darzustellen. – Fest steht, daß ihr Gestalten, Visionen und in sich geschlossene Tanzcharaktere gelungen sind, die mit den Mitteln des klassischen Balletts niemals zu verwirklichen gewesen wären. Davon hat der Podiumtanz Vorteile gehabt. Eine Erscheinung wie Harald Kreutzberg, der aus dem Podiumtanz kleine Tanzpantomimen, eine Miniatureinheit von Musik, Malerei und Tanz, geschaffen hat, Künstlerinnen wie Manon Ehrfur, Meudtner, Emma Lackner oder die Palucca setzen Mary Wigman voraus, ihre Ideen haben hundertfältig Frucht getragen. Doch die herrschende Kunst des Ensembles ist von ihr nicht berührt, das Zusammenspiel der Gruppe nicht verwandelt worden. Beides, klassisches Ballett und moderner Tanzstil, schließen sich teilweise technisch aus. Wieweit die Musik die Entwicklung des klassischen Balletts gefördert hat, die Formen des modernen Tanzes aber verkümmern ließ, obwohl Mary Wigman einen eigenen musikalischen Stil befruchtet hat, läßt sich noch nicht abschließend ermitteln. Werner Egk ist im "Juan von Zarissa" dem Wigmanstil am weitesten entgegengekommen, kehrt aber in seinem neuen Faustballett wieder zum klassischen Typ zurück, und Strawinsky hat sich auch in seinen neuesten Tanzschöpfungen, die in New York uraufgeführt worden sind, zum klassischen Ballett bekannt. Dasselbe gilt von Prokofieff und den Engländern wie Bliss. Am Ende wird voraussichtlich ein wechselseitiges Sichdurchdringen stehen – aber in dem fast sakralen Rahmen des Balletts.

Egon Vietta