Tientsin, Ende 1946

Einmal bin ich aus Deutschland nach Tientsin geflüchtet. Jahre sind seitdem vergangen. Nun hat der Krieg auch das Leben in Fernost verwandelt. Und es scheint, daß die Deutschen, die in China leben, gut daran täten, aufs neue zu wandern...

Von den Schrecken des Krieges haben wir eigentlich nicht viel gemerkt, als Japan den Kampf begann. Das Brot zwar war rationiert und obendrein schlecht und grau, aber die andern Lebensmittel waren frei. Nur Fleisch war zeitweilig ein wenig knapp. Alles dies ließ sich jedoch ertragen, und die japanische Besetzung hatte auch ihre humorvollen Seiten. Es gab eine Menge Vorschriften, um die sich niemand kümmerte und die leicht zu umgehen waren. So wurden die Barrikaden rings um die Ausländerkolonien nachts um ein Uhr geschlossen, aber mit einem kleinen Trinkgeld, das jeder japanische Soldat ohne Zögern kassierte, kam man ohne allzu genaue Prüfung der Papiere durch. Einige meiner Freund? zeigten eine Zeitlang jedesmal den Zettel einer chemischen Reinigungsanstalt vor, auf dem weiter nichts geschrieben stand als eine Empfangsbestätigung über die zu reinigenden Kleider.

Schließlich war der Krieg zu Ende. Gleichwohl hielten die Japaner als eine Art Polizei die Ordnung in Tientsin noch aufrecht. Die Stadt wurde von der chinesischen kommunistischen Armee angegriffen, die schon seit längerer Zeit mehr oder minder im Verborgenen dicht bei Tientsin gestanden hatte. Denn praktisch hatten die Japaner Nordchina ja niemals völlig im Besitz gehabt. Was bedeutete es schon, daß sie die Städte und Eisenbahnen kontrollierten! Das Land haben sie nie besessen.

Nun stieg eine andere Welt herauf, die auch nicht ganz ohne Komik war. Es taten sich in Tientsin allerlei neue Armeen auf, Heere mit wundervoll klingenden Namen. Und welche Wandlung: Truppen, die früher, projapanisch waren, wurden nun antijapanisch! Offiziere wechselten mit den Gesinnungen. Und sogar mein alter Kochboy befehligte plötzlich eine Truppe von etwa 2000 Mann. Er trug eine herrliche Uniform, fuhr einen großen, fast neuen Wagen und lud mich in alter Anhänglichkeit auch einmal ein, seine Truppe zu besichtigen. Sie hatte gute Waffen, aber keine Kanonen. Ach, wäre er doch Kochboy geblieben! Nach zwei Monaten nämlich wurde er verhaftet und seines Amtes enthoben. Es hatte sich herausgestellt, daß seine militärische Aufgabe ausschließlich darin bestanden hatte, überall Steuern zu erheben...

Die Lage in Tientsin wurde allmählich immer schwieriger und dunkler. Die kommunistische Armee im Norden hatte alle Eisenbahnstrecken unterbrochen, ja streckenweise ganz vernichtet, um die Truppen Tschiangkaischeks an ihrer Bewegungsfreiheit zu hindern. Damit war Tientsin abgeschnitten. Zugleich zogen die Kommunisten, die das Land zwar aufteilen wollten, aber sonst das Privatkapital unangetastet ließen, eine dichte Blockade um die andern Städte. Schon stiegen die Preise für die Lebensmittel. In Tientsin herrschten Furcht und Schrecken. Da kamen die amerikanischen Marius, eine Art von Seesoldaten, die für moderne infanteristische Kämpfe an Land vollkommen ausgerüstet sind. Diese Truppe landete in Stärke von etwa 35 000 Mann und besetzte Tientsin, Peking und einen Teil der Bahn, die nach der Mandschurei führte. In Tientsin kehrte wieder ein wenig Ruhe ein.

Ruhe? Noch immer gibt es in den Außenbezirken kleine Gefechte, an denen freilich nicht die Amerikaner, sondern die Truppen der Nationalregierung beteiligt sind. Sollten die Amerikaner jedoch einmal fortgehen, so könnte sich Tientsin mit Hilfe der nationalen Truppen nur etwa zwei bis drei Tage halten. Denn überall, rund um Tientsin und rund um Peking und Tsingtao, liegen die Truppen der Kommunisten, und der Zug auf der einzig noch funktionierenden Bahnstrecke Peking – Tientsin – Shankheikwan – Mukden fährt streckenweise durch "feindliches" Gebiet. Manchmal wird ein Zug beschossen. Aber das darf niemanden stören, dem bei der immer stärker werdenden Einschränkung gar nichts anderes übrigbleibt als geschäftlich zu reisen.