Bei Hans Dulk in Hamburg erscheint demnächst von Christel Matthias Schröder neu herausgegeben das Buch "Menschen und Städte" des schwedischen Romantikers Per Daniel Amadeus Atterbom (1790 1855). Wir veröffentlichen daraus die Begegnung des schwedischen Dichters mit Jean Paul.

Am26 November 1817, abends 8Uhr, erreichten wir Bayreuth und restaurierten uns nach vielen Muhen und Nachtwachen: mit einem vortrefflichen Abendbrot und einem guten Nachtlager. Am ändern Morgen sahen wir uns etwas in der ziemlich hübschen und bedeutenden Stadt um, während wir einen Lohnbedienten mit unserem Rekommandationsbrief von Frau von Chezy an Jean Paul abschickten und anfragen ließen, wann ihm unser Besuch gelegen komme. Antwort: Um 11 Uhr wären wir willkommen. Also begaben wir uns um 11 Uhr auf die Wanderung nach der Wohauag dieses merkwürdigen Wesens. In einem geräumigen und zierlichen Hause der schönsten Gasse der Stadt stiegen wir zwei Treppen hinauf. Unser Diener ergriff die Klingel der Saaltür und schellte — aber niemand kam, um zu öffnen; hierauf legte ich die Hand an eine Seitentür, die sofort aufging und in ein kleines Gemach führte, dessen ganzer Inhalt weibliche Tätigkeit und weiblichen Aufenthalt verriet. Ein noch in der Knospe eingeschlossenes, ungefähr nur zum sechsten Teile erblühtes Mädchen, sdilank gewachsen und höchst einfach gekleidet, stand, überrascht nd verlegen vor mir und blickte mich mit den großen blauen Augen, die halb von den langen Wimpern beschattet waren, gerade so sittsam und ehrbar an wie das Miniaturbild einet Holbeinschen Madonna. "Wohnt hier der Herr Legationsrat von Richter?" fragte ich "Sind Sie der schwedische Dichter?" erwiderte sie halblaut "Ja freilich bin ich der!" war meine Antwort, "Ei, das will kh gleich dem Vater sagen!" rief sie, und damit hüpfte sie durch eine Tür zur Rechten, die sich gleich darauf auch für mich und Hjort öffnete. Wir gelangten nun in ein größeres Gemach, welches wahrscheinlich (obwohl i übrigen höchst simpel) die Ehre und Würde eines Vorzimmers bekleidete; daselbst saß eine andere, jedoch kleinere Tochter Jean Pauls und spielte Klavier an der Seite eines Musiklehrers, den ich in der ersten Verwirrung für JeaaPa! selbst hielt, aber natürlich meinen Irrtum sehr schnell einsah. la demselben Augenblick öffnete sich eine andere Tür, und siehe da! eine Gestalt watschelte auf uns zu, die das Aussehen eines wohlhabenden Gastwirts hatte: feist und kahlscheitelig, einen alten grauen Überrock nachlässig über den stattlichen Bierbauch zugeknöpft, im übrigen ohne Halstuch und Weste and offenstehend über der breiten, ziegelroten, behaarten Brust, mit einem Worte int tiefsten Neglige. Von seine Gesicht hat man in Schweden ein Porträt, das ihm ziemlich ähnlich ist, gleichwohl ist sein Hängekinn jetzt größer und sein Aussehen im allgemeinen älter, hat er doch auch gewiß seine 6O Jahre hinter sich. Ungeachtet all des physischen Gastwirtsäußeren, trägt sein Antlitz doch einen höchst geistreichen und gleichzeitig höchst herzlichen Ausdruck; die Stirn ist hoch und offen, die Augen, bku wie die seiner Tochter, drücken Güte, Humor und Melancholie aus, doch schienen sie mk etwas abgespannt und schläfrig; ich will dahingestellt sein lassen, inwiefern hierzu seine bekannte Passion für das Biertrinken beigetragen hatte. Schon lange vorher habe ich von Steffens und Schütz gehört, daß sich Jean Paul sehr ungleich ist, je nachdem man ihn trifft, wenn er viel oder wenn er wenig Bier getrunken hat; im letzten Falle soll er bedeutend liebenswürdiger sein als im ersteren. Da ich noch keine Gelegenheit zu einem Vergleiche hatte, weiß ich nicht, ob er sich bei meinem Besuche im abnehmenden oder zunehmenden Monde befand — Der Scheitel ist, wie gesagt, kahl, und das überbhebene, schon ziemlich ergraute Haar umgibt gleich einem Ehrenkranze dieses Haupt, das so viele göttliche und so manche lustige Sachen erdachte. Er steht gern, ebenso wie ich, und ist während der Konversation in einer unaufhörlichen Bewegung, die darin besteht, daß er sich beständig von einemUeirifauf das andere wiegt und dazu mit den Füßen auf- und niedertritt; dies verhinderte mich z sehen, ab er hüftlahm sei, Wie ich gelört hatte. Wenn ich nun hinzufüge, daß er grundehrlich aussieht, etwa in demselben Stile spricht, wie er schreibt, und daß sein Gesicht dazu mitunter wunderliche Grimassen macht, dann wirst du leicht einsehen, was mir immer ahnte, nämlich daß er in dem Bibliothekar Schoppe eigentlich nur sich selbst porträtiert hat. Er ist im höchsten Grade ungekünstelt und freundlich, reichte sofort jedem von uns beiden die Hand und bat uns, ihm zu sagen, wer der Schwede und wer der Däne wäre.

Unter Diskursen über Dänemark und Schweden, wobei er sieh unter anderem sehr genau über die schwedischen Sommernächte unterrichten ließ, die, wie er sagte, immer so wunderbar vor seiner Phantasie geschwebt hätten wie im allgemeinen Schwelen selbst, kam endlich auch seine Frau herein, vermutlich um zu sehen, wie diese Skandinaven aussehen könnten.

Nun wurde die Unterhaltung lebhafter, und wir kamen auf Gott weiß welche Stoffe. Einmal wai er draußen im anderen Zimmer und trank Bier, wie ich an seinem Atem merkte, als er wieder herankam. Unter ändern entsinne ich mich, ihm beridtet zu haben, daß die Frauen in Dresden Roquaiiols Charakter unnatürlich fänden und behaupteten, in ihrer Praxis niemals einen solchen getroffen zu haben. Dies gab ihm Veranlassung zu vielen komischen Betrachtungen über die Frauen und Männer der Zeit. Unter allen Roquairolen, die er selber kenne, sagte er, wäre Brentano der vt>rnehmste, der leibhaftige Roquairol par excellence; dies schloß er besonders daraus, daß Brentano fern einstmals selbst in vollem Ernst gestanden hätte, daß er im Roquairol "mit Vergnügen" seine eigene Persönlichkeit wiedererkannt hätte und sieh mir wunderte, wie Jean Paul, ohne ihn zu kennen, sein Bild so vorzüglich treffen konnte.

Über Goethe fällte er manche scharfsinnige Reflexion. Der Zug aus Goethes Kindheit, von dem er i seiner Biographie berichtet, nämlich daß er sich über den Zweifel freute, nicht seines ehelichen Vaters Sohn zu sein, und dann unter einer Menge Bilder gleichzeitiger Prinzen umhersuehte, um einen zu finden, bei dem er Ähnlichkeit der Gesiehtszüge mit den seinigen entdecken konnte und der somit möglicherweise sein eigentlicher, geheimer Vater sein könnte — dieses ist, nach Jean Pauls Ermessen, ein Zug, der so tief injüe lehaffenheit von Goethes moralischer Natur blicken :, daß, hätte Goethe hiervon nur die geringste Ahnung gehabt, er ihn niemals in einer Lebensbeschreibung hätte bekanntwerden lassen, bei der alles so genau durchdacht und berechnet ist. Jean Pauls Abschied war recht herzlich; er gab mir väterliche Warnungen mit, nidit des Nachts zu reisen und genau auf meine Gesundheit zu achten, "denn", sagte er, "nach Ihrem Äußeren zu schließen, so scheinen Sie mir, obwohl im Norden geboren, doch gär nicht für diese Jahreszeit gemacht zu sein Nur wurden wir auf spezielle Veranlassung semer firau auf einem anderen Wege, auf einem wahren Prachtwege, hinausgeleitet, nämlich durch den Saal, der wirklieh sehr schön war und mit verschiedenen Malereien versehen war; Bunter anderen zeigte mir die Mutter eine von ihrem Sohne (den ich nicht sah) nicht ohne Geschick gemachte Kreidezeichnung nach Battonis Magdaiena. In dieser Weise nimmt die ganze Familie an ästhetischer Beschäftigung teil.

Lebe wohl, du wunderbarer Jean PaulJ Ich wünsche innerlich zu Gott, daß ich euch noch einmal wiedersehen möge!