Ehemänner, die dies Stück im Münchner Schauspielhaus sehen, werden zunächst meinen, sie sollten bei Patric Hamilton lernen, wie man eine etwas matt gewordene Frau wieder auf Glanz bringt. Aber nachdem die seelischen Wechselbäder, die Friktionen und Schocks eine Weile mit Anschnauzen, gefühlvollen Verheißungen, brutalem Zubodenschleudern und ausgetiftelten Seelenmartern ihren Lauf genommen und ihre Wirkung getan haben, fragt sich der beeindruckte Zuschauer, ob dieser Jack Manningham, der da seine herzensgute Frau Bella zweifellos verrückt zu machen sucht, ob er nicht am Ende selbst der Verrückte ist. Kriminalstücke haben es ja so an sich, daß in ihnen gefragt wird, wo Stücke ohne Kriminal längst zu antworten anfangen. Aber mit "Gaslicht" widerfährt uns Heil insofern, als hier die Antwort nicht, wie gewöhnlich, bis zum Ende des dritten Aktes hintertrieben wird. Nein, bereits im ersten Akt, kaum ist das eheliche Ekel zur Tür hinaus, kommt ein gesprächiger alter Herr namens Rough herein. Sie meinen natürlich, es ist der Tod, Mr. Mors persönlich, buttersemmelsanft, wie man ihn jetzt nach Kriegsende wenigstens auf – der Bühne wieder "trägt". Aber nein, es ist nicht Mr. Mors. Glauben Sie es nur: Mr. Rough ist wirklich, ohne den mindesten surrealen Anstrich, ein pensionierter Detektiv von Scotland Yard, den die Jagdleidenschaft nicht nach der Devise "Rente gut, alles gut" hat selig werden lassen. Und nun erfahren wir es von ihm haargenau: auch Jack: ist nicht geradezu Jack the Ripper, aber immerhin – ein vor fünfzehn Jahren nicht erwischter Mörder, und wir befinden uns sogar die ganze Zeit schon in dem Zimmer, in dem er den Mord begangen hat. Natürlich hat er schon eine Frau in Australien, und er heißt natürlich auch nicht Manningham.

Soll Bella ihm nicht koppheister entfliehen? Ach nein, sie soll ihn überführen und dingfest machen helfen. Damit werden denn auch zwei weitere Akte verbracht, und am Ende haben wir den Wolf in der Grube. Wie kommt es aber, daß Stücke, die so "auf Spannung" gearbeitet sind wie dieses, uns in einer tieferen Schicht unfehlbar langweilen? Mir scheint: unter anderem, weil sie der Würde des Zuschauers Gewalt antun. Selbst "Gaslicht", wiewohl die allzu üblichen Rätseleien und Mystifikationen verschmähend, kann es doch nicht lassen, den Zuschauer mit Kunstpausen hinzuhalten und durch wahre Kaltblütigkeitswunder im Katastrophenmoment zu bluffen. Es ist noch das wenigste, daß Mr. Rough (von KurtStieler wie ein rechter pfiffiglieber Herzensonkel dargestellt) immer gerade dann Tee verlangt, wenn er Bella und uns eine entscheidende Antwort schuldig wird. Und Bella (der Maria Byk viel von ihrer fraulichen Natürlichkeit mitgeben konnte) geht mit dem schwer gereizten, zum Kijlen entschlossenen Jack auf einmal um, als wäre er ein Schoßhündchen; wir wissen ja nicht, daß Scotland Yard hinter allen Türen bereitsteht. Dies Nichtmithaltendürfen macht es! Mag der primitive Zuschauer noch mit Grusellust auf sich spielen lassen, der anspruchsvollere, den man primitivisiert, entzieht sich der Nervensäge beim zweiten oder dritten Ansatz mit Ironie.

Die tiefere Langeweile aber stammt daher, daß die Reise ins Innere (der Figuren) nie angetreten wird. So ist es kennzeichnend, daß auch in "Gaslicht" über allem Spannungs-Leimrutenlegen die Kardinalfrage unbeantwortet bleibt: warum Jack (Peter Pasetti), warum dieser anrüchige Londoner Elegant von dazumal sein Weib Bella umbringen will. Es stünden zur Wahl: weil sie ihm zu spießig ist, weil er ihr Geld haben möchte, oder einfach, weil die Katze das Mausen, der Mörder das Morden nicht lassen kann. Gesagt wird es nicht. (Hauptsache, daß gleich zu Beginn ein spürbares Mordlüfterl weht.)

Die kleine Nervensäge, von Charles Regnier inszeniert und in Gustl Fischingers gaslichtbeleuchtetes Düsterbild gestellt, fand anfänglich matten, hinterdrein aber doch bravo-entflammten Beifall. Waren es die Stammgäste des verhexten Hauses auf der Oktoberwiese oder einfach dankbare Münchner, die sich nunmehr, vor dem nächtlichen Aufbruch in ihre nicht mehr ganz raubmörderfreie Ruinenstadt, detektivisch durchgeschult fanden wie noch nie? Wir werden es wohl genau so wenig erfragen wie... warum dieses "Gaslicht" in der noch auf hohe Erwartung gestimmten Periode der Spielzeit hat entzündet werden müssen. Unsere Nerven, scheint mir, hätten just im Augenblick etwas Fett nötiger. Hanns Braun