Die Geschichte von Dornröschen ist zur Genüge bekannt: wie der aus dem Kriege heimgekehrte Prinz durch die Hecke dringt, die schöne Schläferin wachkißt und mit ihr ein neues Leben zu zweit in der reizend eingerichteten Schloßwohnung beginnt. Die Geschichte geht jedoch weiter. Leider haben die Brüder Grimm uns die Fortsetzung vorenthalten; ein Fehler, den auch die meisten Verfasser von Liebesromanen machen, die abbrechen, wenn das eigentlich Interessante beginnt, nach der Vereinigung der Liebenden nämlich. Der Prinz war ein heller Kopf und dachte nicht daran, an Dornröschens Seite beim Hexeneinmaleins der Kalorien zu verkümmern. Einem tüchtigen jungen Menschen boten sich märchenhafte Möglichkeiten, sofern er sich nur ein wenig auf Verwunschene Be- und Entzauberte, Hexen, Riesen und dergleichen verstand. Und das tat er ja. Zunächst nahm er Beziehungen zu den drei Spinnerinnen auf; und obwohl jede der Schwestern ihren Fehler hatte, die eine einen mißgestalteten Daumen vom Drehen des Fadens, die andere eine Habsburger-Lippe vom ewigen Anfeuchten, die letzte einen Plattfuß vom Treten des Rades, meinten sie doch Anspruch auf die Verehrung eines Prinzen erheben zu können. Wer Spinnstoffe hat, ist schön und begehrenswert; das liegt im Wesen einer Märchenzeit. Weiterhin pflegte er die Bekanntschaft mit dem Fischer un sine Fru, besonders mit der letzteren, die ihren bekannten Einfluß auf ihren Mann benutzte, um diesen recht oft auf Fang zu schicken. Von den köstlichen Seezungen und Steinbutt erhielt der Prinz regelmäßig sein Teil zugesteckt. Das war sicher unrecht gegen den braven Fischer gehandelt, hatte aber auch sein Gutes, denn solange die Fru ihren kleinen Prinzen hatte, dachte sie nicht daran, Kaiser, Papst oder wie der liebe Gott zu werden. Dann gab es in der Nachbarschaft noch eine böse Stiefmutter, die für ihn eine Schwäche hatte und zeitweilig alle Bosheit verlor – man muß sich vor Augen halten, daß es ein rüstiger und gutgenährter Prinz war. Sie versorgte ihn mit den rar gewordenen Hülsenfrüchten. "Da hast du was Gutes", sagte sie, "vom Aschenputtel prima ausgelesen!"

Dornröschen fuhr nicht schlecht bei diesem Leben, jedenfalls was den Haushalt anbetraf, wenn auch der größere Teil der Sachen gar nicht erst ins Schloß gelangte. Um den ganzen Zusammenhang der prinzlichen Geschäfte zu begreifen, war sie vielleicht auch noch zu verschlafen. Das meiste von den herrlichen Stoffen, den köstlichen Fischen, den Erbsen und Linsen und vielen andern Gütern, die das Leben angenehm machen, wanderte zu den sieben Zwergen hinter den Bergen. Die konnten es sich leisten und bezahlten dafür mit Gold und Edelsteinen. Natürlich nur solange sie hatten. Davon wird noch zu erzählen sein.

Am liebsten aber weilte unser Prinz im Walde, und zwar mit Vorliebe dort, wo er unwegsam und unheimlich war, wo die grüne Grenze lief und hinter jedem dicken Baum der Bär aus dem Osten lauern konnte. Hier war er als hochbezahlter Führer tätig, und als er eines Tages seinen alten Kameraden Hans im Glück am Wegrand wiedertraf – der war mit einer Leica als einzigem Besitz aus dem Felde zurückgekehrt und hatte es mit seiner Tauscherei so weit gebracht, daß er gerade die letzte englische Zigarette in Rauch aufgehen ließ – konnte er nur spöttisch lächeln über die unpraktische Veranlagung mancher Leute. Die Fauna sagt ihm allerhand nach, was wegen des Fehlens von Zeugen schwer zu beweisen ist. So soll er so manchen Hänsel und so manche Gretel der Knusperhexe zum Weitervertrieb zugeführt haben; bei der allgemeinen Hungersnot verfielen nicht wenige arme Leute darauf, ihre Kinder in den Wald zu schicken. Die Hexe soll ihm als Entgelt gestattet haben, einen ganzen Flügel ihres Pfefferkuchenhäuschens abzubauen. Es spricht viel für die Glaubhaftigkeit des Gerüchts, denn wie sollten sonst wohl die weißen und die braunen Pfefferkuchen auf den Schwarzen Markt gelangt sein? Der junge Prinz hatte in seinem Ehrgeiz sogar daran gedacht, "Tischlein deck dich" und "Knüppel aus dem Sack" in seinen Besitz zu bringen; aber die hatte ein großer Zauberer gerade tausend Jahre benutzt, um sein großes Reich zu beherrschen, wobei sie ziemlich Schaden genommen hatten. Damit war es also nichts.

Doch der Prinz konnte nicht klagen. Bei den sieben Zwergen hinter den Bergen wurde er immer sehnsüchtig erwartet. Tagsüber arbeiteten sie fleißig in ihrem Berg und gruben nach Gold und Edelgestein; abends verzehrten sie, was sie beim Prinzen dafür eingetauscht hatten. Teuer war er ja, aber wenn man ein sogenannte^ normales Leben führen wollte, durfte man nicht kleinlich sein. Alles ging gut, bis eines Tages der siebte Zwerg, der auch noch der verfressenste war, in seinem Stollen nichts Blinkendes mehr fand. Das blieb auch so, weil in diesem Teil des Berges die Schätze eben zu Ende waren. Beim Prinzen war ohne Sachwerte nichts zu holen; das ist einleuchtend. Ein oder zwei Tage gaben die andern Zwerge ihrem hungrigen Brüderchen von dem Ihrigen ab; dann begannen sie anzügliche Bemerkungen zu machen und ihn nicht mehr nett und sympathisch zu finden. Sie erinnerten sich auch, daß er früher schon dies und das gesagt hatte, was kein gutes Licht auf ihn warf. Eines Abends erhob sich großes Geschrei: "Wer hat von meinem Tellerchen gegessen – wer hat aus meinem Glase, getrunken?" Da warfen sie ihn kurzerhand hinaus.

Was sollte der arme alte hungrige Zwerg nun machen? Er entsann sich, daß er eigentlich aus dem nordischen Sagengut stammte, und schrieb darum gleich an die Südschleswigsche Vereinigung in Flensburg, um als jütländischer Originalzwerg anerkannt zu werden; aber die Antwort zog sich hin. Für kurze Frist half ihm eine Begegnung mit Rotkäppchen aus der Verlegenheit, die ja bekanntlich schon ganz früh ein "Heil Hitler!" mit dem Wolf getauscht hatte. Er deutete an, daß die Sache zwar am besten unter ihnen beiden bliebe, daß sich jedoch sein Gewissen regte, daß es geradezu knurrte. Das erschreckte Ding beschwor ihn, um Gottes willen den Mund zu halten, und rannte innerhalb weniger Tage die ganze Speisekammer seiner Großmutter aus, um das Zwergengewissen zu beruhigen. Dann gab es auch da nichts mehr zu holen.

Noch einen letzten Versuch unternahm er bei dem Prinzen, um unter Hinweis auf spätere Chancen einen Vorschuß zu erhalten. Der zuckte jedoch mit den Achseln und sagte, er bekäme die Sachen auch nicht umsonst. Aus purer Gefälligkeit und ohne einen Pfennig Verdienst hätte er die Geschäfte vermittelt, und die, welche hätten, wären leider kalte und zugängliche Rechner. Den Zverg übermannte ein unbändiger Zorn. Er schrie, daß es auf Moral im Leben ankäme, und daß solche Schieberexistenzen wie der Prinz erbarmungslos ausgerottet werden müßten. Der Prinz lachte ihn aus.

In seinem jäh entflammten Rechtssinn stürmte der Zwerg zu Dornröschen und erzählte ihr alles, aber auch alles; welch wunderbare Stoffe die böse Stiefmutter erhalten, welche Mengen von Pfefferkuchen die Fischerfrau schon vertilgt hätte, und vor allem. welchLotterleben sich nach Feierabend bei den drei Spinnerinnen abspielte! Da hättet ihr aber Dornröschen sehen sollen! Jetzt war sie völlig wach und munter, und als der Prinz heimkehrte, bekam er was zu hören. Er zeigte jedoch weder Reue, noch wollte er versprechen, in Zukunft alles daheim abzuliefern und durch Dornröschen Ordnung in seine Geschäfte bringen zu lassen. Da weinte Dornröschen bitterlich und warf ihn zum Schloß hinaus.

Den Prinzen focht dies nicht an; er zog noch am nämlichen Tage zu der bösen Stiefmutter, wo er mit Freuden aufgenommen wurde. Da er aber Dornröschen gern einen lustigen Streich spielen wollte, meldete er umgehend seinen Wohnungswechsel beim Wohnungsamt. Dieses belegte das bei Dornröschen freigewordene Zimmer mit einer Hexe und ihren fünf Kindern, die das ganze Schloß mit ihren Hexenkünsten erfüllten. Und wenn sie nicht gestorben sind, so wohnen sie dort noch heute.