Korea leidet unter dem gleichen Übel wie Deutschland: einer willkürlichen Teilung in getrennte Zonen, von zwei grundverschiedenen Mächten besetzt und regiert. Der nördliche Teil der Halbinsel blickt nach Heijo, der Hauptstadt der sowjetrussischen Militärregierung und Besatzungszone, der südliche Teil unterhalb des 38. Breitengrades wird aus der alten Landeshauptstadt Seoul (früher Keijo) von amerikanischen Offizieren verwaltet. Auf engen Raum beschränkt, treten die Spannungen zwischen den beiden Mächten dort fast noch schärfer hervor als bei uns, wo durch die Vierzahl der Siegermächte die Möglichkeit für Ausgleiche eher vorhanden scheint. Für Korea bedeutet diese Besatzung nur ein neues Blatt In dem Geschichtsbuch des Landes, das angefüllt Ist mit Invasionen, verlorenen Schlachten, Besatzungen und Jahrhunderten des Vasallentums.

Den Japanern, ist es nicht gelungen, in den vier Jahrzehnten ihrer Herrschaft in Korea heimisch zu werden und die Koreaner zu treuen Söhnen des Tenno zu machen. In diesem kleinen Land zeigt sich in erstaunlicher Weise die Kraft des Freiheitsdranges selbst nach jahrhundertelanger Unterdrückung. Die ältere Generation hat den Sturz des Kaisers nie vergessen und betrauert die vergangene geistige Blüte unter dem Kaiserreich. Die jüngere Generation hat in immer neuen Demonstrationen und einer Untergrundbewegung gegen die Knebelung protestiert. Als Japan kapitulierte, schüttelte Korea das Joch sofort ab und errichtete eine eigene Regierung aus örtlichen Politikern der sozialen und kommunistischen Richtung. Die große Stunde der Freiheit schien endlich, für die Koreaner gekommen zu sein. Um so bitterer war jedoch ihre Enttäuschung, als von Norden sowjetrussische, von Süden amerikanische Truppen in das Land einrückten. Auf der Konferenz von Kairo war 1943 Von Roosevelt, Churchill und Tschiangkaischek die Freiheit Koreas beschlossen worden. Diese Erklärung wurde auf der Yalta-Konferenz zu einem Abkommen erweitert, in dem die UdSSR und die vereinigten Staaten sich verpflichteten, Korea gemeinsam zu besetzen, wobei der 38. Breitengrad die Grenze zwischen den beiden Zonen bilden Sollte. Die Außenministerkonferenz der Großen Vier in Moskau 1945 schließlich beschloß die Einsetzung einer "Vereinigten russisch-amerikanischen Kommission", die die Schaffung einer demokratischen koreanischen Regierung auf breiter Basis ermöglichen sollte. Eine fünfjährige Treuhänderschaft von vier Mächten (UdSSR, Amerika, Großbritannien und China) sollte die Erfüllung dieses Planes gewährleisten, dessen erster Teil in der Entwaffnung japanischer Truppen in Korea beschlossen lag. Begreiflicherweise empörte sich das koreanische Volk gegen diese Bevormundung. Die. weitere Entwicklung sollte nicht zu einer Befriedung des Landes beitragen. Die beiden Zonen schlossen sich hermetisch gegeneinander ab. Nach einjähriger Besatzung besteht bis jetzt erst ein allwöchentlicher Postaustausch über den 38. Breitengrad. In der russischen Zone ist in großer Schnelligkeit die Kommunistische Partei aufgebaut worden, die als ausführendes Organ der Militärregierung die Macht in Händen hält. Die Sowjetunion pflegt sorgfältig die nachbarlichen Beziehungen, und erst unlängst besuchte eine Abordnung von 25 Nordkoreanern Moskau, wo sie mit großen Ehren empfangen wurde. Die von den Japanern gebaute Industrie, die fast ausschließlich in Nordkorea gelegen ist, wurde von der russischen Militärregierung vergrößert und arbeitet auf Hochtouren. Amerikanische Beobachter schließen aus der Tatsache, daß in der russischen Zone Nordkoreas noch keine Industriewerke demontiert und abtransportiert worden sind, auf die Absicht Rußlands, sich dort für länger einzurichten. Darüber hinaus finden sehr wenig Nachrichten aus Nordkorea den Weg in die Weltöffentlichkeit.

Desto bekannter, wenn auch nicht leichter durchschaubar, ist das politische Spiel in Südkorea. Die amerikanische Militärregierung behielt zunächst nach dem Einzug einen Teil der von den Japanern eingesetzten Beamten auf ihren Posten, um eine geordnete Versorgung des Landes aufrechterhalten zu können. Diese Maßnahme erregte heftigen Unwillen in der Bevölkerung. Inzwischen sind die amerikanischen Stellen auf ihrem Wege der Demokratisierung fortgeschritten und haben eine Anzahl politischer Parteien zugelassen. Die sofort einsetzenden Machtkämpfe der Parteien untereinander, die voll polemischer Angriffe waren, haben nachträglich bewiesen, wie gerechtfertigt das Mißtrauen der Amerikaner gegen die politische Handlungsfähigkeit dieses Volkes gewesen ist, das jahrhundertelang zur Ohnmacht verurteilt war. Inzwischen hat sich das Bild geklärt, und die leitenden Parteien beginnen gemeinsam einen größeren Einfluß auf die Verwaltung, ihres Landes zu fordern.

In dieser Phase schritten der amerikanische und der russische Befehlshaber zur Errichtung der "Vereinigten Kommission", die im März dieses Jahres in Seoul zusammentrat. Ein Plan zur Einsetzung einer freien koreanischen Regierung sollte aufgestellt werden. Der russische Vertreter verlangte, daß nur solche Parteien zur Mitarbeit an der neuen Regierung berechtigt sein sollten, die nicht gegen die fünfjährige Treuhänderschaft protestierten. Da diese Maßnahme die Kommunistische Partei allein auf dem Plan gelassen haben würde, scheiterten die Besprechungen an einer strikten Ablehnung der Forderung durch die amerikanische Militärregierung. Seither haben keine Verhandlungen mehr stattgefunden.

Die amerikanischen Behörden sind nun dazu übergegangen den Aufbau einer Selbstverwaltung in ihrer Zone zu beginnen. Lyunh Woon Heung, der Führer der antikommunistischen linksgerichteten Volkspartei, und Dr. Kim Kiusic, ehemaliges Mitglied der koreanischen Exilregierung in Washington und Tschungking, jetzt Führer des gemäßigten Koreanischen Demokratischen Rates, schlossen als Vertreter der beiden stärksten Parteien eine Koalition, in der sie sich verpflichteten, gemeinsam bei der Errichtung einer vorläufigen legislativen Körperschaft für Südkorea mitzuhelfen, die aus 45 vom Volke gewählten Vertretern und 45 vom amerikanischen. Oberbefehlshaber bestimmten Mitgliedern bestehen wird. Es soll die Aufgabe dieser Versammlung sein, die Schaffung einer durch direkte allgemeine Stimmabgabe gewählten Nationalversammlung, für Nord- und Südkorea vorzubereiten. Die Kommunisten verweigern die Mitarbeit an diesen Plänen, obwohl die andern Parteien betont haben, daß die Tür für die Kommunisten stets offensteht. Die Kommunistische Partei Südkoreas unter Führung von Ki Tau Kim, dessen Verbindung zur russischen Zone sehr eng ist, prangert die Bestrebungen der amerikanischen Militärregierung als Versuch an, "einen dauernden Einfluß auf innerkoreanische Angelegenheiten nehmen zu wollen". Im ganzen Lande sind in den letzten Wochen Streiks aufgeflammt. In der vorwiegend kommunistisch gerichteten Provinz Kyongsong Pukto mußte zeitweise der Kriegszustand verhängt werden, um der Aufstände Herr zu werden. Die amerikanische Militärregierung hat erklärt, daß hinter allen diesen Unruhen der Wunsch der Kommunistischen Partei steht, die Militärregierung in den Augen der Bevölkerung zu diskreditieren und den Aufbau demokratischer Institutionen zu verzögern, um so Zeit für die Festigung der eigenen Position zu gewinnen.

Das friedliebende Volk der Koreaner ist plötzlich aus seiner Abgesonderheit auf die Bühne des Weltgeschehens geworfen worden. Vor kurzem haben sich die Südkoreaner an die UN gewandt in ihrem Wunsch, endlich die ersehnte Freiheit zu erhalten, und haben den Abzug der Besatzungstruppen gefordert. Das Schicksal des Landes liegt zum wenigsten in Händen, seiner Bewohner, die Entscheidung über sie fällt mit der Entscheidung über die ganze Welt. Per Fischer