Die Britische Militärregierung hat vor kurzem erklärt, daß sie in ihrer Zone für eine Sozialisierung der Grundindustrien eintritt. Der Parteitag der SPD in Hannover hatte schon im Mai eine Resolution angenommen, die die Sozialisierung der Bodenschätze, der Grundstoffindustrien, sämtlicher Großbetriebe und aller Teile der verarbeitenden Industrie, die zur Großunternehmung drängen, nachdrücklich forderte. In Hessen wurde am 1. Dezember über die Verfassung abgestimmt. Eine Sonderabstimmung galt dabei dem Artikel 41, der die Sozialisierung der Bodenschätze und bestimmter Grundindustrien zum Verfassungsgrundsatz erhebt. Die Ja-Stimmen waren in der Mehrheit. Dies alles läßt erkennen, daß die Sozialisierung als wesentlicher Punkt auf der deutschen Tagesordnung steht.

Bei dieser Lage ist eine Diskussion notwendig, die den Dingen auf den Grund geht. Auf allzu vielen Gebieten gerade des öffentlichen Lebens sind wir ohne hinreichende Überprüfung schon längst praktisch auf einem Wege. Wir haben dabei Rezepte in der Hand, die auf Diagnose und Therapie aus der Zeit vor 1933 zurückgehen. An neuen gründlichen Diagnosen besteht offensichtlicher Mangel. Wer weiß, unter welchen Bedingungen man im Deutschland Hitlers zu leben und zu arbeiten hatte, kann sich kaum wundern, daß die Hoffnungen auf neu gesammelte Schätze in geheimen Schubladen der Schreibtische enttäuscht wurden. Aber nicht ohne Besorgnis sieht man, mit welch unbeschwertem Vertrauen aus anderen Schubladen Bestände hervorgeholt worden sind, die zwölf Jahre lang unberührt unter Verschluß gelegen hatten. Man entkommt aus diesen zwölf Jahren nicht mit der eingehen Methode des Wiederanknüpfens an vorher Gewesenes und vorher Gewolltes, und auch der Druck von außen hat nicht die Kraft, dem Restaurieren und dem Wiederholen Sinn und Dauer zu verleihen. Zahlreiche Begriffe, Werte, Einrichtungen und fast alle Ismen haben einen noch kaum wohlerkannten Wandel ihrer Bedeutung und ihres Gewichts durchgemacht. Die Stagnation an der Oberfläche darf nicht darüber hinwegtäuschen, wieviel in tieferen Schichten in Bewegung geraten ist.

Für den wirklich orthodoxen Sozialisten allerdings kann an der Sozialisierung nichts fraglich geworden sein. Wer davon überzeugt ist, daß das Ökonomische alle andern menschlichen Werte und Willensrichtungen beherrscht und bestimmt, wer sich. folglich die materialistische Geschichtsauffassnug zu eigen gemacht hat und mit ihr die Lehre vom Klassenkampf und von der besonderen Rolle des Kapitals in ihm, für den bleibt die Vergesellschaftung der Produktionsmittel der einzige Weg zum sozialen Frieden, zu einer harmonischen, klassenlosen und letzten Endes staatslosen Gesellschaft. in der alles für alle verfügbar ist. Man darf nie vergessen, daß der marxistische Sozialismus seine außerordentliche Wirkung seinem Charakter als einer irdischen Heilslehre verdankt, daß er ein Dogma ist mit dem dazugehörigen Anspruch auf Unfehlbarkeit, auf absolutes Wissen von dem, was kommen wird und kommen muß. Innerhalb dieser Heilslehre aber bedeutet die Vergesellschaftung der Produktionsmittel – die Sozialisierung – den dramatischen und entscheidenden Wendepunkt, in der religiösen Analogie den Beginn der Erlösung.

Aber wer ist denn heute noch in diesem Sinne ein orthodoxer Sozialist? Die Einbrüche in das ursprüngliche Dogma sind so zahlreich, daß viele den eigentlichen Marxismus für sich nicht mehr als Weltanschauung, sondern nur noch als Methode anerkennen. Der historische Materialismus, die gesamte positivistische Entwicklungslehre, stößt auf Kritik bei den Jüngeren, die der sittlichen Entscheidung und den außerwirtschaftlichen Wertgebieten ihr Eigenrecht zugestehen und deshalb einen einseitigen Ökonomismus ablehnen. Man kann heute ein idealistischer, ein religiöser, man kann auch ein "freier" Sozialist sein. Mit Ausnahme der Kommunisten sind sich überhaupt alle von Marx herkommenden Richtungen darüber einig, daß eine Totalsozialisierung – Totalverstaatlichung verworfen wird. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel soll nicht nur in Etappen erfolgen, sondern auch am Ziel nicht vollständig sein. Man kann heute von sozialistischer Seite bereits zuweilen Anerkennendes über die Unternehmerinitiative hören.

Die Hauptursache dieser Wandlung ist fraglos der Anschauungsunterricht, den der Kommunismus der Welt erteilt hat. Man weiß seitdem, daß die Vergesellschaftung nicht nur zu Beginn Verstaatlichung bedeutet. Man weiß aber vor allem, daß der Kommunismus auf dem Wege über die Totalsozialisierung zum totalitären Staat geführt hat. Lassen wir einmal die theoretischen Unterschiede zwischen Marxismus, Leninismus und Stalinismus ganz beiseite. Das Wesentliche ist, daß die Deutschen, mit Ausnahme, der zugelassenen Linksextremisten und der nicht zugelassenen Rechtsextremisten, den totalitären Staat für das Übel aller Übel ansehen. Die SPD ist hierin nicht weniger entschieden und entschlossen als die CDU, und die größte deutsche Partei, die der Parteilosen, steht im gleichen Lager. Wir haben den Schrecken des Überstaates gründlich in den Gliedern, wir wissen, daß bei der Entartung menschlicher Gemeinschaft zum System von Führung und Masse die Menschenwürde als erstes Opfer auf der Strecke bleibt. Die Wahlen in Berlin, das Scheitern der SED in den Westzonen sind als eine ehrlich überzeugte Absage im jede Form des Robotismus zu deuten. Die Erkenntnis, daß ein Staat in der Rolle als einziges Wirtschaftssubjekt, als einziger Arbeitgeber diktatorisch und totalitär werden muß – ob er es werden will oder nicht –, zwingt dazu, der Sozialisierung eine Grenze zu setzen. Damit aber ändert sich, gerade innerhalb des Sozialismus, der Charakter der Sozialisierung von einem absoluten All-Medizin, in starken Dosen schädlich und sogar tödlich werden kann.

Die Frage nach der Dosierung, nach einer klaren Grenze wird damit zu der verpflichtenden Aufgabe. das gegen die in der Sache selbst liegenden Gefahren zu schützen. Man muß sehr nüchtern an diese Aufgabe herangehen, ohne Leichtgläubigkeit, aber auch ohne Fatalismus. Das in England viel beachtete Büch von F. A. Hayek "Der Weg zur Knechtschaft" vertritt die These, daß es auf dem Wege zur Kollektivierung und Sozialisierung kein Halt und keine Bremse gibt, daß er also, einmal beschritten, geradewegs in den Abgrund des Totalitären führt. Diese fatalistische Grundstimmung wird von nicht wenigen geteilt, auch wenn sie nicht bereit sind, in Hayeks Schwanengesang des Liberalismus einzustimmen. Aber in unserer Lage hat ein so kraß formuliertes Entweder-Oder wie Hayeks Liberalismus – Totalitarismus nur den begrenzten Wert, zwei sehr extreme Positionen deutlich sichtbar zu machen. Entscheiden muß man sich dann aber gerade dafür, daß ein dritter Weg gesucht und gefunden werden muß. Das gilt für jedes allzu extreme Entweder-Oder unserer Tage. Aber der dritte Weg muß gründlich erforscht und gesichert sein, bevor man beträchtliche Strecken auf ihm zurücklegt. Die Teilsozialisierung ist nur dann eine brauchbare Richtung, wenn wirkliche Sicherheiten bestehen, daß man mit ihr nicht doch eines Tages höchst ungewollt – auf die Straße der Totalsozialisierung und also des Totalitären gerät.

Bei dieser Lage darf man sich nicht mit Garantien des guten, des besten Willens begnügen. Sie müssen in die Sache selbst eingebaut werden. Deshalb gibt es Anlaß zu ernster Sorge, wenn in den Sozialisierungsprogrammen fließende Begriffe verwendet werden. Offensichtlich existiert keine klare und eindeutige, keine für irgendwelche Dauer gültige Grenze zwischen einer Großunternehmung und einem Mittelbetrieb. "Groß, mittel, klein", das sind ja gerade relative Begriffe. Wenn alles, was gestern als privater Großbetrieb galt, heute sozialisiert wird, so wird damit der bisher größte Mittelbetrieb zum privaten Großbetrieb. Er kann schon morgen das Ziel einer zweiten Sozialisierungswelle werden. Ein klares Bis-hierher-und-nicht-weiter ist in der Welt dieser relativen Größen nicht zu finden. Aber auch die Grundindustrien sind gegen die Nichtgrundindustrien keineswegs scharf abgegrenzt. Die Auffassungen hierüber sind schon zu einem bestimmten Zeitpunkt verschieden, und sie sind zudem veränderlich in der Zeit. Das gilt auch für eine Trennungslinie zwischen Betrieben, die relativ einfache Massengüter herstellen, und andern, die ein reichhaltiges Produktionsprogramm haben. In allen diesen Fällen heißt "sozialisierungsreif", nicht viel mehr als "zunächst sozialisierungsreif". Gerade in diesem "zunächst" liegen die Gefahren,