Aus der sowjetischen Besatzungzone sind im ersten Halbjahr 1946 erhebliche Lebensmittelmengen als "Reparationen" nach Rußland geliefert worden, nämlich unter andern 400 000 t Kartoffeln (über 50 v. H. der Gesamtproduktion), 121 000 t Zucker (über So v. H.), 24 000 t Fleisch (fast 50 v. H.) und 3600 t Butter -(gleich ein Viertel der Gesamtproduktion).

Das in Berlin erscheinende Blatt "Der Sozialdemokrat" berichtet in seiner Ausgabe vom 15. November über neue Anordnungen der brandenburgischen Provinzialregierung, die eine "Ausfuhr" von Lebensmitteln nach Berlin gesperrt und den Landwirten die freie Verfügung über jene Lebensmittelmengen entzogen hat, die über das Ablieferungssoll hinaus erzeugt worden sind. Dazu heißt es:

"Die Anordnungen lassen eine Ernährungskrise für die Mark Brandenburg erkennen, die die Folge einer Reihe von Fehlern ist, die in der Agrarpolitik der Ostzone in den letzten 15 Monaten begangen wurden.

Die Ernte in der Provinz Brandenburg hat nur 60 v. H. einer Normalernte gebracht. Der Bedarf Brandenburgs an Brotgetreide wird auf 750 000 Doppelzentner höher geschätzt, als die Ernte gebracht hat. Bei den Kartoffeln wird sogar ein Bedarf von 19 Millionen Doppelzentner veranschlagt, was einem Defizit von zwei Millionen Doppelzentner gleichkommt.

Welche tieferen Ursachen hat die heute festzustellende Ernährungskrise in der Mark Brandenburg, die nur ein Symptom für die Lage in der gesamten Besatzungszone ist? In erster Linie ist hieran die Aufhebung der freien Bauernwirtschaft schuld. Frühjahrsbestellung, Zwischenarbeit, Ernteeinbringung, Dreschen und Herbstbestellung werden durch Anordnungen und Befehle ausgeführt. Die ständigen Befehle über die Art und den Zeitpunkt seiner Arbeit rauben dem Bauern die Arbeitslust und schwächen das hochentwickelte Verantwortungsgefühl.

Neben dieser ideellen Fehlerquelle ist der Mangel an Stall- und Kunstdünger die Hauptursache des Produktionsrückganges. Der Rindviehbestand bei den Altbauern liegt erheblich unter dem Niveau des Jahres 1944. Der Schweinebestand Ist minimal. Die Stickstoffzuteilungen haben im Jahre 1946 noch nicht ein Zwanzigstel des tatsächlichen Bedarfs betragen.

Nicht zuletzt ist die übereilte Landverteilung durch Zerschlagung der Güter die Quelle der heutigen Ernährungskrise. Die Sozialdemokratische Partei hat im Jahre 1945 vorgeschlagen, die landwirtschaftlichen Großbesitzungen auf die öffentliche Hand zu überführen und sie während der Dauer der Ernährungskrise mit dem Ziel der Erhaltung und Steigerung des bisherigen Produktionsstandes durch eine zentrale Verwaltung bewirtschaften zu lassen. Die Siedlung und Neuansetzung von Bauern sollte dann durch den Staat in einer Weise geschehen, die es jedem Neubauern ermöglicht hätte, auf eigener Scholle und ohne auswärtigen Nebenerwerb ein auskömmliches Dasein für sich und seine Familie zu finden. Die überstürzte schematische Landverteilung, die Bildung von 20-Morgen-Bauernstellen, die alle keine Hofstellen, kein Zugvieh und kein Ackergerät besitzen, mußten gewaltige Mindererträge ergeben.