Von Karl Krolow

Daß sich der moderne Mensch gegenüber der von ihm selbst entworfenen Technizität seiner Welt, der Heraufführung einer absoluten Technik, im Stande des goetheschen Zauberlehrlings befinde, ist allerorts als Banalität erkannt und ausgesprochen worden. Die ungeheuren Geister, die er einmal rief, kann er nicht los werden, und er muß mit ihrer Hilfe schließlich quälen, wie er von ihnen gequält wird. Das Geisterreich läßt die Dämonen frei, deren Beruf es ist, zu drangsalieren. Und der alte Meister, der ihres tragischen, des metaphysischen Unfugs Herr werde, ist nicht gefunden.

Im Grunde haben – auf verschwiegenere Weise – sich Maler und Musiker, Plastiker und Dichter je und je in die Lage des Zauberlehrlings versetzt gesehen, indem sie als Wagnis eine Aufgabe ergriffen, die sich in ihrem unerbittlichen Wesen durchaus nicht durchschauen ließ. Die Kunst lag für sie wie ein Abenteuer in der Luft. Das Dilettantentum jeder Spielart zu allen Zeiten ist dieser Zauberlehrlingsillusion erlegen, aber zugleich ging ihm angesichts der ihm auferlegten Konsequenzen der Atem aus.

Im höheren Sinne wiederholte sich beim wirklich schöpferischen Menschen das Verhängnis nicht minder häufig. Ein toter Punkt mochte genügen, eine Stelle, an der die Energien eingeschläfert waren, wo die Kräfte der Begabung nachließen, wo – allgemeiner gedacht – die Grenzen einer ganzen Generation erreicht wurden. Jedes Zeitalter hat so in gewissem Verstand seine eigenen Zauberlehrlinge hervorgebracht, die der bestimmten säkularen Beschränktheit erlagen. Es waren die großen als "unzeitgemäß" empfundenen Geister, die von diesem Schicksal betroffen wurden. Man braucht nicht erst an Nietzsche zu erinnern, der zugrunde gerichtet war, als er die dem späten 19. Jahrhundert gesetzten geistesgeschichtlichen Ausmaße durchgangen hatte und im Begriff stand – den Geistern nachgebend – sie zu überschreiten. Solcherart wird eine Form von Hybris entwickelt, die unbarmherzig ans Leben geht. Der Don Quichotte kann verstanden werden als literarischer Ausdruck des Abendländers, für die Persönlichkeit, die sich ihrer jeweiligen Begrenzung nicht mehr recht zu vergewissern vermag und daher sogleich umschlägt ins Absurde. Er versinnbildlicht die Geschichte des sich rettungslos verlierenden Geistes, der den Bezug zu seiner Zeit und ihren Bedingungen verlor. Der zahnlose, flennende, verwahrloste Greis Rembrandt ist, so verstanden, nicht anders Don Quichotte als der von der Schwester zu Tode gepflegte Friedrich Nietzsche.

Aber schließlich ereignet sich in geringeren Graden hartnäckiger, was hier in sublimer Art als Niederlage des geistig und künstlerisch wagenden Menschen zutage tritt. Es gehört zu den elementaren Gefahren, die die Kunst jeglicher Ordnung birgt, daß sie – wie die Musik des Venusberges, wie die Weisen des Rattenfängers – verlockt und die Seele mit fremden, unerhörten Fähigkeiten begabt, die ihr zum Verderben werden. Ebenso gehört es zur Ökonomie des Künstlers, zu erkennen, wo und für wie lange er der Meister bleibt, der bändigt, und wann es ihm geschickt ist, zum Lehrling zu werden, der sich bloßen Widerfahrungen ergibt. Solche Ökonomie ist zuzeiten stärker, mitunter schwächer ausgebildet gewesen, gerade so wie die Kulturgeschichte Epochen unverbrüchlicher Bindungen und solche der fühlbaren Neigung zur Lockerung und Lösung kennt.

Die letzte europäische Erscheinung, der ausgesprochen bindende Gewalt innewohnte, war das Barock. Sein Stil vermochte noch einmal eine Verbindlichkeit herzustellen, der gegenüber selbst die Klassik vieldeutig blieb. Der Sicherheit des Barockkünstlers, der souveränen Beherrschung der ihm zu Gebote stehenden Mittel folgte die immer offenbarer werdende Unsicherheit der Modernität, die eben da einsetzt, als das barocke Weltverhalten abgebaut wird und der bürgerliche Mensch die Individualität in unserem Sinne entdeckt. Daß die seinerzeit einsetzende Unsicherheit eine allgemeine war, zeigt sich nirgends deutlicher als in der seit damals zu erkennenden Dauerkrisis des Christentums.

Goethe, dessen Entwicklung zur Größe schon durchaus neuzeitlich als in einer Bändigung der ihn versuchenden Mächte verlief, entfloh nach Italien, um seiner Herr zu werden. Und rettete sich hier auch das Genie – das ja stets auch in der Bändigung sich verwirklicht – durch eine Flucht in der Postchaise, so haben es doch andere Fluchten wieder zerstört. Sie entarteten zur Vagabundage. J. Chr. Günther und Friedemann Bach waren bei uns unter den ersten vom Typus der trostlos Schweifenden, der mit dem Vaganten des Mittelalters nur den Staub der Straßen gemein hatte, die er durchzog.