In einem Memorandum vom 14. November hat

Außenminister Spaak für Belgien Ansprüche auf Reparationen und gewisse Grenzberichtigungen gegenüber Deutschland angemeldet. Die Belgier wünschen, daß eine Eisenbahnlinie in der Nähe der Urft-Roer-Talsperre, die mehrfach die deutschbelgische Grenze kreuzt, in Zukunft nur durch belgisches Hoheitsgebiet führen soll.

Die öffentliche Meinung in Belgien scheint nicht sehr erfreut von den Schritten ihrer Regierung. Die Zeitungen befassen sich zurückhaltend mit dem Problem, und der Mann auf der Straße erinnert sich daran, daß man bereits mit der Bevölkerung von Eupen und Malmedy großenteils unwillige Mußbeigier in das Königreich aufgenommen hat.

Der Sinn der deutschen Grenzbevölkerung, die von der belgischen Gebietserweiterung betroffen würde, ist zwiespältig. Deutschland kann den Bauern des Hohen Venn für absehbare Zeit keinen Lebensstandard bieten, der ihren Wünschen gerecht würde. Jenseits der Grenze würden sie als belgische Bürger schnell aus dem wirtschaftlichen Elend der Nachkriegszeit in geregelte Verhältnisse gelängen. Belgien ist das Land, wo Milch und Honig fließt. Kein Zweifel, die -Bevölkerung ist kerndeutsch. Soll sie sich des Verrats an der deutschen Sache schuldig machen und sich freimütig zu Belgien hinwenden, oder soll sie den wirtschaftlichen Vorteil fahren lassen und am Deutschtum festhalten? Sie ist in den letzten 32 Jahren nicht zur Ruhe, gekommen. Erster Weltkrieg, Besatzung, Bau des Westwalls, zweiter Weltkrieg, Frontgebiet, Evakuierung, gesteigerte Härte noch im Dezember 1944 durch Rundstedts Offensive, wieder Besatzung – das sind die Leidensstationen einer einzigen Generation! Sollte dieses Stück deutsches Land wirklich ein Objekt des künftigen Friedensvertrags werden, so wird die Bevölkerung wohl kaum in einer Abstimmung befragt werden, zu welcher Nationalität sie sich bekennen will; aber des moralischen Entschlusses wird sie nicht enthoben sein.