Jeder Beruf bildet sich seinen besonderen menschlichen Typ, der, von ethischen Vorstellungen ebenso geprägt wird wie von der fachlichen Ausbildung. Der Fachmann ist seit langem zum festumrissenen Begriff geworden, und gerade der Deutsche steht vielfach in Gefahr, das Spezialistentum zu überschätzen, in dem er Meister ist – und Knecht zugleich. Seine Fachkenntnisse hängen ihm allzu leicht Scheuklappen vor und er sieht dann alle Enge unter schiefer Perspektive. Deshalb machen wir so häufig die Erfahrung, daß erfahrene Praktiker zu Fehlurteilen über allgemeine Fragen kommen und hilflos werden, wenn sie von ihrem geliebten Fachdenken abgeschnitten werden.

Kaum ein Beruf ist vollkommen frei davon. Dennoch gibt es viele Gradunterschiede, und man könnte beinahe eine Skala der Wechselwirkung von Beruf und Urteilskraft über generelle Fragen aufstellen. Auf dieser Leiter würde der Kaufmann, vor allem der Außenhändler, bemerkenswert weit oben stehen, denn bei ihm gehört es eben zum Beruf, sich. einen freien Blick zu wahren. Freilich darf ihn die Sicht ins Weite nicht künstlich verdunkelt werden, wie es heute noch für den deutschen Im- und Exporteur der Fall ist. Kürzlich erst ist ihm die erste Sondierungsmöglichkeit durch die Freigabe der geschäftlichen Korrespondenz mit dem Ausland eingeräumt worden, und es kennzeichnet so recht das Paradoxe der Übergangszeit, in der wir lesen, daß eine so simple Maßnahme zum Wendepunkt von erzwungener Lethargie zur Aktivität gestempelt werden kann. Dennoch liegt in dieser Feststellung nur geringe Übertreibung. Der Außenlandel sieht darin, den ersten Schritt auf dem sicher. hoch dornigen Weg der Rückkehr zum Individualexport und damit-einer Außenhandelsform, die allein der wirtschaftlichen Struktur Deutschlands angemessen ist. Hätten wir allein über unser Schicksal zu bestimmen, bedürfte es keiner Worte, um Selbstverständlichkeiten festzulegen. Unter der Ägide von vier verschiedenen Militärregierungen aber, die alle prägnante Ansichten mit nach Deutschland gebracht haben, waren ausgiebige Erörterurgen nötig – und der Außenhandel wird dennoch in die Form der Monopolorganisation gepreßt. Wir wissen’ nicht, wann wir davon freikommen werden, denn auch die Vereinigung der englisch-amerikanischen Besatzungszone mit Beginn des neuen Jahres wird daran zunächst nichts ändern.

Gelinde Bedenken...

Dennoch steht ein Wandel in Aussicht. Wurde nämlich bis jetzt nur vom Außenhandel gesprochen, soll er jetzt tatsächlich in Gang gesetzt werden. Natürlich hatten wir auch 1946 Ein- und Ausfuhren. Aber die Importe kamen unorganisch und waren Hilfeleistungen; die Exporte bestanden aus Rohstoffen, die wir selber brauchen oder deren Ausfuhr nur in veredeltem Zustand sinnvoll ist. Die Bilanz ist entsprechend. Das deutsche Volk hungert weiter, die Produktion läuft aus und die allgemeine Versorgung ist gleich Null. Die wirtschaftliche Katastrophe steht vor der Tür. Um sie abzuwenden, sollen – so sieht es der Zweizonenplan jedenfalls vor – Importkredite gegeben und mit ihrer – Hilfe Außenhandel und Produktion, die sich gegenseitig befruchten müssen, in Gang gesetzt werden. Sieht man sich freilich die Planzahlen des Außenhandels für 1947 an, kommen einem gelinde Bedenken, ob bald fühlbare Fortschritte gemacht werden können, denn für die entscheidenden Rohstoffeinfuhren sind nur 50 Millionen Dollar vorgesehen, während der Betrag für 1948 auf 375 Millionen Dollar steigen soll. Wir müssen hoffen, daß diese Ansätze revidiert werden, denn es kommt vor allem auf schnelle Wirkung an, wenn die Zielsetzung des Zweizonenpaktes erreicht werden, soll.

Der deutsche Außenhandelskaufmann steht jedenfalls "einsatzbereit", trotzdem die Situation schwer genug für ihn ist. Seit 1939 ist er von den Weltmärkten abgeschlossen und ist weitgehend zum Binnengroßhändler geworden. Nach Kriegsende wurde ihm bedeutet, daß er vorerst keine Aussichten habe, wieder ins Geschäft zu kommen, und es wurce ihm nahegelegt, sich auf die Verkümmerung seiner Arbeit als Dauererscheinung einzurichten – und sich soweit wie möglich noch einmal umzustellen. Viele Firmen sind solchen "Empfehlungen" nachgekommen. Einmal haben sie ihren Personalbestand wesentlich verkleinert, trotzdem sie damit einen gutenTeil ihres "goodwill" aufgeben mußten, der beim Außenhändler nun einmal stärker im Personellen als im Kapital verankert ist. Kapital freilich gehört ebenfalls zum Geschäft, und es liegt-schon eine besondere Tragik in der Tatsache, daß der deutsche Außenhandel, ebenso wie die Schiffahrt, zweimal in einer Generation aller geschäftlichen Hilfsmittel entblößt worden ist. Es heischt Anerkennung, daß die meisten Außenhandelsfirmen sich dennoch ihren Leistungs- und Aufbauvillen erhalten haben, womit sie freilich nur dasselbe tun wie das gesamte so hart mitgenommene deutsche Volk, für das es schwer zu entscheiden ist, ob die privaten oder die geschäftlichen Einbußen höher einzuschätzen sind.

Das lachpersonal jedenfalls ist für den Außenhandel ebenso wichtig wie der Chef, denn es bestimmt den geschäftlichen Erfolg weitgehend. Deshalb haben viele Firmen trotz aller Schwarzmalerei darauf gesehen, sich wenigstens einen gewissen Stamm an Personal zu halten, weil sie nur so ihre Bereitschaft aufrechterhalten konnten, sich eines Tages wieder in das internationale Geschäft einzuschalten. Der vorbereitenden Fühlungnahme dient seit Monaten die private Korrespondenz. Wir konnten sie bei verschiedenen Firmen einsehen und es ergaben sich erfreuliche positive Feststellung gen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wo das politische Ressentiment noch bestimmt, konnten wir überall die Bereitschaft der ausländischen Kunden und Geschäftsfreunde feststellen, sobald wie möglich mit Deutschland wieder ins Geschäft zu kommen. "Deutsche Waren sind nicht vergessen" ist ein immer wiederkehrendes Leitmotiv ausländischer Erklärungen, die nicht nur aus der noch herrschenden Warenknappheit; sondern weitgehend aus echter Wertschätzung deutscher Erzeugnisse entstehen. Wir müssen daraus die Folgerung ziehen, den alten Gütegedanken und den individuellen Kundendienst neu zu fördern, der das "Standing" des deutschen Außenhandels auf allen Weltmärkten geprägt hat. Dieses nationale "goodwill" besteht noch, und deshalb war es ein so -besonders schwerer Schlag für den deutschen Export, daß mit der Monopolorganisation für die Ausfuhr auch die Anonymität des Warenangebots verfügt worden ist. Das war ein politischer Akt. Aber es ist einigermaßen unverständlich, daß die Exportmüdigkeit alt Folge dieser geschäftsfeindlichen Entscheidung verwundert hat und daß man glaubte, nach Gründen hierfür suchen zu müssen. Die Wirtschaft hat nun einmal ihre Realitäten, die beachtet werden wollen.

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