Die Kinder haben lange keine Schokolade gesehen, es ist verständlich, daß sie "drauf ver-"essen" sind. Aber so weit darf die "Versessenheit" natürlich nicht gehen, daß sie – wie drei Vierzehnjährige es taten, die jetzt in einer norddeutschen Großstadt festgenommen wurden – einen Einbruch in Szene setzen, um 150 Tafeln Schokolade zu stehlen

Der Einbruch gelang. den Jungen, aber nun kommt das Erstaunliche: sie aßen die Schokolade nicht etwa auf, gierig, wie ein Raucher die lang entbehrte Zigarette inhaliert. Mitnichten! Die drei eilten nun Schwarzen Markt, um die erbeutete Schokolade dort zu verhökern. Hierbei würden sie gefaßt.

Durch diese Schlußpointe verläßt die ganze Sache die Sphäre des Mundraubs, in die man sie sonst vielleicht bei gutem Willen noch hätte plazieren können. Es war eine Schwarzmarktaktion, ein verbrecherisches Geschäft, in das die Jungen sich einließen.

Der Fall steht nicht vereinzelt da. In Berlin wurde beispielsweise eine "erschreckende Bilanz" veröffentlicht. Während eines einzigen Monats mußten in Groß-Berlin 280 Kinder im Alter von acht bis vierzehn Jahren festgenommen werden, was einen Rekord darstellt. Davon werden 199 des Diebstahls angeklagt; 23 Kinder wurden wegen Stilbruchs festgenommen. 11 hatten, sich wegen Schwarzhandels und Körperverletzung zu verantworten.

Weiterhin weiß die erstaunliche Zeitchronik von einem sechzehnjährigen Mädchen zu berichten, das sich einer Bande anschloß zur Veranstaltung von Einbrüchen. Pistole und Diebsgeräte waren ihr zum selbstverständlichen. "Handwerkszeug" gewo den. Die "Erträge" dieser Raubzüge wanderten auch zum größten Teil auf den Schwarzen Markt,

Mit dem Diebstahl von Schokolade beginnt es, um dann beim Bandeneinbruch zu enden. Was soll weitet werden? Natürlich sind solche Taten nicht die Regel, aber die Ausnahmen sind doch schon alarmierend genug; sie umreißen die Tragödie einer Jugend, die – wie ein Pädagoge es kürzlich formulierte – "erfahren ist, ohne reif zu sein!" Wird man, wie manche es anpreisen, mit Drohungen etwas erreichen, einer Jugend gegenüber, die einen reichen Erfahrungsschatz im Umgang mit bedrohlichen Lebenslagen oft als einiges ihr eigen nennt?

Es wäre ungerecht, mit allgemeinen Vorwürfen über die Jugend herziehen; denn sie ist nicht schuld an den sozialen und wirtschaftlichen Zuständen, die letzten Endes für diese Dinge verantwortlich zu machen sind.

Was die drei kleinen Schokoladendiebe betrifft, so dachten sie sich weiter nichts dabei. Was aber die "Popularität" des Schwarzen Marktes bei den Kindern angeht, so sind die Eltern und Erwachsenen daran, vielfach selbst schuld, indem sie vor den Kindern Schwarzmarktprobleme erörtern, an denen sich die jugendliche Phantasie in ververhängnisvoller Weise entzünden kann. -us