DIE ZEIT Wirtschaft

Schleswig-Holstein ist das einzige Land der westlichen Zonen, das in der mehr oder weniger glücklichen Lage ist, an zwei Meeren zu liegen. Es hat zwei Drittel der Küsten inne, die von der britischen und der amerikanischen Militärregierung kontrolliert werden. Von den uns verbliebenen Küsten einschließlich der sowjetischen Zone besitzt Schleswig-Holstein rund zwei Fünftel.

Bei diesen günstigen Verhältnissen liegt es nahe, in Schleswig-Holstein eine leistungsfähige und moderne Hochseefischerei vorzufinden. Weit gefehlt! Diese Frage war vor dem Kriege aber auch nie aktuell, weil der Hafen Kiel, der in Schleswig-Holstein für die Zwecke einer Hochseefischerei geeignet gewesen wäre, als Kriegshafen der ehemaligen deutschen Kriegsmarine, allein diesem Zweck vorbehalten blieb. Eine andere Ausnutzung des Hafens war wegen des vorherrschenden Einflusses der Kriegsmarine nicht möglich und auch nicht nötig, wurde doch Kiels Lebensbasis mit dem Ausbau der Kriegsmarine, immer breiter und fester.

Daß sie trotzdem auf tönernen Füßen stand, ergibt sich jetzt nach der Zerschlagung der deutschen Marine. Damit hat Kiel seine wirtschaftlichen Existenzgrundlagen völlig verloren. Zudem bietet die Stadt ein fast hoffnungsloses Bild der Zerstörung; sie ist unter allen Städten Schleswig-Holsteins die meistgebombte Stadt. In dem um 44 v. H. verringerten Wohnraum leben 220 000 Menschen, das sind 80 v. H. der einstigen Vorkriegsbevölkerung. Kiel ist auch besonders stark mit Ausgewiesenen belegt.

Diese bitteren Voraussetzungen waren für viele verantwortungsbewußte Männer der Regierung des Landes, der Stadtverwaltung Kiels und der Wirtschaft die Veranlassung, in Kiel existenzfähige Betriebe zu etablieren. Eines dieser Probleme ist der Aufbau der Hochseefischerei. Die günstige Lage Kiels zwischen zwei Meeren und die unmittelbare Nähe des Nordostseekanals bieten diesem Projekt erhebliche Vorzüge. So steht die Hochseefischerei auch in den Wirtschaftsplänen, der Militärregierung für die Stadt Kiel an erster Stelle. Aktuelle Bedeutung gewannen die Fragen durch den Beschluß des Alliierten Kontrollrates, zum Wiederaufbau der deutschen Fischdampferflotte den Bau von 100 Dampfern freizugeben.

Für Küstenfischer sind die Bedingungen in Kiel nicht sehr günstig, da die westliche Ostsee nur geringe Möglichkeiten bietet. Hervorragende Voraussetzungen sind aber für Hochseekutter und Fischdampfer durch die zentrale Lage Kiels zu allen Fangplätzen gegeben. Im Kriege hat die mittlere und östliche Ostsee ihre Ergiebigkeit dadurch beweisen können, daß bis zu 100 Fischdampfer mit sehr guten Erfolgen diese Gebiete befischt haben. Die Anlagen für einen Kieler Hochseefischmarkt müssen nicht erst errichtet werden; ehemalige Wehrmachtsanlagen-sind vorhanden, die mit einem nur geringen Aufwand umgebaut werden könnten. Zudem ist die vorhandene schleswig-holsteinische Fischindustrie heute nur zu einem geringen Teil beschäftigt; die "Nordland-Fischindustrie" als größte Kieler Firma liegt in der Fischverarbeitung gänzlich still. Ein großer Teil der jetzt in Kiel zur Verarbeitung gelangenden Ware wird in Waggons von Nordseeplätzen angefahren. Das ist für die Firmen und auch für die Landesverwaltung wirtschaftlich ein unhaltbarer Zustand, der durch die Abhängigkeit erheblich verschärft wird.

Die Versuche, in Kiel eine "kleine Hochseefischerei" mit Hochsee-Motorkuttern heimisch zu machen, blieben bisher wegen der fehlenden Unterstützung der zuständigen deutschen Stellen und der deutschen Kutterkommission erfolglos. Es war nicht möglich, auch nur einige Kutter zu bekommen, um sie mit erfahrenen Fischern zur Aufnahme der Fischerei im Kattegatt und der Nordsee zu besetzen. In Kiel liegen Pläne für eine großzügige Ansiedlung und Heimischmachung solcher Fischer vor. Sie konnten bishernicht vorangetrieben werden, da ein Aufbau der Hochseefischerei nur mit heimischen Küstenfischern und Ostfischern im Hinblick auf die anders, gelagerten Verhältnisse der Nordsee und des Kattegatts nicht die erforderliche Sicherheit bietet.

Um in Kiel für dastand Schleswig-Holstein einen Hochseefischmarkt aufzubauen und damit zu einem Teil der Stadt eine neue Existenzgrundlage zu geben, ist eine gewisse-, Mindestanzahl von Fischdampfern notwendig. Für eine rentable Wirtschaft sind für Kiel mindestens 12 Fischdampfer nötig. Diese Bestrebungen werden von der Landesregierung, der Stadtverwaltung, der heimischen Fischwirtschaft und nicht zuletzt von der britischen Militärregierung, sehr gefördert. Es bleibt zu hoffen, daß auch die für die Verteilung der Fischdampfer zuständigen deutschen Zentralstellen den berechtigten Wünschen für den Aufbau einer Hochseefischerei für das Land Schleswig-Holstein in der vorgeschlagenen Weise nachkommen. ww.