So sprachen, wie uns die Bibel berichtet, die himmlischen Heerscharen in der Nacht, als der Engel den Hirten verkündete, daß der Heiland geboren sei, "welcher ist Christus der Herr, in der Stadt Davids": Gloria in excelsis deo et in terra pax hominibus bonae voluntatis. Ehre sei Gott in der Höhe und Frieda auf Erden den Menschen, welche eines guten Willens sind.

Wie sah es in den irdischen Landen aus, in denen diese himmlische Botschaft ertönte? Friede herrschte in der römischen Welt, die pax romana, römischer Friede. Alle inneren Feinde waren besiegt, die blutigen Bürgerkriege beendet. Nur an den Grenzen des Reichs wurden hin und wieder Kriegszüge unternommen, um angriffslustige Nachbarn zu bändigten. Roms-Militärmonarchie hatte viele Völker unter ihre Herrschaft gezwungen. Fünfundzwanzig Provinzen unterstanden prokonsularischer oder senatorischer Gewalt, wurden von Prätoren oder Prokuratoren, verwaltet. Ein Netz vorzüglich gebauter. Heerstraßen, auf denen der Marschtritt der Legi-

onen erklang, überspannte das Reich. Sie sicherten die Verbindungen, deren Rom bedurfte, um mögliche Aufstände freiheitsliebender Völker niederzuwerfen. Haltung und Ergebenheit der Bewohner Waren der Maßstab, nach dem die Rechte geordnet wurden, die den Unterworfenen zustanden. Nur ein

Schatten von Selbstregiment und Autonomie blieb denen; deren Freiheitswille der römischen Besatzungsmacht zu groß schien, als daß sie ihnen hätte trauen können. Ungleich waren die Rechte der Völker, die das Weltreich bildeten, und Reibungen mußten hieraus entstehen, die seinen Bestand bedrohten,

Auch im Geistigen war die scheinbare Einheit trügerisch. Äußerer Glanz, gesetzliche Ordnung im Innern und eine Fülle wissenschaftlicher, philosophischen und künstlerischer Bildung konnten die große Unruhe nicht verdecken, die überall die Gemüter bewegte. Die heidnischen Religionen, Mysterien und Geheimlehren hatten ihre bindende Kraft verloren. Je stärker der Mechanismus einer autoritären Regierung auf dem Lande lastete, um so mehr sehnte sich der einzelne nach einer neuen Botschaft, nach einem neuen Ziel, einer neuen Hoffnung. Hier endlich war’sie. Friede auf Erden, verkündeten die himmlischen Heerscharen den Menschen, die eines guten Willens sind. Die Völker hörten die Botschaft, und viele nahmen sie an.

Was ist aus diesem Heil geworden? Im Namen des Friedensfürsten wurde die Welt in Blut getaucht. Kriege wurden geführt, um andersgläubige Völker zu unterjochen, Ketzer wurden verbrannt, Hexen zu Tode gemartert. Spaltungen in der Kirche führten zu endlosen; Verfolgungen und Kämpfen, und kein Völkerstreit wurde begonnen, ohne daß beide Parteien den Namen des Herrn angerufen hätten, um die Gerechtigkeit ihres Unterfangens zu bekräftigen.

Nur in einer Nacht blieben die Schwerter in der Scheide, schwiegen die Kanonen in allen Jahren, seitdem das Christentum zur Herrschaft. gelangt war, in der gleichen Nacht, in der einst in Bethlehem das Kind geboren wurde, vor dem sich die Könige beugten. Und wenn im letzten, Krieg noch in den Morgenstunden, bevor das Licht des vierundzwanzigsten Dezember dämmerte, Bomben auf unsere Städte fielen, Wohnungen zerstörten und Menschenleiber zerfetzten, in dieser Nacht setzten wir uns ruhig zusammen, sicher, daß niemand daran denken würde, den Frieden zu stören, weder Hitler. noch seine Gegner.