Als wir Soldaten waren, mußten wir im Hinblick auf den Endsieg schon als Rekruten das Umfallen lernen, und manche Unteroffiziere suchten sich dafür sogar Pfützen aus. Dies war sehr schwer und stählte den Charakter. Aber am schwersten war es, daß Wir unterm Gebrüll der "Vorgesetzten ein "dienstfreudiges Gesicht" machen mußten. Wir mußten etwas Positives in all dem Negativen, wir mußten etwas strahlend Unterwürfiges in unseren Augen aufleuchten lassen wie ein Hund, wenn er wedelt. Aus alledem wird klar, daß wir auch nicht reden durften, wie wir wollten. Nicht nur unsere Gedanken, auch unsere Ausdrücke waren verboten, ganz harmlose Redewendungen sogar, zum Beispiel das Wörtchen "Ja". Wir mußten die Knochen zusammenreißen und ein zackiges "Jawohl" weithin erschallen lassen und dann den Titel des betreffenden Vorgesetzten, Wißt ihr noch, Kameraden?

Ach, es ist dafür gesorgt, daß wir’s nicht vergessen, ach jawohl. Denn, Kameraden, herhören: Der Polizeipräsident von Dresden hat befohlen, daß das "Jawohl" nicht mehr angewendet werden. darf. So, das war s. Rührt euch!

Es nützt euch gar nichts, statt dessen "Jawoll" oder gar "Tschäwoll" zu sagen. Denn "Jawohl" mit sämtlichen Abarten ist in Sippenhaft geraten. "Jawohl" ist preußisch-militaristisch und daher verhaßt im kämpferischen Dresden, wo man ein offenes, dienstfreudiges sächsisches "ja" viel lieber hört. Hie Preußen, hie Sachsen! Aber daß der Befehl: "Verboten bei Strafe verboten!" das ganze Leben durchzieht, so oder so, bis in sprachliche Feinheiten hinein, dies, Kameraden, ist und bleibt nun einmal deutsch. Dies, Kameraden, ist geeignet, den bedrohten Zusammenhalt der Zonen allezeit zu gewährleisten, was immer auch kommen mag. So, Kameraden, steht bequem! Denn die neue Zeit ist angebrochen, in der es geraten ist, bequem zu stehen und das "Jawohl" zu vermeiden, wenn anders ihr nicht in den Verdacht kommen wollt, daß es euch seinerzeit riesigen Spaß gemacht hat, euch in dreckige Pfützen zu schmeißen und von wildgewordenen Unteroffizieren, angebrüllt zu werden. Und doch! Reißt eure Knochen auch wiederum zusammen, auf daß euch nicht etwa aus Versehen ein preußisches "Jawohl" entfahre, wenn ihr ins wildgewordene Dresden kommt. Wie heißt es schon in der Bibel? "Deine Rede sei Ja, ja und Nein, nein, was darüber ist, ist von Übel." So ist es. Jawoll, Herr Polizeipräsident! Sie haben zwar das militaristische "Jawohl" verboten, Herr Präsident, aber ein streng befohlenes, bibelfestes, demokratisches "Ja" von dieser Art appelliert schließlich geradeso an die Unterwürfigkeit und stählt auch den Charakter geradeso...

Einst hat der weise Plato ja sogar den Gebrauch bestimmter Melodien verboten, und das in Griechenland, dem Quellgebiet aller demokratischen Ströme! Und was in Athen billig war, sollte in Schwerin Unrecht sein? So wurde den Schweriner Kindergärtnerinnen kurzerhand verboten, mit ihren Schutzbefohlenen Lieder wie "Stille Nacht" und ,,O du fröhliche..." zu singen. Wie denn? Hat denn Schwerin die Weltanschauung nicht gewechselt? Oder wie kommt es, daß hier eine Verfügung wieder aufgewärmt wurde, die schon im "Dritten Reich" bestand, da den Kindergärtnerinnen aufgegeben, war, den Lichterbaum germanisch-wotanisch als Sonnenwendsymbol zu umtanzen. Aber nichts vom Christkind. Nichts von "Stille Nacht": sie war verboten, verboten. Schon hatte einer der engbrüstigen HJ-Dichter ein Ersatzlied "Hohe Nacht der klaren Sterne" verfaßt, und es war von ganz oben trostreich zugesagt, daß andere Lieder folgen würden, die altmodischen, längst weltanschaulich überwundenen, die bösen christlichen Lieder zu ersetzen. Und wer den Vers kennt:

"Händchen falten, Köpfchen senken. Immer an den Führer denken",

der weiß, was das für eine rührend trauliche Kindergarten-Weihnachtsstimmung war im unselig vergangenen "Dritten Reich". Diese Zeiten, sollte man denken, sind vorbei, und da es ja nicht sein kann, daß noch immer Christentumverfolgung herrscht, müssen wohl andere Gründe für das Schweriner Verbot maßgebend gewesen sein. Und so meine, ich, wird man sich halt an den alten Plato erinnern müssen, der in harten Zeiten ebenfalls weiche Melodien verbot, damit die Herzen nicht zerflössen in unpassender süßer. Seligkeit, um der Härte, um der Wahrheit willen. Und da nach dem Jahrtausend der Lüge wieder die Wahrheit herrschen soll, ist es denn wohl auch verständlich, daß die Schweriner Behörde in Ermangelung anderer, größerer Sorgen gegen die Weihnachtslieder zu Felde zieht. Denn gibt es stille, heilige Nächte in Schwerin? Gibt es dort eine fröhliche, selige Weihnachtszeit? Es gibt sie offenbar nicht. Und was nicht ist, davon soll man auch nicht singen. Man soll der Wahrheit – was auch immer die Leute von Schwerin und Dresden tun, um uns Deutsche recht, recht lächerlich zu machen – die Ehre geben.

Soll man nicht, Herr Präsident? Jawoll, man soll, Herr Präsident! M.