Eine Legende von Angelica Krogmann

Es weht eine steife Brise aus Nordnordost. Oben glitzern die Sterne, unten glitzert die See, und in den kleinen Häusern ist Weihnachten. Der Schoner am Bollwerk dümpelt, der Wind singt in der Takelage, und durch den Himmel schaukelt der Mond.

Vom Strand herauf kommt mit seinen Kindern der Fischer. Er hat ein Fäßchen Jamaika aus der Ladeluke geholt, und ihm wird wohlig zumute, wenn er an den Grog denkt. Von der anderen Seite kommt der Kapitän. Der Schiffsjunge stolpert mit der Laterne hinter ihm her und freut sich auf zu Hause. Es war sein erster Toni, und er hat schon gelernt, daß man nicht nach Luv spucken darf.

Da reißen sie plötzlich die Augen auf, der Fischer und die Kinder und der Schiffsjunge und der Kapitän; und sie denken: Nanu! Und sie hätten doch noch gar keinen Grog getrunken, und das könnte ja wohl nicht mir rechten Dingen zugehen. Denn da steht eine junge Frau, die sie noch nie gesehen haben, und hält ein Kind auf dem Arm. Aber sie steht gar nicht richtig. Es ist, als hätte der Wind sie hergeweht und könnte sie jeden Augenblick wieder davonpusten. Sie sagt, daß sie friert, und daß sie wohl auch einen Grog haben möchte. Und weil sie so ganz besonders lächelt, laufen sie alle schnell nach Haus.

Der Kapitän flucht ein bißchen. Für alle Fälle. Es könnte ja sein, daß das Wasser noch nicht kocht. Und der Schiffsjunge denkt, daß der Kapitän in diesem Augenblick lieber nicht fluchen sollte. Aber das Wasser kocht, und sie kommen mit den dampfenden Gläsern zurückgelaufen. Und nun müssen sie sich wieder wundern, und dem Kapitän ist das Fluchen vergangen, denn die Frau ist fort. Da stehen sie nun mit den Gläsern und treten hin und her, weil es ja kalt ist, und auch aus Verlegenheit. Der Schiffsjunge schraubt an seiner Laterne herum, obwohl sie ganz ordentlich brennt. Dann schluckt er und sagt, er weiß, wer das war. Der Kapitän drückt das Kinn in den Mantelkragen, weil es sehr kalt ist. Und auch, weil er es gar nicht leiden kann, wenn Schiffsjungen etwas wissen, was er nicht weiß. "Na?" sagt er. – "Ich glaube", sagt der Schiffsjunge, und fummelt immer noch mit der Laterne, weil er Angst hat, sie lachen ihn: aus, "ich meine, das war die kleine Madonna von den Segelschiffen."

Aber sie lachen nicht. Der Kapitän macht ein grimmiges Gesicht. Das tut er immer, wenn er sich freut. Er kneift das eine Auge zu, und mit dem anderen peilt er sein Grogglas an. "Prost!" sagt er. Und dann trinkt er einen Schluck. Und dann stellt er das halbvolle Glas auf die Erde und geht ins Haus. Und das Glas läßt er da stehen.

Die anderen sehen, daß dies nun in der Ordnung ist, und gehen auch nach Hause, bloß der Schiffsjunge nicht. Der setzt sich auf den Polder und schlenkert ein bißchen mit den Beinen und hört zu, wie der Schoner dümpelt und der Wind in der Takelage geigt...