Von Ernst Riggert

Im Gründe sind die Probleme, die Dänemarkin fortgesetzter Unzufriedenheit halten und Apathie, Tatsachenscheu, Unsicherheit und Ratlosigkeit zeitigen, dieselben wie bei uns. Es ist auch dieselbe allgemeine Bewußtseinskrise, die den handelnden Menschen ohne sicheren Bezug zu sich, selbst, zu steinern Volk und zur Welt läßt. Die letzten Jahrzehnte haben hier wie dort eine solche Überfülle bestürzender Eindrücke, Symptomatisches und Zufälliges in einem, gebracht, die niemals voll bewußt erfaßt werden konnten und daher die Bewußtseinskräfte eher schwächten als stärkten. Und heute stehen wir wehrlos vor einem ungeheuren Wall solcher trümmerhaften Einzeleindrücke, die sie zu Vorstellungen wurden. Während nun bei ans dem Chaos des Innern ein äußeres Bild zerschmetterten Städte entspricht, hält in jenem Lande, das wir glücklich nennen, die fast friedensmäßige Illumination der Fassaden, das Unzerstörte, Bunte, Üppige die notwendige Erkenntnis fern. Dennoch ist die Situation der unsern ähnlich.

Auch in Dänemark geht es darum, die heftigen Reaktionen, die ein friedliches, rechtliebendes Volk dahin führten, auf Terror mit Sabotage, Mord und List zu antworten, in verantwortungsbewußte Haltung zu wandeln. Der deutsche Rechtsbruch vom 9. April 1940 hat ungeheuerliche folgen gehabt. Dänemark antwortet noch heute mit tiefem Mißtrauend Dies Mißtrauen muß zunächst hingenommen werden. Es ist auch verständlich, daß die Dänen in Deutschland, einem lande, das noch so wenig Selbstbesinnung, und Ziel offenbart, in dem der Hunger die Gedanken vertreibt, wenig Ermutigendes für eine Änderung Ihrer Haltung finden.

Henrik Steffens’ Botschaft aus Goethischer Weltanschauung, die zu Beginn des vorigen Jahrhunderts fast über Nacht einen geistigen Klimawechsel im Norden hervorrief, der Öhlenschläger, Grundtvig, Kierkegaard und Wergeland Entscheidendes danken, ist heute vergessen. Deutschland hat diesen seinen Repräsentanten verleugnet, und da es auf seine höchsten Güter verzichtete, ist auch die wunderbare Nachbarschaft europäischer Geister zerfallen, die es jetzt aus unerhört erschwerter geschichtlicher Situation wiederzuewinnen gilt: "Man hat bei uns behauptet, man hasse die Deutschen. Ich möchte wissen, wer in aller Welt den deutschen Geist wirklich gehaßt hat! In den letzten Jahren haben den deutschen Geist die Deutschen am meisten gehaßt." So schirieb Paul Ernst in einem Aufsatz "Sittlicher Mut" in der Frankfurter Zeitung" vom 2. November 1918, Heute könnte dasselbe noch nachdrücklicher ausgesprochen werden. Die Geistfeindschaft unseres Nationalismus hat uns in die offene, Barbarei geführt, und die Gefahr neuer Stürze ist noch nicht überwunden.

Wenn wir uns erlauben, einen gemeinsamen Nenner für... gegenwärtige Nöte zu gemeinsamen so geschieht das nicht, um Gegensätze zu verhüllen. Selbstverständlich hat jedes Land seine eigene Aufgabe. Ein seiner besten. Kräfte bewußtes Deutschland, ein Deutschland des Widerstandes gegen die seit Generationen befolgten Irrwege, deren äußerste und letzte Konsequenz der Nationalsozialismus war, würde wieder als Nachbar anerkannt werden. Und unsere Grenze im Norden würde. Front des friedlichen Wetteiferns und Brücke in einem sein. Über solche allgemeinen Gedanken kann man sich heute in Kopenhagen, mit Nachdenklichen aus vielen Lagern verständigen. Im übrigen wäre es falsch anzunehmen, daß von dort nur gerichtet und verurteilt wird. Es gibt deutliche natürliche Neigungen, Partei für den am härtesten Bedrängten zu ergreifen, obgleich man offiziell immer wieder warnte, nur ja keine Mitleidskampagne für die Deutschen zu führen – und deswegen erst jetzt beginnt, sich ein Bild der deutschen Wirklichkeit zu machen. Aus Wirtschaftskreisen, nicht etwa nur von Deutschenfreunden, hört man wieder und wieder, Deutschlands Industrie sei unentbehrlich, man warte auf eine Möglichkeit, neu anzuknüpfen, man brauche Salz, Farben. Kali, Kohle. Maschinen, optisches Gerät und vieles andere. Eine wachsende Enttäuschung gegenüber England und das Mißvergnügen über die ungenügenden Preise, die England für Bacon, Eier und Butter zu bieten hat, bestärken solche Stimmung.

Der Däne ist kein ausdauernder Hasser. Er hat nicht vergessen, den einfachen deutschen Soldaten von den allgemeinenBeschuldigungen auszunehmen. Aus Unsicherheit und Sorge um des Landes. Zukunft gibt es zwar schroffe Abweisungen schüchterner Vorschläge, außer für polnische auch für deutsche Kinder zu sammeln. Das Land ernährt aber 200 000 deutsche Flüchtlinge. Es wird erwogen, alle Kinder in Südschleswig zu speisen. Die Dänen tun viel. Kleinlich waren sie nie. Diesmal nur möchten sie nicht wieder betrogen werden. Eine echte Verständigung mit ihnen, zwischen Volk und Volk, wird noch lange erschwert werden durch: die Erinnerung an Gestapo, Konzentrationslager und Terror.

Der erste Eindruck des Landes. ist für eine! Deutschen, der, weil ihm Devisen fehlen, schon von der Grenze an auf die Hilfe dänischer Freunde angewiesen ist, eher bestürzend als lockend. Man wird zunächst scheu in diesem unmittelbar an unsern dunklen Grenzen .liegenden Märchenland, das viel weiter aus. unserer Nachbarschaft entfernt zu sein scheint als etwa England.