Mozart könnte das Lied "Schlafe, mein Prinzchen, schlaf ein" gut zum Spezialgebrauch für die Wiener Sängerknaben geschrieben haben. Aber daß dieses Lied weder von Mozart noch für die Sängerknaben komponiert wurde, steht nun einmal fest. Schade! Als sie es in Hamburg sangen, schwammen die Augen vieler Zuhörer in Tränen, und eine Frau sagte, daß dies ihre ersten Glückstränen seit Jahren waren. Auf dem Podium standen einundzwanzig Buben, ein rundes Viertel also des gesamten Chores, der zu Konzertreisen auseinandergeflattert ist unbekümmert um Grenzen und Sperren: eine Sängergruppe, die nicht nur in Westdeutschland, sondern in Frankreich, Portugal und Spanien die "süßgewachsenen Schnäbel" auf tun wird, lauter Zehn-, bis Fünfzehnjährige. Aber wie Zahlen doch täuschen können! Die Wiener Sängerknaben sind 450 Jahre alt, und vielleicht sind sie ewig.

Man sieht es den Lausbuben nicht an, dieses Alter, am wenigsten, wenn sie in Lortzings naivschalkhaftem Singspiel "Opernprobe", angetan mit Rokokogewändern, als Solosänger agieren. Aber man hört es ihnen an. Wenn sie die sakralen Chöre aus jener Zeit, weit vor der Klassik, singen, in denen es noch keine erregend vibrierenden Orchester gab, nein, in denen die Kapelle noch eine Gemeinschaft von Sängern und die menschliche Stimme nicht nur das schönste, sondern auch das einzig maßgebende Instrument war, dann steigen aus den kühlen, frischen Knabenstimmen kühle, feierliche Melodiebögen auf und weiten sich zu musikalischen Räumen voller Weihe, die Last und Sinnlosigkeit jeglicher Gegenwart vergessen lassen. Und die Lausbuben droben auf dem Podium im Halbkreis um ihren Kapellmeister Haymo Täuber haben sich in Engel verwandelt.

Daß dem großen Publikum die soviel irdischeren Volkslieder mehr zusagen – am meisten jene der bürgerlich-romantischen Zeit, in denen die Sentimentalität auf dem Grat ist, in Gefühlsseligkeit abzugleiten –, sagt nichts gegen die Sängerknaben, die sich von ihrer Kunst ernähren müssen, seit die Schatulle der Habsburger 1918 zuklappte. Es gibt Lieder, die uns zu nahe sind, als daß wir kunstästhetisch sie genießen oder überhören könnten. "Stille Nacht, heilige Nacht ..."? Sie sangen es als wundersames Weihnachtsgeschenk, sie ließen es wie einen frommen Stern, der die Spitze eines Christbaumes schmückt, leuchten, und das Zwitschern der Straußschen Walzerweisen war wie der Baumschmuck, wie glitzerndes Engelshaar ...

Josef Marein