Nicht Dachau und nicht Buchenwald oder dieKonzentrationslager Österreichs haben es vermocht, den großen Humanisten’ in einen Hasser zu verwandeln. Seine Stimme mischte sich nie in den Chor jenes Schreies nach "Revanche", den viele seiner französischen Landsleute so gern erheben. Sein Weltbild blieb auch in der Gefangenschaft, die sicherlich ihm als Franzosen jüdischer Herkunft viel bedrückendes bringen mußte, das eines Europäers, den nicht die Unbilden seines persönlichen Schicksals, sondern die Sorgen – und Nöte seines Kontinents, die ethischen Probleme der Menschenrechte, die Frage der moralischen Unabhängigkeit, der Souveränität des Sittengesetzes beschäftigen, als er die Zeit der äußeren Unfreiheit dazu benutzt, die Abhandlung "Sur l’Echelle Humaine" niederzuschreiben, in der er als französischer Patriot zugleich die Sterilität der herrschenden Klassen seines, Landes anklagt. Als er aus, der deutschen Gefangenschaft heimkehrt, enttäuscht er manche derer, die ihn mit tragen bestürmen, indem er jede schlechte Behandlung durch die Deutschen bestreitet. Nichts in den fünf Jahren seiner Haft hat den Gerechtigkeitssinn, die sachliche Aufrichtigkeit und menschliche Zuverlässigkeit Léon Blums erschüttern können, wie andererseits auch nichts ihn in den Jahren vorher über die Gefahren hinwegzutäuschen, vermocht hatte, die Europa und seinem Lande drohten.

Die Ablehnung nationalistischer Exzesse in der Politik machte ihn zum entschiedenen Gegner der Ruhrbesetzung. Poincarés im Jahre 1923, deren Fragwürdigkeit für Frankreich et klarer als irgendeiner sonst erkannte. Die gleiche unbestechliche Gewissenhaftigkeit seines politischen Urteils läßt ihn später Frankreichs Politik im Kontrollrat verurteilen, zu der er im Dezember 1945 mit beißendem Sarkasmus bemerkt: "Es hat den Anschein, als ob wir uns für den Ausschluß in Potsdam durch eine Obstruktion, in Berlin rächen wollten." Und er fährt fort: "Es war ein Fehler, daß wir die Lösung technischer und administrativer Probleme, denen sich alle Besatzungsmächte gegenübersehen, von der vorangegangenen Lösung des rheinischwestfälischen Problems abhängig machten." Seine geistige Aufgeschlossenheit läßt ihn in den Tadel ausbrechen: "General de Gaulles Politik ist mehr nach der Vergangenheit als nach der Gegenwart und Zukunft hin orientiert."

Es ist ein eigenartiger Triumph, der dem nun vierundsiebzigjährigen Staatsmann zuteil wird, wenn sich fast die gesamte französische Nationalversammlung auf ihn als Ministerpräsidenten geeinigt hat, wenige Monate, nachdem (im August 1946) die jüngere Generation seiner eigenen Partei, der Sozialisten, ihm auf dem Parteitage die Gefolgschaft versagt hat. Die große menschliche Würde, die so sehr ein beherrschender – und in fünf Jahren Gefangenschaft bewährter – Zug dieses alten Mannes geworden ist, hat ihm in aller Welt und auch in Deutschland Sympathien gewonnen, die nichts mit-politischer Einstellung zu tun haben. Geistreich und schlagfertig, zeigte er sich früh als der geborene Redner der Debatte, während ihm für die Wirkung auf große Volksversammlungen schon das körperliche Organ fehlte, über das ein Briand oder ein Jaurès verfügten. Seiner Liebe zur Feder blieb er durch sein ganzes Leben treu, und viel spricht dafür, daß er als seiner eigentlichen Natur gemäß am stärksten die Zeiten empfunden hat, in denen er noch die Leitartikel des "Populaire" im Redaktionszimmer dieses Blattes verfaßte. Politischer Erfolg als Kabinettschef blieb ihm zweimal versagt. Die Volksfront-Regierung; die er mit einem ungewöhnlich weitgehenden sozialpolitischen Programm im Jahre 1936 bildete, scheiterte an den finanziellen Schwierigkeiten Frankreichs und bildete durch ihre Maßnahmen eine sehr umstrittene Periode der französischen Geschichte. Die Ablehnung des Ermächtigungsgesetzes für eine neue Rüstungsanleihe durch den Senat brachte im Juni 1937 das Kabinett zu Fall.

Auch zum zweiten Male scheiterte Blum am Widerstand des Senats, und abermals wegen eines finanziellen Ermächtigungsgesetzes, nachdem er im März 1938 erneut das Ministerpräsidium übernommen hatte. Der Senat erzwang am 8. April 1958 abermals seinen Rücktritt.

Die Wirtschaftspolitik schen Folgen der Volksfrontpolitik sind von seinen Gegnern vielfach später für den schnellen ZusammenbruchFrankreichs im Jahre 1940 mitverantwortlich gemacht worden. Sie waren immerhin umstritten genug, um auf der politischen Kredit Bluns bei den Massen nicht ohne Einfluß zu bleiben. Hatte er früher auch der Autorität nach die unbestrittene Nachfolgerschaft des ermordeten Jeurès bei den Sozialisten inne, so ließen die Vorgänge auf dem Parteitage des August 1946 doch deutlich werden, daß sich hieran manches verändert haben mag. Es konnte daher nicht ausbleiben, daß fiele in seiner Betrauung mit der Kabinettsbildung nach der Ablehnung Thorez’ und Bidaults sher eine Verlegenheitslösung als ein alle Parteien umfassendes Vertrauensvotum erblicken. Im Interesseeiner europäischen Orientierung der französischen Politik wird man diese Betrauung jedenfalls begrüßen. H. A. v. Dewitz