Bei einem Wohltätigkeitskonzert zugunsten des Deutschen Roten Kreuzes hielt Pastor Per Bolinder, der Leiter des Schwedischen Roten Kreuzes in Duisburg, eine Ansprache, die wir nachstehend, geringfügig gekürzt, wiedergeben:

Zu Beginn dieses neuen Jahrhunderts erschien in Schweden ein Buch, das schon in seinem Titel ein Programm war. Die hohen Hoffnungen, der helle Optimismus des damaligen Menschen kommen darin zum Ausdruck. Das Buch hieß: "Das Jahrhundert des Kindes." Die Verfasserin trug einen Namen, der in Deutschland so wohl bekannt war Wie in ihrem Vaterland: Ellen Key. Ihre Bücher erschienen in allen Kultursprachen. Wohl waren sie umstritten, doch verweigerte ihnen kein Kritiker die Anerkennung, daß sie die tiefste Mütterlichkeit, die reinste Menschenliebe vertraten. Selbst eine Einsame, schaute sie wie eine uralte Erdgöttin, eine Weissagerin Und Sibylle in das neue Jahrhundert. Eine neue Menschheit erblickte sie, in Freiheit und Schönheit erzogen. Eine neue Zeit für die Kinder vor allem – Kinder, im Lande Sorgenfrei geboren, von Liebe und Licht umflossen.

Es war damals die Zeit der neuen Kindergarten-Idee, des neuerweckten pädagogischen und psychologischen Verständnisses für die Kindheit als eine einzigartige, in sich selbst tief berechtigte Lebensepoche. Die Psychoanalyse hatte die heimlichen und dunklen Tiefen einer Kinderseele noch nicht an den Tag gebracht. Der ewige Frieden, jedenfalls unter den Kulturvölkern, schien schon eine Tatsache zu sein, und im Geiste der ersten Haager Konferenz konnten sich die Völker ruhig ihren kulturellen Aufgaben, ihrem Aufbau und der Vollendung widmen.

Und nun – was ist daraus geworden? Was hat dies Jahrhundert, was haben wir als Völker und Individuen aus den Menschenkindern gemacht? Ist es nicht ein erschütterndes Ereignis, daß wir in eben diesem "Jahrhundert des Kindes" einen internationalen Zusammenschluß, eine Hilfszentrale unter dem Feldruf "Rettet das Kind!" zustande bringen mußten, weil wir in Gefahr sind, unser Letztes, unsere Kinder, zu verlieren? Aus dem ewigen Frieden wurde der totale Krieg, aus dem menschlichen Zusammenleben in Freiheit und Schönheit der totale Staat, der wie die antike Gottheit seine eigenen Kinder frißt. Aus den spielenden, sorglosen Kindern des Evangeliums wurden Kinder der Not und des Hungers, ohne Schutz und ohne Heimat. Ich stelle ihre kleinen Gestalten vor Sie hin, magere kluge, listige, schon um das Dasein und die Lebenserhaltung kämpfende, mit zeitlos alten Gesichtern, mit ernsten Augen, die uns folgen und fragen und anklagen Und wir; ja, was haben wir; zu antworten? –

Nun, meine Zuhörer, glauben Sie womöglich, daßich zu dieser Feier, in diesem der reinsten Menschen; liebe gewidmeten Kreise, daß ich Ihnen eine Botschaft des Pessimismus und der Verzweiflung mitgebracht habe? Schlecht hätte ich da meine Aufgabe verstanden. Ich möchte Ihnen das ganz Gegensätzliche vermitteln. Lassen Sie mich es ganz leise, ganz. einfach sagen: "Erst im Dunkel, im tiefsten Dunkel, sieht man die Sterne wieder!" Gerade in diesem winterlichen Dezemberdunkel leuchtet uns aus der Ferne ein Stern entgegen: der Stern aus Bethlehem, das Licht über dem Christkind. Muß ich Sie an den Jammer dieser ersten bitteren Weihnacht erinnern? Wahrlich, was für eine Kindheit hatte einmal der Menschensohn! Wie hat er später, einsam, ohne Heim, ohne Weib und Kinder, doch die Kinder geliebt und verstanden! Als die Ersten, als die Einzigen seines Reiches hat er sie gesetzt. Und zwar hat er sie als Kinder, aufgefaßt, und das war das Neue für die antike Umwelt –, er hat den Kindern die Kinderzeit gegeben, ihre neuen-, nie mehr verlorenen Rechte, das Recht der Schutzlosen, aber auch das Recht der Kinder, nicht Miniaturmenschen zu sein, sondern ihre Kindheit als! Kinder zu verbringen.

"Rettet das Kind!" ja, das ist unsere Aufgabe, unsere ernste und erste. Es kommt mir aber bisweilen vor, als könnten wir die gegebene Parole auch umkehren: Die Kinder werden uns retten. Nur in der Liebe zu unseren Kindern sind wir im tiefsten Sinne international, über Rassen und Völker und Klassen hinausgehoben. Das Kind allein kann uns erlösen. Erst in der Nähe "jener himmlischen Gestalten", in ihre glückstrahlenden oder angstvollen Augen hineinschauend, kommen wir zur Besinnung, holen wir uns Inspiration und Kraft zum Leben, finden wir Menschenwürde und Menschenrecht.

Ich sah einmal in einer englischen Zeitung ein Bild vom Trafalgar Square. Ein Schutzmann, ein freundlicher Bobby, hebt seine Hand und läßt den Strom des Verkehrs einen Augenblick stillhalten. Die großen Ardennerpferde lassen ihre schweren Hufe sinken, die Autos und Fahrzeuge bleiben halten. Ein Kind, ein einziges Kind, muß über die Straße. Laßt doch einmal den wilden: Strom von Leidenschaften, von Rachsucht, Sorge und Verzweiflung zur Ruhe kommen. Nur einmal und so lange, bis ein Kind über die Straße, geht. Vielleicht ist es ein Bunkerkind Vielleicht ist es das Christkind. Du kannst es nennen; wie du willst. Ich weiß seinen Weg und sein Ziel. Es sucht dein Herz. Das Kind wird dich vor dir selbst retten.