Ein ungeheures Bärenfell, von Riesen lässig verwühlt, braun, faltig, durchrankt von weißlichen Wegen, hier und da kahlgescheuert, auch mit einem Flicken stechend grüner Wintersaat und mit dem Grind uralten Gletscherschutts und wälderzottig, an den Rändern dunstig von vertanen Hauchen und Schweißen, großartig nach Urwelt duftend, noch ohne Schnee, so lag die Heide unterm Weihnachtsstern. Vergessenes Spielzeug, so fanden sich die Dörfer verstreut, grau und rissig vernutzt. Auf eines strebte ein Wanderer zu. Er hatte sich von der Donau bis so weit gen Norden durchgepinschert, immer bemüht, den Arbeitsämtern zu entgehen und dem Schicksal derer, die noch Muskeln auf den Armen hatten, nämlich vielzu schuften und wenig zu ernten.

Todtenglüß hieß das Dorf. Er hatte diesen wenig einladenden Namen mit zweifelndem. Auge dem Wegweiser abgestreift und mit seiner Erinnerung vereint, in der er es hatte nennen hören, oft genug, und nun leuchtete das Wort düster vor ihm her, mit Glitzerfäden an den unsichtbar wandelnden Stern gehängt. Der Wanderer schnaufte ihm nach, er hoffte auf eine Krippe dort, eine gelegene Festkrippe, und er kam nicht wie ein Hirt oder König, sondern wie ein zermergelter Gaul, der von Anbetung nichts weiß und sich den Bauch vollschlagen will. Und in der Vorstellung schwankte die hochbepackte Futterkrippe inmitten eines neblig saftigen Bauernhofes, der in mancher Frontwacht sich aus dem Munde des Dürren, des gelbhaarigen Heidjersohnes, verlockend auf die Wand des Verhängnisses gemalt hatte, vom Heimweh phantastisch übertrieben, wie sich bald herausstellen sollte.

Er hatte ihn sterben sehen, diesen Fritze Prusch, in den Steppen Nitschewos. Er war sanft gestorben in der Vision, diesen sandigen Heideweg zu wandern, zu wandern trotz seiner zerfetzten Schenkel, den Wegweiser wie eine Fahne schwingend, Todtenglüß, und das Wort hatte verheißungsvoll geklungen aus dem verzückten verzuckenden Munde.

Der nun diesen Weg ging statt seiner, hatte sich bei seinesgleichen die Bezeichnung Ohneknopf verdient, weil er in guten Zeiten auf Reißverschluß eingeschworen gewesen, was nun, obgleich weniger elegant, mit schlechten Bindfäden aufrechterhalten wurde, und es war nicht nur wegen der leidigen Knöpfe, die wie die besten Freunde abzuspringen pflegen, wenn man sie am nötigsten braucht, sondern – insgeheim gesagt – wegen der schämigen Neigung, von etwas anderem abzulenken. Denn dieser mühselige Wanderer hatte noch einen anderen Beinamen, und es wäre an der Zeit, den Blick zu verhüllen, wenn wir nicht abgehärtet wären im Jammer der Erde und standhaft zu bleiben hätten angesichts der Furchtbarkeiten, deren die Menschheit sich schuldig gemacht und deren schreckliche Narben wir überall demütig als gebührende Mahnung hinzunehmen haben und uns ihr nicht entziehen dürfen. Dieser Ohneknopf hieß auch der Nasenlose. Er aber hatte sich daran gewöhnt und schnob munter aus dem einen Loch, das ihm die Medizinmänner zugebilligt, wie andere aus deren zwei.

Es zog ihn an die See.

Die Fischer sind stumm, wenn sie erschrecken, sagte er sich, und die Damen in den willfährigen Abseiten der Häfen sehen auf die Heuer, nicht aufs Gesicht. Dieser Umweg zum Bauernhof aber lag auf dem Weg zur Küste, und es konnte vielleicht gerade hinreichen, eine kleine Bescherung günstig mitzunehmen, ehe man untertauchte in den Schuttgebirgen der Welthafenstadt,

Auch schaukelten etliche Plakate von Ozeanern, dreischlotig gewaltig qualmend, wie er sie von Kindheit auf in Bahnhöfen und Wirtsstuben bestaunt, mit an den Glitzerfäden, die himmelher sich allgemach über die Kontinente hinzauberten, soweit diese der Weihnacht zugetan waren. Und nun, an einem Strang Bauernwald entlang, schien es sich silbrig aus dem süßen Geziepse der Nonnenmeislein zu spinnen, o seine Ohren waren scharf. Er blinzelte zu den Zweigen auf, zu den flinken grauen Mätzen. Was fiel ihm dabei ein? Es ist roh zu berichten. Euch in die Pfanne? schnaufte er und schüttelte den Kopf und entsann sich, daß Fritze Prusch von gedörrten Drosseln einiges gehalten habe. Ein feister Puter wäre mir lieber, dachte da hungrig der Wanderer.