Halit Kechmid, der türkische Finanzminister, hat in einer kühnen Operation und auf eine höchst ungewöhnliche Weise die Abwertung des türkischen Pfundes herbeigeführt. Die türkische Staatsbank hat sich kurzerhand entschlossen, eiren Teil ihrer umfangreichen Goldbestände. der Bevölkerung zum Verkauf freizugeben, und zwar zu einem Preis von 31 türkischen Pfunden je Godpfund, nachdem der endgültige Kurs der Abwertung auf 20 türkische Pfund festgesetzt worden war. Während der ersten Tage nach der Verkündung des freien Goldverkaufs stürmte die Bevölkerung die Bankschalter, so daß täglich zwei Millionen türkische Pfund eingenommen wurden. Nachdem auf diese Weise mehrere Tonnen Gold abgegeben waren, ging die Nachfrage zurück, und heute werden täglich nur noch Goldstücke im Werte bis zu ‚20 000 Pfund verkauft. Natürlich hat dieser freie Verkauf einen schwunghaften Goldhandel mit den Nachbarländern zur Folge gehabt, und zahlreiche "zaraffs" Istambuls profitierten von diesem Geschäft, ändern sie die seltenen Goldstücke, französische Napoleon d’ors etwa, zu wesentlich höheren Kursen weiterverkauften. Es ist cenkbar, daß durch diese "schwarzen" Wechselgeschäfte, bei denen der Seltenheitswert des Goldes weit über seinem Währungswert honoriert wird, ein Strom von Devisen – und damit schließlich auch von Waren – in das Land gezogen wird, dem zweifellos würde der offizielle Wechselkurs von Gold in Devisen weit unter dem auf diese Weile erzielten liegen.

Die Staatskasse ihrerseits hat aus dem Gewinn der Goldverkäufe ihre Schulden gegenüber der Notenbank um 50 v. H. tilgen können. Im Augenblick besitzt das Türkenpfund immer noch eine Golddeckung von 70 v. H., und der Notenumlauf, der sich auf 920 Millionen Pfund berief, ist fühlbar eingeschränkt worden. Das Budget ist gleichzeitig dank einer vernünftigen Neuordnung der Zölle und einer inneren Anleihe von 80 Millionen Türkenpfund ausgeglichen worden.

Während des Krieges hat die Türkei wie fast alle Länder des Vorderen Orients eine starke wirtschaftliche Hausse erlebt. Die Konkurrenz der kriegführenden Länder um den – Erwerb von türkischem Chrom und anderen wichtigen Rohstoffen ließ die Preise von Jahr zu Jahr ansteigen.

Die wirtschaftliche Blütezeit der Türkei fand aber ein jähes Ende, als mit der Einstellung der Kampfhandlungen das Werben um die politische Gunst und die wertvollen Rohstoffe der Türkei aufhörte. Es,stellte sich nun – als ein Vergleich mit dem Preisniveau der anderen Länder wieder notwendig wurde – heraus, daß die überhöhten Preise im Inland den unbedingt notwendigen Export unmöglich machten und im übrigen der hohe Lebensstandard den veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen keineswegs mehr entsprach. Eine Abwertung der türkischen Währung schien daher schon bei Kriegsende unvermeidlich.

Inzwischen hat nun eine seltsame Entwicklung eingesetzt, die ein zusätzlich preissteigerndes Moment geschaffen hat: Während die kriegführenden Staaten allmählich ihre Kriegsmaschinerie abbauen, sieht sich die Türkei, die ihre Neutralität während des ganzen Krieges bewahrt hat, durch die besondere Konstellation in Vorderasien gezwungen, ihre militärische Aufrüstung weiter fortzusetzen. Noch heute, anderthalb Jahre nach Beendigung des Krieges; hat die Türkei eine Million Mann unter Waffen, und die Wehrausgaben ersticken In steigendem Maße die Wirtschaft.

Die Abwertung, die soeben stattgefunden hat, bildet die Voraussetzung für den Versuch, die daniederliegende Wirtschaft auf – dem Weg über den Export neu zu beleben. Rein währunges technisch aber stellt sie ein interessantes Experiment dar, nämlich den Versuch, eine Devalvation mit Hilfe markttechnischen Maßnahmen, deren Durchführung gewissermaßen in das freie Belieben des Publikums gestellt ist, herbeizuführen. Dahingestellt bleibt, was die Konsequenzen im einzelnen sein werden. Zweifellos findet durch die Abgabe der Goldreserven aus der Verfügung des Staates in die Hand des Privatmannes eine Lockerung der autoritären Wirtschaftspolitik statt.