Vor einigen Tagen hat eine Anzahl Kirchenglocken, grün umwunden, den Hamburger Freihafen verlassen und die Reise nach Wien, angetreten, wo sie voraussichtlich noch am Weihnachtsgeläut mitwirken werden. Diese Glocken sind ein winziger geretteter Posten auf der langen Verlustliste dieses Krieges, die wir überhaupt erst bruchstückweise kennen. Die Vorgeschichte der jetzt nach Wien heimreisenden sowie vieler anderer Glocken, die heute noch in Hamburg ihrer Wiedererwecken harren, ist folgende:

Als der Rohstoffmangel der Achsenmächte bedrohlich wurde, und Kupfer und Zinn nur noch durch Zerschlagung vorhandener Kulturgüter zu gewinnen war, bemächtigte man sich der Glocken Europas. Rücksichtslos wurde eingesammelt. Jede Kirche behielt lediglich eine Dienstglocke von 90 cm Durchmesser. Gerade vermochten die Kunstverständigen noch alles Geläut zu retten, das vordem Jahre 1700 gegossen worden war.

Die Beute rollte nach Hamburg – insgesamt – 108 499 verstummte Münder aus Erz mit einem Gewicht von 27,6 Millionen kg. In Hamburg befanden sich die beiden Werke, die allein imstande waren, die bimetallische Mischung auf elektrolytischem Wege zu scheiden.. Der überwiegend größere Teil, insgesamt 91 525 Glocken, ging den Weg der Vernichtung. Die Rüstungsindustrie gewann damit Rohstoffe im Werte von 170 Millionen Mark. 47 t zerbrochenes Glockenmaterial lagerte noch, bei Kriegsende an den Hamburger Kais, daneben 16 974 unzerstörte Glocken. Von ihnen sind 12 282 deutscher, 1401 polnischer und 737 belgischer Herkunft. Die geschädigten Länder, darunter auch Holland. Österreich, Ungarn, Rußland. Frankreich und Italien haben Forderungen auf Ersatz angemeldet. Vielleicht ließen sie sich rechnerisch befriedigen, vielleicht sind auch die deutschen Glocken schon wieder gezählt. Wer weiß, wieviele über den zertrümmerten Städten und dem scheinbar friedlichen Leben der Dörfer heute Stunden verkünden und Gläubige mahnen! Die Schutzbestimmungen der Haager Konvention verbieten jedoch, daß Glocken als Reparationen abgeführt werden. So bleibt es also vorläufig bei einer verlängerten deutschen Schuldigste;

Unsere, eigenen Opfer betragen 51 000 Glocken. Die wenigen geretteten harren auf einem Hamburger Hafenkai des Tages, an dem sie heimkehren Und auferstehen dürfen. Wobei nicht sicher ist, daß die heimkehrende Glocke auch ihren Turm noch vorfindet. Manche von ihnen wird schweigend auf der Trümmerstätte verharren müssen, bis die Mauern wieder aufgerichtet sind, von deren Höhe sie ihre Stimme ertönen lassen kann. W.