Von Karl Krolow

Entdeckt nicht unaufhörlich sich selbst, wer sich über ein Buch beugt? Noch in seinen überraschendsten Erscheinungen findet das Hiesige zu hm. Das Antlitz der Erde zeigt sich ihm im Gesicht. In ein paar Seiten Prosa begreift er mitunter den Himmel. Sein Leben lag im Buch ausgebreitet, Landschaften taten sich auf, die er durchstreift latte. Und er beging sie noch einmal, fand sich zurecht und war wie geheim verständigt mit schwarten, umgestürzten Äckern, Birnengärten und dem Fall der Hagebutten, mit Alleen und lautlosen Gräben, in denen er einst Stichlinge mit den Händen gefangen hatte:

Er mußte auf der Haut wieder das Salzige fühlen, das der Wind mit dem Geruch von Schlamm und faulendem Tang vom Meer zutrug, der Wind, der das Blut unruhig machte und durstig nach Abenteuer und gefährlicher Ferne, nach tropischem Wildand, fremden, betäubend blühenden Pflanzen und vogelhaften Menschen.

Ihn dünkte das Bratschenspiel vertraut, das sich zutrug. Und wie es ihm g Mildert ward, war er es, der begleiten durfte, der sie im Traum in den Flügel lauschte und ihm himmlische Musiken entlockte, tönende Springbrunnen, die stiegen und sich lange hielten, oben, wo sie sich mit Äther mischten und sich im Licht in zauberischen Farben brachen. Er hörte noch die Stille nach dem letzten Ton, der leicht im Raum stand und darin sich das Konzert zusammenfaßte, für einen Augenblick. Und es überkam ihn noch nachträglich wie Wonne, wie er gezeugt dasaß und wußte, wie jenes Musizieren sich tief im Irdischen verloren hatte, das mit zögernder Dämmerung aus den Malvenbeeten hereinbrach.

Was begegnete ihm nicht alles! Welche phantastische Welt der Gestalten zog an ihm vorüber! Sonderlinge, verschrobene Käuze, selige Streuner und Umherzieher, Schwärmer, Schalksnarren und Weltverbesserer, Armselige und Protzen. Verwahrlosung zeigte sich ihm und schlimmes Schicksal, Kindersinn und ewig unbekümmerte Einfalt, die trällerte und sich Buttervögel fing, die in die Hände klatschte und die das Schreckliche nicht traf, das überall lauerte. Er begegnete dem Ackerer, wie er schuftete und mit ungefügen, rissigen Händen Leben gab und nahm, wobei der Schweiß ihm in den bitteren Staub rann. Er grüßte den Gärtner im Glashaus – von Nelken und Päonien umblüht und zärtlichem Gewürz umduftet –, den spähenden Fischer mit Makrelen und schlagendem Butt im Netz, den windigen Fallensteller, den Gauner und Quacksalber. Wissende und Schwätzer stellten sich ein, Robinson und Till, Hanswurst und Pierrot, Blaubart und Doktor Faust.

Frauen von kühler Demut und blumenhafte Geliebte, zwitschernd in hellen Lauten, traten wie aus Bildern auf ihn zu. Ach, und ihn rührten Wimpern, die wie niederhängende Schatten waren, rührte ein ganz junges Antlitz, so still wie das Wasser eines Brunnens an einem Sommertag, wespenblondes, gelöstes Haar, ein Nacken von der Farbe einer Haselnuß. – Geschahen nicht alle unsäglichen Augenblicke seines Daseins aufs neue für ihn, gab sich nicht Erinnerung als erregende Gegenwart aus? Die bloße Schulter der Badenden, auf der die Nässe wie zarter Lack stand, bog sich ihm wieder zu. Ein Mund schwebte wie dunkle Kirsche. Zähne blitzten perlenhaft. Ein runder Arm schlang sich jählings um seinen Hals.

Aber den Benommenen riefen schon andere Stimmen, mannhafte und streitbare. Der Tapfere erfocht sich Tod und tausendfältiges Leben. Vorwärts stürzte er aus der Endlichkeit durch Qualm und Beize, prasselnde Mauern und sausendes Blei, das ihn vergeblich einzuholen suchte. Großes Beispiel stand vor ihm, und ein Herz gab sich ihm, das über alle Klugheit hinaus war, das die Gefahr weise gemacht hatte und die einsame Lust, zu überstehen und sich in stets neues Wagnis zu retten. Immer schützte es unsichtbar der Schild des Achilleus.