Von Jan Molitor

Immer ist der Fahrdamm feucht. Und immer, wenn einer am Wege steht und winkt, kommt der Wagen beim Bremsen ins Rutschen. Wo die Straße gepflastert ist. haften die Räder besser als auf Asphalt. Das wechselt immer in Ostfriesland, als ob sie sich nicht hätten klar werden können, wie sie die Straße eigentlich befestigen sollten: Pflaster, Asphalt, Pflaster, und der Nebel-ist so dicht, daß die Autos, um sich gegenseitig zu warnen, mitten im Tag ihre Scheinwerfer angemacht haben, kleine gelbe oder weißliche Lichter; und der Nebel ist so feucht, daß der Scheibenwischer schnurrt, obwohl es gar nicht regnet Dies ist also Ostfriesland, und manchmal tritt ein Wall aus dem Dunst hervor: der Deich. Manchmal dehnen sich rechts und links nur Wiesen. Dann sind wir tiefer ins Land gefahren. Und abends braucht man ein Hotel; das ist das Schlimmste.

In Bunde, drunten an der holländischen Grenze, ist kein Platz. Die Wirte machen die Tür nur eine Handbreit auf; es riecht von drinnen nach guten Zigarren, man spürt, daß ein Gelächter verstummt ist, als man hier anklopfte. "Nein, Platz haben wir ganz und gar nicht." Was macht das schon! Es liegen noch Gasthöfe genug auf dem Wege-nach Emden. Und es ist erst Spätnachmittag. In Weener, dem einsamen Städtchen, das zwischen fetten Weiden nichtsdestoweniger so zeitnah lebt, daß es sogar eine Montgomery-Straße besitzt, kann man von einem Hotel ins andere fahren: sie sind besetzt und nehmen keinen Gast mehr auf. "Heutzutage sind viele Leute unterwegs", sagt die Wirtin hinter einer leeren Theke. "Was haben Sie da in Ihrem kleinen Koffer?"

"Ein sauberes und ein schmutziges Hemd, Rasierzeug, Kamm und Handtuch. Warum?"

"Nur so... Nein, hier ist alles" besetzt. Es sind so viele unterwegs. Vielleicht versuchen Sie es nebenan."

"Ja, danke." Schließlich fahre ich heraus aus Weener.

Es sind so viele unterwegs. Sie haben Rucksäcke und Mappen, es sind Frauen und Männer, alte und junge Paare. Wie Gespenster tauchen sie im Nebel auf und verschwinden. Städtisch gekleidete Gespenster. Was ist denn los, daß so viele auf der Straße sind?