Von Hans Galperin

Die Einwohner von Bremen sind für die Beherrschtheit ihrer Lebensäußerungen bekannt. Trotzdem, wurde bei der Erstaufführung von Anouilhs "Eurydike" in Bremen mehrmals gepfiffen. Ich finde, dieses Pfeifen setzt hinter den Namen des französischen Dichters ein deutlicheres Ausrufungszeichen als der lebhafte Beifall, den es dann auch in Bremen gab. Es zeigt, daß hier einer mit seinen Worten in die Mitte eines Problems getroffen hat und dabei zugleich den Menschen mitten ins Herz. So geht es denn bei jedem Gespräch um Anouilh von vornherein nicht um papierene Begriffe, sondern um die letzten Fragen, des Daseins der lebenden Menschheit.

Jean Anouilh wirkt neben Pablo Picasso, Igor Strawinsky und Thomas Wolfe als die stärkste künstlerische Erschütterung unserer Gegenwart. An seiner Antigone und Eurydike scheiden sich die Geister. Ist das nur die Sensation, uralte menschliche Mythen mit neuzeitlichen Requisiten, wie Fräcken, Bahnhofswartesälen und Hotelkellnern, zu sehen? Wir dürfen es verneinen. Die Grunde liegen tiefer. Anouilh rührt an die letzte Grundfrage des Menschlichen: Was ist der Mensch? Er stellt sie in einer uns Heutigen geläufigeren Fassung: Was ist des Menschen Existenz? Und es ist keine frohe Antwort, die der Dichter zu geben weiß. Das Leben besteht für ihn aus kalter Bosheit, aus Untreue, Gier, Ausbeutung und Unfähigkeit. Der "Reisende ohne Gepäck" quält Tiere, mißhandelt einen Freund, verführt mit achtzehn Jahren ein fünfzehnjähriges Dienstmädchen und tritt in unerlaubte Beziehungen zu einer nahen Verwandten. Das ist die Jugend. Am Ende des Daseins aber sind die Menschen lächerliche, armselige Trottel wie Orpheus Vater, oder sie wühlen in sentimentalen und verlogenen Erinnerungen wie die Mutter der Eurydike. Ein solches Leben kann man nur verabscheuen und verleugnen – wie der Reisende ohne Gepäck oder fortwerfen wie Antigone, Eurydike und Orpheus. Für Anouilh ist jeder Versuch dem Leben einen Vorteil abzulisten, nicht nur sinnlos, sondern geradezu verbrecherisch. Kompromisse, wie sie Kreon will, ändern das ein für allemal Gegebene nicht. Sie verhindern lediglich die Erfüllung der einzigen Möglichkeit, die der Mensch hat: nein zu sagen, nein zu diesem verlogenen, ekelhaften Leben der Illusionen, Täuschungen und Enttäuschungen. Antigone haßt das Leben. Sie jubelt auf, als sie – endlich – zum Tode geführt wird. Kreon aber, der ja sagten möchte, bleibt nur der schleimige, kreatürliche, blinde und unmenschliche Prozeß der Welt. Bestenfalls wird er ein König der Tiere, sein. Die Fackelträger des Menschlichen gehen bei Anouilh alle den andern Weg. Sie werfen sich dem Tod in die brüderlich geöffneten Arme wie Orpheus. Erfüllung (Erfüllung?) ist nur im Tode, im Nichts.

Die Urteile über Anouilh gehen sehr weit auseinander. Die einen begrüßen in seinen Stücken begeistert die Begegnung mit der Problematik unserer Zeit. Die andern nennen ihn unklar und langweilig und bezeichnen Antigone als eine Herabwürdigung der gewaltigen Ödipustochter zu einer albernen Hysterikerin. Einmal wird das Dramatische als Kennzeichen der Leistung Anouilhs hervorgehoben! das andere Mal wird ihm der Titel eines Dramatikers schlechthin abgesprochen. Für manche Nuancen der Kritik mag nun zwar die Auffassung der verschiedenen Inszenierungen verantwortlich sein. Im ganzen bleibt der Widerspruch, vor allem auch in der Frage, ob Anouilhs Schauspiele Tragödien sind oder nicht. Die Handlung der "Eurydike" halte ich nicht für tragisch, wohl aber ist es das Geschehen um "Antigone", wenn man seine Tragik nicht auf das Schicksal bezieht wie bei Sophokles, sondern auf die menschliche Person. Der Zwiespalt zwischen der – Lebensbejahung und Relativität Kreons und der absoluten Existenz Antigones enthält als urwesenhaft unlösbaren Widerspruch zweier – für sich – berechtigter Standpunkte ein tragisches Element. So scheint es wenigstens. Doch die Tragik ist unecht. Antigones Tod ist als Eingang ins Nichts kein Übel für sie, sondern gerade die Vollendung ihrer. Existenz. Sie jubelt. Und Nihilismus und Tragik schließen sich aus.

Ist Anouilh also ein Nihilist? Der Protest des mit Anouilh geistig eng verbundenen Philosophen J. P. Sartre gegen diese Bezeichnung ist bekanntgeworden. Ich vermute aber, daß sich diese Zurückweisung gegen den Nihilismus der Vernunft richtet, der im vorigen Jahrhundert im Kampf gegen die damalige metaphysische Falschmünzerei entstanden war. Es gibt daneben noch einen andern Nihilismus, der selbst ans dem Metaphysischen kommt. Wir wollen ihn einstweilen existentielle Hoffnungslosigkeit nennen.

Uralt ist das "vanitas vanitatum". Von Schopenhauer führt dann eine pessimistische Kette über Leopardi und Jakob Burckhardt zu den Dichtern der Jahrhundertwende und schließlich zum "Geist am Ende seiner Möglichkeiten" von H. G. Wells. Die Hoffnungslosigkeit aller dieser Männer ist letzten Endes eine Folge des verlorenen Gefühls der Einheit der Welt oder – mit einem abgewandelten Paradoxon Shaws – die Tragödie der Atheisten, die ihren Glauben verloren haben. Sie erscheint in dem Augenblick in der Welt, in dem eine tausendjährige Illusion in den Köpfen und Herzen der Menschen zusammenbricht, eine Illusion, deren letzte Ausläufer uns im dunklen Maskenspiel des Barocks und im edlen Irrtum des deutschen Idealismus begegnen. Goya, Schopenhauer und Kierkegaard waren die ersten, die das ästhetisierende Spiegelbild der Welt zerschlugen, den Schleier der Kompromisse vor der Wahrheit zerrissen und dem zwiespältigen, unverbindlichen Dasein ihrer Zeit die Forderung nach einer Entscheidung für die kompromißlose Existenz gegenüberstellten. Die Lehre dieser "Existenzphilosophen" mußte naturnotwendig jeden oberflächlichen Optimismus ablehnen. Sie war pessimistisch, aber, wie Kierkegaards Beispiel zeigt, nicht notwendig hoffnungslos. Kierkegaard glaubte als Christ an die Möglichkeit eines Sprunges vor das Angesicht Gottes. Ob Goya daran geglaubt hat, ist zweifelhaft. Unter einer seiner Zeichnungen von der Grenze des Wirklichen und Überwirklichen steht: "Da ist keine Hoffnung mehr." Ohne religiöse Glaubensgewißheit konnte auch keine Hoffnung mehr für die Menschheit sein. Für sie, die sich in völliger Einsamkeit am Rande eines schrecklichen Abgrunds sah, blieb nur ein Weg, der Sprung in das Nichts. "Ich töte mich, um meine NichtUnterwürfigkeit zu beweisen", ließ schon Dostojewskij einen seiner Menschen in den "Dämonen" sagen. Der literarischen Generation um 1900 war! der Selbstmord auch nicht fremd, und selbst Hermann Hesse schrieb in der Novelle "Klein und Wagner": schrieb man einmal auf alle Stützen und jeden festen Boden unter sich verzichtet, hörte man ganz und gar nur noch auf den Führer im eigenen Herzen, dann war alles gewonnen, dann war alles gut, keine Angst mehr, keine Gefahr mehr." Der Held Hesses läßt sich dann vom Rand des Bootes ins Wasser gleiten, "in den Arm Gottes". Einer ähnlichen Todeslust begegnen wir auch bei den Angelsachsen, beim frühen Hemingway, bei E. E. Cummings, und der Lyriker Herbert Read schrieb: "To fight without hope is to fight with schrieb: Anouilh und Sartre sind also keineswegs die ersten, die so denken. Jede metaphysische Lehre ist das Spiegelbild des Lebensgefühls ihrer Zeit.

Gibt es nun wirklich keine Hoffnung mehr für die Menschheit? Die Antwort hat keineswegs nur theoretische Bedeutung. In einer bodenlos und sinnlos gewordenen Welt lösen sich auch alsbald die sittlichen Bildungen. Dies geschieht sowohl, wenn als Folge der geistigen Waffenstreckung das Übergewicht der triebhaften Kräfte willig anerkannt wird (Ortega y Gasset), als auch dann, wenn eine "krankhafte und satanische Liebe zum Tod" das Verständnis für Reiz und Größe des Lebens auslöscht und die Humanität vernichtet. Dies hat uns Deutschen nach dem ersten Weltkrieg Clemenceau vorgeworfen, und nach dem zweiten tat es sein Landsmann Camus. Die Konzentrationslager beweisen leider, daß etwas Wahres daran ist. Das Verbrechen ist eben nicht nur ein Ausdruck sozialer Entmutigung, sondern auch der metaphysischen Resignation. Hier liegt das Bedenkliche in Anouilhs talentiertem Werk.