Das wichtigste Problem aber, dessen Lösung über Leben und Tod vieler Millionen seiner Bewohner entscheiden wird, ist für Deutschland durch die polnische und russische Verwaltung seiner agrarischen Überschußgebiete jenseits der Oder-Neiße-Linie und die Vertreibung der dortigen Bewohner geschaffen worden. Stalin hat diese Grenze für endgültig erklärt, Byrnes hat in seiner denkwürdigen Stuttgarter Rede ihre Rückverlegung gefordert. Bevin hat keine deutliche Erklärung abgegeben, doch verfolgt man in Deutschland mit Besorgnis eine neuerdings erkennbar werdende Hinneigung der englischen Außenpolitik zu einer Annäherung an Rußland, die offenbar unter dem Druck des linken Flügels der Labour Party erfolgt. Frankreich hat sich zu dieser Frage bisher nicht geäußert.

Erhält Deutschland seine Ostgebiete nicht zurück, dann könnte es gezwungen sein, sich in Zukunft wirtschaftlich auf Rußland einzustellen, denn nur Rußland wäre auf die Dauer fähig, Deutschland die notwendigen Ergänzungen zu bieten. In Deutschland mehren sich die Stimmen, die diese Entwicklung für unvermeidlich halten, falls die Ostgebiete nicht zurückgegeben werden. Damit würde, so wird gefolgert, Deutschland gegen den Willen, der überwiegenden Mehrheit seiner Bewohner auch seinen politischen und geistigen Zusammenhang mit Europa und den westlichen Demokratien verlieren.

Über alle diese Fragen werden die Friedensverhandlungen, die am 16. März in Moskau beginnen sollen, entscheiden. Wieweit hierbei deutsche Sachverständige gehört werden sollen, steht, nicht fest, auch ist noch nicht zu ersehen, ob und in welcher Form eine deutsche Regierung gebildet werden wird, die den Friedensvertrag entgegennehmen oder sogar unterzeichnen soll. Seine Gestaltung wird in erheblichem Maße davon abhängen, wieweit sich die großen Mächte vor seiner Formulierung über andere weltpolitische Probleme, in denen sie in Streit stehen, geeinigt haben. Die Möglichkeit, daß diese Einigung sonst auf Kosten Deutschlands erfolgen wird, ist eine Sorge, die viele Deutsche beschäftigt.

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Über allem Streit der Nationen, der aus den divergierenden Interessen und Ideologien der Staaten hervorgeht, steht als Wächter des Friedens die weltumfassende Institution der UNO. Während noch immer Bürgerkriege und Aufstände täglich zahllose Opfer fordern und die Welt widerhallt von den Gesprächen über Atombomben, Geheimwaffen und den drohenden Gefahren eines dritten Weltkrieges, wächst die Weltorganisation, die den Frieden bewahren soll, zu einem immer fester gefügten Bau zusammen. –

Daß der Gedanke einer friedlichen Zusammenarbeit der Nationen, die Überzeugung, daß jedes Volk ein Recht haben muß, innerhalb vernünftiger Grenzen wohlbehalten zu leben, daß der Geist der UNO also auch die kommenden Verhandlungen über Deutschland beeinflussen möge, ist die Hoffnung, die uns Deutsche in das Jahr 1947 begleiten kann.