Von Harald Hoelscher

Über Europa zog der Tag herauf, über Amerika senkte sich die Nacht, als der Präsident der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Harry Truman, über alle Radiostationen des Landes, also für die ganze Welt, diesen Satz sprach: "Die dem Universum zugrunde liegenden Kräfte wurden gebändigt, jene Kräfte, aus der die Sonne ihre Macht schöpft."

Er sprach diese Worte am 6. August 1945, als die erste Atombombe über Japan gefallen war.

Viele amerikanische Blätter führen seit dieser Stunde eine ständige Spalte, die die Überschrift "Das Atomzeitalter" hat und in der sie ihren Lesern unablässig auseinanderzusetzen versuchen, daß die Erfindung der Verwendbarkeit dieser Energie für menschliche Zwecke gleichbedeutend mit jenem unerhörten Augenblick in der Geschichte der Menschheit ist, in der es diesen Lebewesen gelang, das Feuer für ihre Zwecke zu entfachen und zu bändigen. Oft aber stellen die Überschriften auf den ersten Seiten der Zeitungen den Inhalt dieser Spalten in den Schatten, denn in dem Atomzeitalter ist noch – mehr geschehen. Es ist gelungen, den Raketenantrieb so zu formen, daß der Mensch sich in den leeren Weltenraum hinausbegeben kann, sofern es ihn gelüstet, das zu tun. Auf jeden Fall aber werden Versuche unternommen, einen auf der Erde hergestellten Körper so in den Weltenraum hinauszutreiben, daß er als ein künstlicher, von Menschenhand auf seinen Platz gesetzter Miniaturmond seinen Lauf gleich den Sternen am Himmel nimmt. Es wird also Monde geben, die nicht von jenem, der das Weltall schuf, an ihre Stelle gesetzt und auf ewig in Gang gehalten werden, sondern von Menschen.

Eine neue Kraft ist mit der Atomenergie erfunden worden. Eine andere Kraft wurde so gebändigt, daß der menschliche Arm bis ins Weltall reicht. Aber was bedeutet das alles für den Menschen, der naturgemäß das menschliche Leben als die Basis all seiner Überlegungen wählt, wenn er die Kunde vernimmt, daß zur Ausrottung der Menschheit ein Mittel erfunden wurde, gegen das die Wirkung der Atombombe und die Wirkung von Geschossen mit Raketenantrieb verblassen.

Es ist nämlich gelungen, Klein-Lebewesen zu züchten, die befähigt sind, tierisches und pflanzliches Leben weiter Gebiete binnen wenigen Tagen zu zerstören. Kubikzentimeter von Kulturen dieser entsetzlichen Wesen – es sind wahrscheinlich Viren – über eine Landschaft versprüht, werden Zehntausende von Quadratkilometer in eine Wüste verwandelnd in der es weder Menschen noch Tiere noch Pflanzen mehr gibt.

Die Atomenergie wird, entgegen der Vorstellung der großen Öffentlichkeit, für die Menschheit mehr bedeuten als nur ein Vernichtungsmittel. Viel mehr. Die Verwendung von Weltraum-Raketen wird der Forschung Dienste leisten, die heute noch unvorstellbar sind. Die Züchtung von Kleinwesen zur Vernichtung von Leben aber hat überhaupt nur einen Sinn für den Krieg.