Wie Großbritannien die Nachkriegsprobleme überwinden will

Die englischen Hausfrauen und die englischen Minister spüren am deutlichsten, daß ihr Land zwar zu den Siegern, aber nicht zu den Gewinnern des Krieges gehört. Knappheit und Einschränkung beherrschen das tägliche Leben auch heute noch. Natürlich sind einzelne Waren in den vergangenen Monaten reichlicher geworden, Bügeleisen, Staubsauger und weitere elektrische Artikel zum Beispiel, Möbel, Bücher und manche andere Dinge. Aber die wichtigsten Lebensmittel sind noch immer rationiert, und Brot ist knapper als je zuvor. Um die Zuteilung von Eipulver entbrannte ein heftiger Kampf zwischen dem Ernährungsminister und den Hausfrauen. Strom und Hausbrand sind knapp, Textilien und Schuhe nach wie vor rar. Auch Wohnungen fehlen in großem Umfang.

Zahlungsbilanz und Export Der verminderte Reichtum und die größeren Aufgaben des Landes zwingen zu den rigorosen Beschränkungen des Verbrauches. – Statt Gläubiger der Welt ist England heute Schuldner, vor allem Nordamerikas und der Dominien. Laufende Verpflichtungen sind an Stelle der Erträgnisse getreten, die es dem Land erlaubten, ständig mehr zu verbrauchen, als es selbst erzeugte. – Die Handelsflotte, früher ein großer Devisenbringer, ist empfindlich zusammengeschmolzen und wird fast ausschließlich für die eigenen Bedürfnisse beansprucht. Diese Verluste zerstörten das Gleichgewicht zwischen Deviseneinnahmen und -ausgaben, Da jedoch große Lebensmittel- und Rohstoffeinfuhren für das dichtbesiedelte und rohstoffarme Land unentbehrlich sind, muß das verlorene Gleichgewicht der Zahlungsbilanz durch eine starke Steigerung der Ausfuhr wiederhergestellt werden. Darum hat der Export heilte den Vorrang vor dem inneren Markt. Die Anforderungen an die Exportindustrie sind um so größer, als der früher bedeutende Kohlenexport fast vollkommen aufgehört hat. Die Förderung hat den Vorkriegsstand noch nicht wieder erreicht, und der Eigenverbrauch ist sehr gestiegen, was wiederum nicht zuletzt auf die hohe Anforderungen der Ausfuhrindustrie zurückzuführen ist.

Investition, Rüstung, Politik

Aber nicht nur der Export zieht produktive Kräfte von der Konsumerzeugung ab. Industrie und Verkehrswesen müssen aufgeschobene Reparaturen nachholen, verschlissene Maschinen ersetzen, zerstörte Anlagen wiederherstellen. Die große und für den Export so wichtige Textilindustrie ist weitgehend technisch veraltet; die Handelsmarine muß durch umfangreiche Neubauten wieder vergrößert werden; das strapazierte Eisenbahnsystem erfordert große Aufwendungen für Reparatur, Ersatz und Modernisierung; der Kohlenbergbau soll stärker mechanisiert, seine Arbeitsbedingungen verbessert und die Förderung gesteigert werden. Auch viele andere Wirtschaftszweige wollen und müssen erweitern und modernisieren, um die großen Ansprüche zu befriedigen, die an Menge, Qualität und Preis ihrer, Erzeugung gestellt werden. Vor allem auf dem Weltmarkt werden nur gute, moderne und billige Waren dauernden Erfolg haben. – Auch die Landwirtschaft, die man nicht wieder schutzlos der internationalen Konkurrenz aussetzen und auf den Vorkriegsstand zurückfallen lassen wird, braucht noch große Investitionen. Der Hauptbedarf an Maschinen wurde zwar bereits während des Krieges gedeckt, als die Lebensmittelerzeugung plötzlich so stark wie möglich gesteigert werden mußte. Trotzdem ist ein erheblicher Investitionsbedarf geblieben.

Weitere große Ansprüche stellt das Verteidigungsministerium. Fast noch eine Million Mann stehen unter Waffen und die Rüstungsfertigung beansprucht weitere Arbeitskräfte, dazu. Maschinen und Material, zumal die allgemeine Dienstpflicht auch für Friedenszeiten eingeführt werden soll.

Zwischen Konsum, Export, Investition, Rüstung und Politik müssen die vorhandenen Kräfte geteilt werden. Jeder dieser fünf Bereiche stellt heute größere Forderungen als vor dem Kriege während Arbeitskräfte, und Maschinen, die letzten Endes die Wirtschaftskraft des Landes repräsentieren, abgenommen haben.