Von Jan Molitor

Wenn man weiß, daß in einem Dorf bei Segeberg in Holstein eine Kegelbahn – sage und schreibe: eine Kegelbahn – den Flüchtlingen als Wohnraum angewiesen wurde, dann hat man Anlaß, die Feldwebelstuben auf Borkum zu loben. In Schleswig-Holstein, wo es mehr Heimatlose als Eingesessene gibt, sind die Flüchtlinge am übelsten dran auf Borkum wahrscheinlich am besten. Dort sind die Flüchtlinge nämlich in einer alten Kaserne untergekommen, die sogar Dampfheizung hat. Die Kegelbahn in Ulzburg bei Segeberg freilich wurde inzwischen geräumt. Die sechs Familien, die dort hausten, sind aus dem Regen in die Traufe, aus der Kegelbahn in einen Stall gekommen. Bedenkt man aber, daß es in diesem Dorf 890 Einheimische und 2300 Vertriebene gibt, so begreift man, daß es keinen Sinn hat, sich wegen des Stalles zu empören. Die Kegelbahn hatte 25 Fenster, und an allen war das Glas zerschlagen; wie der Wind auch wehte (und irgendein Wind bläst immer in dieser Landschaft), er blies hinein. Der Stall aber, wenn auch dunkel und trübe, hat immerhin festere Wände, und es war noch ein Glück, daß die Leute hierher umsiedeln durften, gerade, ehe die frühe und große Dezemberkälte des ungesegneten Jahres 1946 kam. Sonst wären sie bei dem eisigen Wind, der in diesen Tagen aufkam, gewiß schon erfroren.

Sie genießen gewisse Privilegien, die Leute in diesem Stall! Hat man nicht gehört, daß im Herbst noch an die 500 000 Betten für die Flüchtlinge in Schleswig-Holstein fehlten? Die Stallbewohner von Ulzburg wenigstens haben schon Betten bekommen. Nun wäre wohl mancher versucht, dieses Beispiel ironisch zu apostrophieren, wie doch alles so schnell und gründlich vorwärtsgetrieben werde im Bereich der Flüchtlingsfragen. Doch solche Ironie wäre nicht angebracht. Wer noch ein Bett hat in diesem Deutschland, dem Vaterland der Obdachlosen, der sollte wissen: ein Bett zu haben, das ist schon viel! Ja, wer die Flüchtlinge hört, gewinnt sogar den Eindruck, daß ein Bett das A und O des Lebens sei; allerdings – das Alpha und Omega, Ausgang und Ende.

Sie liegen im Bett, die Ärmsten der Armen; sie haben die Mäntel an und die Mützen auf dem Kopf und liegen unter den Decken, bei Nacht und auch am Tage. Sie liegen, frieren und warten, daß die große Kälte vorübergehen möge – die Kälte des Winters und jene Kälte, die am Schlüsse der Dreigroschenoper choralhaft besungen wird. Und danach werden sie auf etwas anderes warten.

Auf Borkum, wo es doch so viel besser ist, hat ein Flüchtling, einer, der eine gewisse Neigung zum Pathos aufwies, gesagt: "Die Flüchtlinge sind diejenigen Kinder Deutschlands, die dem Herzen der Großen Mutter am nächsten liegen. Stirbt Deutschland, so sterben sie. Krankt Deutschland, so sind sie krank. Man redet immer viel vom Aufbau, wenn’s bergab geht. Das ist auch heute so. Aber ich sage Ihnen: Wenn Sie bei einem Flüchtling das erste freie Lächeln sehen, ein Lächeln ohne Bitterkeit und Ironie, dann erst können Sie glauben, daß es mit Deutschland wirklich wieder aufwärts geht." Der Flüchtling aber, der im Stall von Ulzburg lag, hatte für die Feierlichkeit von Worten kein Empfinden; im Gegenteil, er brauchte arge, traurig dürftige Worte, indem er sagte: "Als sie in Elbing meine Frau schnappten, packten sie auch eine von meinen Töchtern und schleppten sie mit." Mit den zwölf andern Kindern – "wir hatten dreizehn" – hat der Mann sich westwärts geschlagen. "Neun sind schon kaputt", sagte er. "Drei hab ich noch." – Drei von dreizehn! Die andern sind – wie sagte der Mann? – "schon kaputt", als erwarte er, daß auch die andern Kinder... Fürwahr, dieser Flüchtling lächelte nicht, obwohl er ein Bett besaß, in dem er bequem in Hut und Mantel liegen konnte.

Der Mann auf Borkum, der mit seiner vierköpfigen Familie in zwei ehemaligen Feldwebelstuben der Kaserne wohnt, hatte eines dieser holsteinischen Lager "mitgemacht". Er sagte: "Ich habe das mitgemacht. Es war schlimmer als der Krieg." Und er sagte, daß er den Krieg an der Ostfront erlebt habe und, obwohl Feldwebel, nicht in solchen bequemen Feldwebelzimmern der Heimat. Damals habe er von einem Tag auf den andern noch ein wenig Hoffnung gehabt. "Die Hoffnung der Dummen", wie er spöttisch meinte. Er fügte jedoch hinzu: "Hier auf Borkum können Sie sogar Leute sehen, die beinah zufrieden wären, wenn eben das irrsinnige Heimweh nicht wäre. Gleich auf demselben Flur..."

Diese "fast zufriedene" Familie auf Flur bestand aus Vater, Mutter, eine ~~~~ einem Neffen. In jedem ihrer beiden Zimmer waren ein Feldwebelschrank und zwei Feldwebelbetten, dazwischen ein Tisch, darauf ein frisches, buntes Kopftuch, das zur Tischdecke avanciert war. Die Fenster waren unwahrscheinlich blank geputzt. "Nachts fällt ein Widerschein vom Leuchtturm herein", sagte die Frau, "und dann liege ich mit offenen Augen. Das Licht kreist und kreist, und ich denke an zu Hause, an Schlesien, wo jetzt die Polen sind. Wir glauben, daß wir eines Tages dorthin zurückkehren dürfen; wir haben uns ausgemacht, das zu glauben. Solange möchten wir hier bleiben; denn wir haben es hier nicht schlecht. Der Vater schneidet morgens das Brot, das Mittagessen hole ich aus der Lagerküche. Wir essen nämlich nicht im großen Eßsaal. wo so viel Lärm ist, wir essen hier in unserem Zimmer. Ja, wir sind reich gegen die andern. Wir haben einen Topf, vier Teller, viermal Tischbesteck. Vor und nach dem Essen beten wir, obwohl die beiden Jungen partout nichts mehr vom Beten wissen wollten, aber sie haben sich wieder daran gewähnt. Abends und nachts – nun, das erzählte ich schon: der Schein vom Leuchtturm. Das ist doch schön, nicht wahr?"