Von Herber! Fritsche

Nicht ungern blickt der moderne Mensch auf den Helden der Forschung, auf den Gelehrten, der sein Leben zum Opfer bringt, sei es im wagnisvollen Selbstversuch, sei es im Ringen mit noch unerschlossenen Wirklichkeiten. Und gerade weil diese Opfertaten zumeist in der Stille geschehen, weil sie nicht von Dramatik umfiebert, sondern von Sachlichkeit zugedeckt zu werden pflegen, ist ihnen ein besonderer Respekt gewiß. Forschertragödien ganz anderer Art hingegen sind unbeliebt beim Publikum: Da erschießt sich der Göttinger Astronom Klinkerfues, ein international anerkannter Matador nüchternster Rechenkunst, vor dem auf seinen Lieblingsstern Capella gerichteten Fernrohr; da wird, dem Schweizer Paläontologen Greßly seine jahrelange Arbeit an der Rekonstruktion erdmittelalterlicher Riesen-Echsen zum Verhängnis und sie verwandeln sich ihm zu Drachen des Abgrunds, die ihn ins Irrenhaus jagen; da geht – wie uns Jakob von Üxküll berichtet – Anton Dohrn, der Gründer der Zoologischen Station Neapel, in völliger Hoffnungslosigkeit einem depressiven Lebensende entgegen, weil es – ihm mißlungen war, sich selbst von der Richtigkeit seines stammesgeschichtlichen Weltbildes zu überzeugen; da wirft der Hygieniker Max von Pettenkofer sein Leben fort, weil es dem rastlos und erfolgreich am Werk gewesenen Greis nicht gelang, den Lorbeer zu entbittern und den Friecen der Weisheit zu finden ...

Wir blicken hier in einen Abgrund der Zerstörung, über den wir uns – wenn wir’Teilnahme aufbringen wollen – mit dem Hinweis auf krankhafte Persönlichkeiten hinwegtrösten mögen. Aber die Zerstörung kann auch ein anderes Gesicht aufweisen: Vor zwölf Jahren erschien – als Erfolgsbuch ersten Ranges – die Selbstdarstellung eines unserer führenden Seelenärzte im Buchhandel. Das Buch wird verschlungen und sowohl in der Tages- als auch in der Fachpresse einstimmig gerühmt. Der Verfasser ist staatlich bestellter Lehrer derjenigen Jugend, die sich Heilung der kranken Seelen zum Lebensinhalt machen will. Also darf man erwarten, daß der – inzwischen verstorbene – Gelehrte zu den Hintergründen seines Seins Stellung nehmen und seine Bekenntnisse ablegen wird. Da gibt es denn auch ein Kapitel des Buches, betitelt "Der liebe Gott", in dessen erster Zeile sich der Verfasser bereits rühmt, schon als Zehnjähriger seine Beziehungen zu Gott bewußtermaßen gelöst zu haben. Aus diesem Grunde setzt er Friedrich Theodor Vischers Vers "Wir haben keinen lieben Vater im Himmel..." als Motto über sein Kapitel. Ein weiteres Kapitel widmet sich dem Sinn des Lebens und trägt als Motto ein Zitat aus "König Lear": "Und da ging das Licht aus, und wir saßen im Dunkeln." Es ist nicht verwunderlich, daß bei solcher Grundeinstellung der berühmte Seelenarzt sich stets rege für das Recht am Tötung’ eingesetzt hat – auch dann, wenn derartige Tötungen Kranker für die Wissenschaft förderlich seien. So berichtet er in dem Buch, daß er als junger Arzt ein krankes Mädchen vorzeitig töten wollte, um auf diese Weise eine Sektion des interessanten Befundes zu ermöglichen; er habe aber dennoch davon abgesehen und das Kind, das dadurch nun leider der Anatomie verlorenging, von dem besorgten Vater ins Privathaus abholen lassen. Gestorben sei es sowieso, und deshalb wären derartige Hemmungen beim Arzt nicht zeitgemäß und bedürften gesetzlicher Lizenzen zwecks leichterer Überwindung. In seiner Eigenschaft als Irrenanstaltsdirektor – also als Mann, an den sich kranke Menschen und deren Angehörige hilfesuchend wenden – gibt der weltberühmte Arzt in seinem Buche die orthographisch fehlerhaften Briefe, die ihm diese Angehörigen in Erregung über das Schicksal ihrer Lieben geschrieben haben, dem Gelächter der Öffentlichkeit preis, die sich, wie der Erfolg des Buches erweist, in der Tat gut amüsiert hat. Er berichtet fernerhin von einer alten Witwe, die zwei in seinem Jagdrevier umherstreunende Dackel besaß, deren Abschuß ihn vergnüglich genug war, um hinterdrein hohnvoll von dem Grab zu plaudern, das die, Frau diesen einzig noch ihrem Herzen nahestehenden Lebewesen grub. Sensationsfroh rühmt er sich an anderer Stelle seiner Experimente an den Leichen frisch Enthaupteter. Der breite Erfolg des Buches gibt ihm recht: daß hier eine Selbstzerstörung des Menschenbildes – im Berufsrahmen des Seelenarztes und Jugenderziehers – stattgefunden hat, weit unheimlicher als in den Fällen Klinkerfues, Greßly, Dohrn und Pettenkofer, blieb unbemerkt. Erst heute, in der Rückschau, mag manchem Betrachter klarwerden, was es damit auf sich hatte, daß jener berühmte Forscher, Arzt und Buchautor schon 1913 mit Veröffentlichungen über die Freigabe der Vernichtung von Menschenleben auf Grund fachlicher Begutachtung hervortrat. • Von welchen menschlichen Voraussetzungen solche Begutachtung ausgehen kann, legt seine Selbstdarstellung dar – und was in der Praxis dabei herauskommt, ist in unser, aller frischester Erinnerung. Der Erlanger Psychiater Werner Leibbrand spricht in seiner unlängst erschienenen Schrift "Um die Menschenrechte der Geisteskranken" davon: "...sehr bald steht Fürsorge im ordnungsdämonischen Sinne neben der Gewaltlösung der Frage durch Grausamkeit, die man eben noch als Akt der Barmherzigkeit zu tarnen suchte. Das sinnlos gewordene, sinnentleerte Leiden wird rasch beseitigt. Man bediene sich nur der modernen Technik, sei es Spritze oder Gas. Gerettet ist aber der nunmehr freie Weg zum biologischen Aufstieg der Menschheit. In solchem Sinne nennt typischerweise Ernst Mann jene Aufsichtsleute des Staates im darwinistischen Jargon ,Selektionsärzte‘."

Was ist hier offenkundig verlorengegangen im kühlen Felde der Forschung? Nichts Geringeres als der Mensch. Und geschah dieser Verlust des Menschen wirklich nur unter dem Zwange unwiderleglicher Befunde? Die Antwort auf diese Frage mag uns ein recht sympathischer und unbefangener Zeuge geben. Theodor Fontane: "Ich hab’ es nöch erlebt, wie das mit den Affen aufkam, und daß irgendein Orang-Utan unser Großvater sein sollte. Du hättest sehen sollen, wie sie sich alle freuten. Als wir noch von Gott abstammten, da war eigentlich gar nichts los mit uns, aber als das mit den Affen Mode wurde, da tanzten sie wie vor der Bundeslade." In ähnlichem Sinne berichtet August Strindberg im "Blaubuch" von einem Jugendfreund, der ihm auf einer Postkarte schrieb: "Jetzt können wir auch fliegen! Hurra!" "Dieses letzte Hurra war ein Hohn und eine Drohung gegen den Himmel", bemerkt Strindberg dazu, und er stellt fest, daß alle diese Fortschritte bewußtermaßen aufgenommen werden als ein "Sieg über Gott";

Hinsichtlich der Tötung -desjenigen Menschenlebens, das vom jeweils herrschenden Weltbild als minderwertig ausgegeben wird, haben wir ebenso einprägsame Erfahrungen hinter uns wie hinsichtlich des Hurra, daß wir nunmehr auch fliegen können. Angesichts der Atomenergie sind die Ausmaße des Dämonischen noch viel weiter geworden: nachdem der Mensch in Frage gestellt worden ist, gilt das Bangen derer, die noch Verantwortung spüren, nunmehr der gesamten Erde. Als der 1879 in Frankfurt am Main geborene Chemiker Otto Hahn Anfang 1939 die Uranspaltung entdeckte, dachte er sich dabei – wenn es erlaubt’ ist, in so banalen Worten zu reden – gar nichts Böses. Erst als ihm das Ausmaß der dadurch freigewordenen. Energien "zum Bewußtsein kam", war er. "zu Tode erschrocken", wie er in einem Interview mitteilt.

Damit haben wir zu zwei Schlüsselworten hingefunden. Dem Forscher – mag er zunächst in einer Art Hybris am Werk gewesen sein während der naiven Triumphjahrzehrite des naturwissenschaftlichen Fortschrittglaubens, mag er inzwischen die Sachlichkeit selber geworden sein –, dem Forscher und der an seinem Schaffen teilnehmenden Öffentlichkeit ist jahrzehntelang, bis zu 1914 und zu 1939 hin, etwas sehr Wichtiges "nicht zum Bewußtsein gekommen": nämlich die Realität des Dämonischen. Nun ist das "Erschrecken zu Tode" über die Welt gekommen an Stelle jenes Bewußtseins, das offenkundig nicht im Blickfeld und .somit abgelähmt war. H. G. Wells, der unermüdliche Popularisator des Fortschritts an sich, hat in seinem Testament an die Menschheit sein Lebenswerk zerrissen und vernichtet und das Bekenntnis abgelegt, daß seine Geisteshaltung "am Ende ihres Stricks" – so lautet der Titel seiner Endbilanz – angelangt sei: "anpassungsfähige Überlegenheit" werde die Menschheit ihren selbstgeschaffenen Maschinen gegenüber nicht mehr aufbringen... Es ist natürlich unsinnig, die selbstgeschaffenen Maschinen anzuklagen. Sie allein sind keine Golems, die ihren Meister vernichten. Aber Wells hat recht, wenn er in eine andere Richtung deutet und von "anpassungsfähiger Überlegenheit" des Menschen spricht. Der Forscher mag seit einem Jahrhundert blind gegen die göttlich-geistige Welt gewesen sein, Blindheit gegen die Dämonen vermag er heute nicht mehr aufzubringen: er "erschrickt zu Tode", wenn jählings sein Bewußtsein aufreißt und ihm klar wird, daß in einem ganz anderen Sinne als ehedem der Satz "Wissen ist Macht" seine Gültigkeit wahrt. "Die Mächte" sind auf einmal im Raum und machen den Wissenden nicht reich, sondern arm – und blickt er zurück auf das, was schon geschehen ist, so kann er nur bekennen: "Das hab’ ich nicht gewollt..."

In den Aphorismen von Julius Langbehn findet sich der Satz: "Heilige sind wichtiger als Dampfmaschinell." Der Heilige, der zu allen Zeiten den Dämonen ausgesetzt war, darf sich eines wacheren Wirklichkeitssinnes rühmen als der Forscher modernen Gepräges, denn wo diesem das Bewußtsein versagt oder ihm ein tödliches Erschrecken beschert, da ist jener längst im Bilde. Die Forschung hat den Raum ihrer Bewußtseinszuständigkeit überschritten, sie hat Mächte ins Menschen- und Erdensein hereingeholt, denen sie sich geistig anzupassen unterließ. "Durch die Maulwurfsarbeiten der modernen Naturwissenschaft und Technik ist eine unterirdische Schicht freigelegt worden. Man ist an Kräfte herangekommen, die man bis dahin nicht kannte und die daher unter kosmischem Verschluß geblieben sind. Es ist die dritte Kraft über Magnetismus und Elektrizität hinaus, die Kraft des Materiezerfalls, der Materiesprengung. Kräfte sind damit freigelegt worden, die nicht von dieser Welt, aber auch nicht von einer höheren Welt, sondern unterSinnlicher Natur sind." (Emil Bock.)