Als General MacArthur im August 1945 in Japan landete, lag für Japan im Entwurf ein Plan vor, der ähnlich wie der Morgenthau-Plan für Deutschland das Ziel verfolgte, das japanische "Weltreich" in einen, isolierten Agrarstaat zu verwandeln. Die Politik, die während des nun zu Ende gegangenen Jahres in Japan eingeschlagen wurde, war jedoch eine grundsätzlich andere. Ausschlaggebend für diese Kursänderung ist zweifelos in erster Linie die Überlegung gewesen, daß ein Land; in dem nur 15 v. H. des Bodens ackebaufähig sind und dessen ganze Entwicklung seit Jahrzehnten durch den Druck seiner – Überbevölkerung bestimmt war, niemals ernsthaft mit einer solchen Politik zu befrieden gewesen wäre. In Hinblick auf die angelsächsischen Interessen in Ostasien und das Übergewicht Rußlands in diesen Raum, schien es daher geboten, Japan zu einen gesunden und wirtschaftlich leistungsfähigen Statt auszubauen.

Nachdem erst einmal eine konstruktive politische Linie Japan gegenüber gefunden und festgelegt worden war, gab das Besatzungssystem, das grundverschieden von dem deutschen ist, auch die Möglichkeit, eine solche Konzeption wirklich Schritt für Schritt in die Tat umzusetzen. Japan ist nicht in Zonen eingeteilt, sondern es wird einheitlich verwaltet. Die Richtlinien der Politik werden zwar interalliiert festgelegt, aber die gesamte Durchführung liegt zentral in der Hand des Oberbefehlshabers MacArthur, der offenbar ehe außerordentlich fähige Persönlichkeit ist und bei dem japanischen Volk, mit Ausnahme eines gewissen Teils der intellektuellen Jugend und der Finanzkreise großes Ansehen und absolutes Vertrauen genießt. MacArthur – Supreme Commancer for the Allied Powers – stellt gewissermaßen die Exekutive der japanischen Verwaltung dar. Um zur Seite steht als beratendes Gremium der Aliierte Rat (Allied Council for Japan), der aus den Vertretern der Großen Fünf besteht, die sich in der Regel zweimal im Monat zu Besprechungen treffen. Die oberste entscheidende Stelle, die man gewissermaßen als die Legislative bezeichnen könnte, ist die Fernöstliche Kommission ir-Eastern Commission) mit dem Sitz in Washington. Sie setzt sich zusammen aus den Vertretern der Großen Fünf sowie je einem Vertreter der Niederlande, Kanadas, Australiens, Neuseelands, Indiens und der Philippinischen Union. Aufgebe der Fernöstlichen Kommission ist es, die politischen Richtlinien und Grundsätze zur Erfüllung der bei der Kapitulation von Japan eingegangenen Verpflichtungen festzulegen. Die dort gefaßten Beschlüsse gehen über das amerikanische Außenministerium und das Kriegsministerium, als bindende Richtlinien an MacArthur. Dieser Instanzenweg sowie die Tatsache, daß die Militärregierung im Lande ausschließlich amerikanisch ist und die Besatzungstruppen, auch soweit, sie frende Kontingente, umfassen – britische, australische, neuseeländische und indische sämtlich dem Oberbefehlshaber MacArthur unterstehen, geben den USA das entscheidende Übergewicht.

Der feste Wille Amerikas, die Politik in Japan zu bestimmen, kommt auch in der ausgesprochen kollaborationistischen Einstellung zum Ausdruck. Als unlängst im Allied Council von den alliierten Vertretern eine gewisse Kritik an der derzeitigen japanischen Regierung geübt wurde, hat der amerikanische ständige Vertreter, Botschafter Acheson, ein für allemal festgestellt, daß "die japanischen Ziele ihrem Wesen nach (virtually) mit den amerikanischen identisch seien". Der gleiche Acheson wies in einer Kontroverse mit dem ständigen Vertreter Rußlands, General Derevyanko, den Vorwurf die antikommunistische Politik Amerikas würde der Forderung nach einem freien, demokratischen Aufbau Japans nicht gerecht, mit dem Hinweis zurück, daß man in Potsdam ein demokratisches, kein kommunistisches Japan verlangt habe.

Der Wiederaufbau der japanischen Industrie erfolgt planmäßig und in großzügiger Weise weil MacArthur erkannt hat; daß Japan nur leben kann-, wenn seine; Industrie für den Export arbeitet. Natürlich erfolgt dieser Wiederaufbau unter dem Gesichtspunkt, Japan jede Möglichkeit zu nehmen. eine eigene Kriegsindustrie zu entwickeln Aus diesem Grunde sollen sämtliche Kugellagerfabriken als Schlüsselindustrien der Rüstungswirtschaft demontiert werden, die Handelsmarine keine Schiffe über 1000 BRT herstellen dürfen, die Schwerindustrie scharf begrenzt und die Stählerzeugung. kontingentiert werden Diesen Reschränkungs- und Demontagemaßnahmen stehtaber ein klarer Aufbauplan in dem Sektor der reinen Friedenswirtschaft gegenüber. Die kleineren industriellen und gewerblichen’ Betriebe sind bereits wieder weitgehend in Gang gebracht – bei den großen Werken hapert es noch, weil sie zum Teil entweder zu dem Vermögen der großen aufgelösten Familienkonzerne gehören,, über deren Schicksal noch keine endgültige Entscheidung getroffen ist, oder weil es sich um Zweige der Kriegsindustrie handelt. Mit allem Nachdruck wird die für Japan so wichtige Textilindustrie angekurbelt, schon heute findet ein namhafter Export statt. Im August 1946, also ein Jahr nach der Kapitulation, betrug der Ausfuhrüberschuß – trotz der hohen Lebensmittelimporte – bereits 51,7 Mill. Yen (857 000 £). Für 1947 rechnet das japanische Handelsministerium mit dem hundertfachen Betrag, nämlich mit 5,1 Milliarden Yen. Nach offiziellen Schätzungen soll und wird Japan innerhalb der nächsten drei Jahre seine Vorkriegsposition als Textilproduzent im Fernen Osten wieder erreicht haben, und 1951 werden die Japaner, wie der "Manchester Guardian" schreibt, voraussichtlich das Weltmonopol in Seide haben. Bei dem Wiederaufbauvorsprung, den Japan China gegenüber hat, und der ausgesprochenen Forderung der japanischen Produktionskapazität durch Amerika besteht wohl kaum ein Zweifel daran, daß Japan zu dem Erzeugungs- und Exportland Ostasiens. werden wird. Einstweilen kommen sämtliche eingeführten Güter – vorwiegend Lebensmittel und Baumwolle – aus USA, und 67 v. H. der gesamten Ausfuhr gehen ebendorthin zurück.

Zweifellos muß zugegeben werden, daß die Ingangsetzung der japanischen Wirtschaft deshalb reibungsloser stattfinden kann als beispielsweise die der deutschen, weil die Zerstörungen wesentlich geringer sind auf der anderen Seite sind die Schwierigkeiten, mit denen Japan schon in Friedenszeiten zu kämpfen hatte, stets sehr groß gewesen: Die dauernd zunehmende Übervölkerung und der Mangel an Rohstoffen waren von jeher ein Kennzeichen der japanischen Wirtschaft. Hinzu kommt der Schrumpfungsprozeß, den das japanische "Imperium" seit der Kapitulation durchmacht: während des letzten Jahres sind fünf Millionen Japaner aus Nordkorea, Sachalin, der Mandschurei und dem pazifischen Raum nach Japan zurückgekehrt.

Die Teuerung im Lande ist unvorstellbar groß. Die Lebensmittelpreise sind, Verglichen mit 1937, zum Teil auf das 65fache gestiegen, der Schwarze Markt floriert entsprechend, und die Zahl der Arbeitslosen ist groß. Die vielfachen Streiks, die vor allem von den Bergarbeitern zur Erzwingung gewiesen, meist berechtigter, wirtschaftspolitischer und sozialer Förderungen durchgeführt werden, verzögern das Wiederaufbauprogramm erheblich. Dennoch, greift die Besatzungsmacht nicht in diese internen Angelegenheiten ein, sondern steht vielmehr auf dem Standpunkt, daß "Arbeitsniederlegung ein gesetzliches Mittel der freien Meinungs-, äußerung" des arbeitenden Volkes darstellt. Überhaupt wurde in Japan die Einmischung der Besatzungsbehörde in die innere Verwaltung auf das allernotwendigste Maß beschränkt. Zweifellos ist? dieser Umstand, der sich durchaus bewährt hat, nicht zuletzt den sprachlichen Schwierigkeiten und der schwer übersehbaren, orientalischen Mentalität zu danken, die jede Form des Experimentierens fragwürdig erscheinen läßt.

Wenn trotz der geschilderten Schwierigkeiten Japan schon wieder mitten in einem erfolgreichen Aufbau, begriffen ist, sind hierfür zwei verschiedene Gründe maßgebend. Einmal rein objektive: so die systematische Wiederaufbauarbeit – der Besatzungsmacht, die Gewährung und Erhaltung einer gewissen Kontinuität des Staates, in der Gestalt, des Kaisers, und die Schaffung einer zentralen japanischen Regierung in Form des selbstgewählten Parlaments, so die sofortige Entlassung aller Kriegsgefangenen (mit Ausnahme der in Rußland befindlichen), die zum Teil über Tausende von Kilometern Zurückgeführt werden mußten. Daneben aber sind es psychologische Momente, die aus dem Zusammenbruch heraus neue positive Kräfte im japanischen Volk ausgelöst und freigemacht haben. Durch die Besatzungsmacht ist in Japan eine Reihe demokratischer Maßnahmen und sozialer Gesetze eingeführt worden, die den zum Teil noch mittelalterlichen Zuständen ein Ende gesetzt haben, so daß die Alliierten wirklich in jeder Weise und auch dauerhaft als Befreier empfunden werden. Die sogenannte japanischeFreiheitsurkunde (Bill of rights) hat alle religiösen und politischen Beschränkungen der bürgerlichen Freiheit aufgehoben; ihr zufolge dürfen heute zum ersten Male in der Geschichte Japans die Frauen wählen und gewählt werden – ein Recht, von dem sie in intensiver Weise Gebrauch machen. Die Bildung von Gewerkschaften ist erlaubt und seit dem 1. April 1946 die Untertagearbeit von Frauen und Kindern verboten.