Der italienische Ministerpräsident, de Gasperi, hat sich Mitte Dezember aus dem Exekutiv-Ausschuß seiner Partei, der Christlichen Demokraten, zurückgezogen. Eine Geste der Solidarität gegenüber dem gleichfalls zurückgetretenen Generalsekretär der Partei, Piccini, der seinerseits wiederum seinen Rücktritt mit dem Wunsch begründet. hatte, dem Nationalrat Gelegenheit zu geben, über die bisherige Politik der Partei sein Urteil abzugeben. Dieser Schritt begegnet offenbar einer seit den Verlusten der Christlichen Demokraten bei den Gemeindewahlen immer lauter werdenden Kritik. Wenn die Christlichen Demokraten über die Entwicklung seit dem Tage, an dem sie in die Koalitionsregierung mit den Sozialisten und den Kommunisten eingetreten sind, Enttäuschung empfinden, so teilen sie dieses Gefühl mit jedem ihrer Koalitionspartner und darüber hinaus mit den breiten Massen Italiens, die sich von einer nachfaschistischen Ära im Zeichen der Demokratie durchaus andere Vorstellungen gemacht hatten. Während allerdings die Enttäuschung der Massen in diesem Umfang vielleicht vermeidbar gewesen wäre, ist die der Politiker der Koalitionsparteien sozusagen eine strukturelle und damit naturgesetzlich fast unvermeidliche. Eine Koalition solcher Gegensätze, wie sie im italienischen Kabinett zusammengeschlossen sind, mutet notwendigerweise den einzelnen Partnern um der Zusammenarbeit willen ein solches Maß an Zugeständnissen zu, daß sich das Gefühl einer Befriedigung kaum einstellen kann. Angesichts der historischen Erfahrung, daß der radikalere Teil seinem Partner in der Regel die größeren Konzessionen aufzwingt, ohne jedoch, dank seiner Radikalität, deswegen dieentsprechende Befriedigung zu finden; war es auch im italienischen Terzett unschwer vorauszusagen, daß die Christlichen Demokraten und sogar die Sozialisten dem Bündnis mit den Kommunisten manches Opfer bringen müssen.

Für die Außenwelt wurde das am deutlichsten im September, als die Kommunisten den Rücktritt des Schatzministert Corbino forderten. De Gasperi befand sich in einer wenig angenehmen Lage. Schon das Nebeneinander des bürgerlichen Schatzministers Corbino und des kommunistischen Finanzministers Scoccimarro hatte zu einer Doppelgleisigkeit der Finanzpolitik geführt. Der Gegensatz hatte seine letzte Zuspitzung erfahren, als Corbino in seinem Bemühen, unter allen Umständen eine Inflation zu vermeiden, neue Notenemissionen zur Deckung der von den Kommunisten geforderten Lohnerhöhungen abgelehnt hatte. De Gasperi – ohnehin schon belastet durch die Rücksicht auf die Pariser Verhandlungen – griff zwischen der kommunistischen Forderung auf Entlassung Corbinos und der Gegenforderung der Christlichen Demokraten auf Zusammenlegung von Schatzamt und Finanzministerium (bei stillschweigend erstrebter Entfernung Scoccimarros) zu dem Ausweg, Corbino durch den christlich-demokratischen Finanzmann Bertone zu ersetzen. Er beseitigte damit die Gefahr einer Sprengung der Koalition in einem außenpolitisch so heiklen Augenblick, aber doch nur um den Preis einer Fortsetzung jenes finanzpolitischen Dualismus, der soeben noch unter Corbino und Scoccimarro zur Krise geführt hatte.

Ausländische Beobachter haben mehrfach festgestellt, daß dies jedoch nicht-der einzige Fall war, in dem de Gasperi sich in der Zwangsjacke der Koalition zur Duldung einer Doppelgleisigkeit genötigt sah. Die kommunistischen Partner haben ihren Gefühlen auch auf andern Gebieten stets zu wenig Zwang angetan, als daß de Gasperi nicht sozusagen in Permanenz, vor einer Lage stünde, die sich kein auf seine Autorität und sachliche Arbeitsmöglichkeiten bedachter Kabinettschef wünschen wird. Wenn beispielsweise der kommunistische Unterstaatssekretär –, für die Landwirt schaft. Spano, ganz offen die gewaltsame Landaneignung durch revolutionäre Banden begünstigt, so steht das in krassem Widerspruch zu der von seinem Ministerpräsidenten eingenommenen Haltung. Die Drohungen Togliattis auf Wiederbewaffnung der Partisanen im Spätsommer, seine Ermunterung zu Streiks und kommunistischen Demonstrationen aller Art können sich ebenfalls nur lähmend auf die Koalitionsfreudigkeit seiner Partner auswirken. Die Separatpolitik der Kommunisten fand auch im Außenpolitischen ihren Ausdruck in der Triester Frage, wo nicht nur Botschafter Reale als Mitglied der Pariser Friedensdelegation, sondern auch Togliatti in seinen direkten Verhandlungen mit Tito keineswegs die Übereinstimmung mit den Auffassungen de Gasperis symbolisierten, ganz zu schweigen von der grundsätzlichen Orientierung, der Togliatti unter deutlicher Anspielung auf die Westmächte den Vorwurf macht, daß sie die Gefahr in sich berge, "Italien zum Flugzeugmutterschiff gewisser Großmächte im Mittelmeer zu machen". Alle diese, Anzeichen einer uneinheitlichen Entwicklung sind in der Öffentlichkeit natürlich nicht unbemerkt geblieben. Vor allem die Auslandspresse hat sie mit oft sehr drastischen Kommentaren versehen. So findet sich in der Schweizer Presse, die für gewöhnlich die Verhältnisse in diesem großen Nachbarland sehr eingehend beobachtet, in einem Bericht der "Basler Nachrichten" über Italien die Feststellung, daß "sämtliche Blätter des Landes, einschließlich der Presseorgane der zur Regierung gehörenden Parteien, diese dauernd aufs schärfste kritisieren, wodurch Italien heute das einzigartige Schauspiel eines Landes darbietet, in dem die Regierung sich selbst angreift".

Die Bedenkenlosigkeit, mit der vor allem die Kommunisten innerhalb der Regierungskoalition ihre Interessen verfolgen, hat inzwischen nicht nur bei den Christlichen Demokraten zu einer starken Ernüchterung über die Zusammenarbeit geführt, sondern auch innerhalb der Sozialisten den um Saragat gruppierten Flügel gestärkt, der sich, im Kommunisten der Gruppe um Nenni, von den Kommunisten zu distanzieren wünscht.

Die Kommunisten selbst sehen sich seit Jahr und Tag dem Vorwurf ausgesetzt, daß sie ein doppeltes Spiel trieben. Die ruhige, sachlich nüchterne Haltung Togliattis, die in seiner anfänglichen Tolerierung der Monarchie Umbertos nach der Befreiung Italiens oder in dem von ihm als Justizminister unterzeichneten Amnestie-Erlaß zum Ausdruck kam, steht in einem gewissen Widerspruch zu späteren Vorgängen, in denen er sich radikaler, revolutionärer und mit einer Neigung zur Einschüchterung zeigte. Den Vorwurf des Doppelspiels allerdings hat er mit Heftigkeit zurückgegeben mit der Feststellung, das wahre Doppelspiel werde von den Christlichen Demokraten getrieben, die, angeachtet ihrer Zusammenarbeit mit den Kommunisten in der Regierung, bei den Gemeindewahlen Wahlbündnisse mit der "Uomo-Qualunque"-Partei Gianninis eingingen.

So wird an Vorwürfen aller Koalitionsteilnehmer untereinander nicht gespart. Wenn der Bestand der auf der kommunistisch-sozialistisch-christlich-demokratischen Allianz beruhenden Regierung einstweilen auch trotz zahlreicher Schönheitsfehler die verschiedenen Belastungsproben überstanden hat, so kann doch erst die weitere Entwicklung zeigen, ob sich die inneren Gegensätze dieser notgeborenen Interessengemeinschaft als die stärkeren erweisen oder die Notwendigkeiten, die sie zusammengeschmiedet haben. H. A. v. Dewitz –