Von Karl N. Nicolaus

Angeblich preisen die Männer den Sex-Appeal der Mädchen und errichten ihm ein Denkmal in ihrer Erinnerung. Aber es ist ein Irrtum! Die wahre Gabe, sich in der männlichen Erinnerung – einzunisten, ist etwas anderes: die Heiterkeit.

Schon vor Jahrtausenden-sagten die Weisen: "Es ist eine Strafe Gottes, in die Träume eines brünstigen Weibes zu geraten!" Damals hatten sie so geschwollene Bezeichnungen wie "brünstig". Heute sagt man zarter: Sex-Appeal: das ist eine Art von Simili-Brünstigkeit aus der Retorte, geläutert durch Puder und Lippenstift, getarnt durch erstarrte Masken, die bei Zärtlichkeiten abblättern wie das Laub im Herbst von den Bäumen, jawohl im Herbst.

Ganz anders die Heiterkeit! Man kann nichts für sie tun und nichts gegen sie. Denn die Heiterkeit ist eine ursprüngliche Begabung, und die heiteren Mädchen mit Sinn für Humor sind es, die nicht, wie die gekrönte Hoffart durch die Tage schreiten mit dem ewigen stummen Vorwurf im Herzen: "Huldigt mir! Mehr noch, mehr! Ihr tut es nicht genug!" Und dann kann man, ihnen etwas vormachen.

Ganz anders die heiteren Mädchen! Mit den großen Worten ist da nichts getan, und mit den großen Lügen auch nicht, denn Heiterkeit und Humor gleichen den Röntgenstrahlen: sie durchfeuchten Dinge und Menschen und Worte und Liebesgeständnisse und Zärtlichkeiten. Dies wird besonders von den Hochstaplern in den Bezirken der Liebe als störend empfunden. Weil heitere Mädchen in ihrer Aufgeschlossenheit – und Humor ist ohne Skepsis undenkbar – das Scheppernde vernehmen, das der falsche Zungenschlag in der Liebe stets an sich hat. Sie sind also gegen Überraschungen gesichert. Und auch die gewisse Komik, die Liebesgeständnisse oft an sich haben, wirft sie nicht um. Sie lächeln und nehmen damit jedem kleinen oder größeren Schwindel den Teil, den der Teufel beigesteuert hat.

Damals, als ich dich kennenlernte, kleine Elisabeth, machtest du mich mit deiner Heiterkeit recht unsicher. Du wolltest die alten Phrasen nicht hören, du wolltest den Aufwand der Schwüre nicht. Du warst bescheidener und meintest, man sollte ein wenig zusammen lächeln.

Ich schreibe diesen Liebesbrief ins Ungewisse. Ich schreibe ihn an dich, Elisabeth, von der ich nicht weiß, wo du bist, aber ich schreibe ihn zugleich als eine Huldigung an alle Mädchen, die heiter sind und dem Humor zugetan. Die andern; die nichts als hübsch sind, die verhinderten Schönheitsköniginnen, sind nie heiter. Dazu ist das dauernde Schönsein viel zu anstrengend. Man muß sich eben entschließen, ob man ein wandelndes Standbild sein will oder ein Mensch, Du hattest dich entschlössen, ein Mensch zu sein. Die Neider werden freilich sagen, es wäre dir auch gar nichts weiter übriggeblieben, weil du für ein Standbild die nötigen Voraussetzungen nicht gehabt hättest. Die Neider irren sich. Man hätte auch da die Fassade bunt malen können, die Allüren der Hoffart sind erlernbar, die schillernde Tünche hätte viel ausgemacht, und das imaginäre Schild hätte man dir auch anpappen können: "Männer, ich bin das Girl eurer Träume!" Aber du wolltest keine angepappten, imaginären Schilder. Mit erstaunlicher Konsequenz wolltest du nur eins: jemanden finden, mit dem man ein bißchen in die Welt hineinlächeln kann. Ich habe dein Bild, in meiner Erinnerung bewahrt, kleine Elisabeth, und jetzt, da ich nach turbulenten Jahren allmählich zur Ruhe komme, denke ich an deine Heiterkeit als an eine der wenigen gütigen Gaben, die in dieser Welt zu finden gewesen sind. Die Tünche ist verausgabt, allüberall, die Masken sind rissig geworden und mühsam mit Ersatz-Leukoplast überklebt, und da, meine ich, müßtest du jetzt ein doppeltes Geschenk des Himmels sein!