Leidenschaftliche oder resignierte Urteile über die Engländer, verallgemeinernde und darum schiefe Urteile werden täglich gefällt. Wer indes sind "die" Engländer? Wir sollten uns fest machen gegen Massenbegriffe wie gegen verschwommene Urteile, die menschliche Wertbestimmungen und politische Hoffnungen durcheinandermengen. Ob man "die" Engländer überhaupt zu definieren vermag, bleibe dahingestellt. Eine ganze Anzahl von ihnen jedoch steht uns näher als ein vager Begriff, ist uns vertrauter als die Persönlichkeiten, die uns offiziell in Presse und Rundfunk entgegentreten. Es sind jene, die unter uns leben, mit denen wir täglich in Berührung kommen.

Es ist wohltuend und nur gerecht, einmal auszusprechen, daß sich unter den Angehörigen der Besatzung viele Menschen nach unserm Herzen befinden, daß im Zusammenleben mit ihnen sehr oft Menschentum sich stärker erweist als Politik und die Persönlichkeit überzeugender wirkt als ein Vorurteil. Wer sich dieses noch nicht ausdrücklich, eingestanden hatte, mußte es in den Tagen vor Weihnachten tun: das "Gutenwillenssein" der Verkündigung. trat mit einer Leuchtkraft in Erscheinung, die nicht zu übersehen war. Über die Korrektheit hinaus erfuhren wir Herzlichkeit, die um so höher zu bewerten ist, als sie keine billige Geste, keine konventionelle Wohltat war, sondern mit persönlicher Entbehrung bezahlt und aus ehrlichem Gefühl dargebracht wurde.

Ein britisches Infanteriebataillon im Raum von Hannover erhielt den Bescheid, daß es noch vor dem Fest nach England verlegt und dort aufgelöst werden sollte. Wer selbst Soldat gewesen ist, vermag sich auszumalen, welche Fülle glücklicher Perspektiven ein solcher Befehl in sich birgt. Hier war die Wirkung jedoch verblüffend und wohl von niemandem vorauszusehen: die Soldaten baten um Aufschub bis nach dem Fest; sie hätten wochenlang ihre Rationen für eine Weihnachtsbescherung deutscher Kinder aufgespart, und man möge diesen Plan. nicht beeinträchtigen. Der Bitte wurde entsprochen, der Abtransport verschoben.

Dies ist nicht das einzige Beispiel für den Sieg reinen Menschentums über Elend und Verworrenheit unserer Tage. Abgesehen von den stillen Feiern, bei denen Deutsche und Engländer auf den gleichen Christbaum blickten und über die außerhalb des engen Kreises nicht viel geredet wird, wandten sich das Gefühl und die tätige Liebe hauptsächlich den Kindern zu. Überall in der britischen Zone veranstalteten Soldaten und Beamte Weihnachtsbescherungen; in Kasernen und Büros wurden Christbäume entzündet, und es waren nicht prinzipienstarre Uniformen, die dies taten, sondern warmherzige Menschen, die glücklich und fröhlich waren mit den Kindern. Es ist nicht das bißchen Kuchen, Schokolade und Spielzeug, für das wir in erster Linie unseren Dank abstatten, sondern die Gesinnung, in der dies alles gegeben wurde. Es wurde ja nicht aus dem vollen geschöpft wie bei den sattsam bekannten Parteiveranstaltungen der Vergangenheit, wenn eitle Nazibonzen für ein paar Stunden "Volksverbundenheit" spielten, um Gelegenheit für eine wirksame Pressemeldung zu haben. Diesmal wurde gegeben, was der Gastgeber an eigenen Rationen übergespart hatte, in einem von keinem Hintergedanken getrübten Geiste und in der reinen Absicht, ein wenig Freude und Licht in eine verdüsterte Kinderwelt zu bringen.

Wir wissen heute, daß diese Engländer mit vorgefaßten Meinungen nach Deutschland gekommen sind, so irrig wie die unsrigen von ihnen. Ihr Verhalten beim höchsten Fest der Christenheit, ihre schöne und großherzige Geste gegenüber unseren Kindern, zeigt uns, daß sie in der täglichen Berührung mit der deutschen Not und Wirklichkeit das trügerische Bild korrigiert haben. Wir dürfen hoffen, unter ihnen manchen Anwalt gefunden zu haben, der auch in der Heimat dafür wirken wird, daß uns Verständnis und Gerechtigkeit widerfahren.

Lz.