Das große westeuropäische Industriezentrum, Ausgangspunkt des modernen Kapitalismus und der technischen Revolution – des 15. Jahrhunderts, Träger der christlich-abendländischen Kultur, noch 1914 das Gebiet mit dem unbestritten höchsten Lebensstandard der Welt-, hat aufgehört, eine Einheit zu sein. An vielen Stellen ist es zu einem politischen und sozialen Gefahrenherd geworden. Einst fühlte sich jeder Westeuropäer überall in diesem Raum zu Hause, in Stockholm oder in Mailand, in London oder in Berlin, in Hamburg oder in Marseille, in Paris oder in Brüssel, in Karlsbad oder in Baden-Baden, in Spaa oder in Vichy.

Paris hatte anfänglich das soziale Gesicht Westeuropas entscheidend bestimmt. Ein Klein-Paris wollten nicht nur Brüssel, sondern auch Stockholm und Kopenhagen und manche andere Stadt sein. Wien, London, Berlin wetteiferten mit Paris und erhöhten ständig ihren Einfluß, ohne aber das göttliche Paris entthronen zu können. Es ist mehr als symbolhaft, daß dieses Paris uns als Stadt erhalten blieb, weil ein deutscher General, von Choltitz, sich weigerte, Hitlers Befehl, Paris bis zum letzten Mann zu verteidigen, durchzuführen.

Reichtum und Elend

Paris ist uns als Stadt erhalten geblieben, aber es ist, gut zwei Jahre nach dem Abzug der deutschen Truppen, noch immer eine Stadt ohne Lichter und ohne Wärme, eine Stadt des Mangels, ja des Elends. Zu Paris gehören gut und luxuriös gekleidete Frauen, gehören Restaurants, wo man vortrefflich, aber auch preiswert essen kann, zu Paris gehören Automobile und Pferderennen, Austern und Rotwein als Volksnahrungsmittel, volle Schaufenster und Reklamebilder. Alles das fehlt heute und wird wohl noch lange fehlen. Elegante Frauen sind’eine Ausnahme. Die Pariserin ist heute einfach gekleidet, muß sogar mit Schminke und Parfüms sparen, weil alles zu teuer ist. Zwar kann man in Lokalen des Schwarzen Marktes für 1000 Franken phantastisch essen. Man kann sich für 10 000 Franken ein schönes Kleid kaufen, für 20 000 Franken einen Pelzmantel, doch der Mann des Mittelstandes verdient selten mehr als 5000 Franken im Monat. Wer nicht am Schwarzen Markt kaufen kann, wer keine Beziehungen zum Lande hat, muß sich mit 2000 Kalorien täglich begnügen. Der Gesundheitszustand der Bevölkerung bereitet den französischen Behörden erhebliche Sorgen. Die Sterblichkeit der Kinder im ersten Lebensjahr ist von 7 v. H. im Jahre 1944 auf 11 v. H. gestiegen.

Mangel und Armut lassen wie in Frankreich auch in anderen Ländern die breite Masse der Bevölkerung nicht froh werden. Am schlimmsten scheint die Notlage in Italien zu sein. Dort bestimmen die heimatlosen Kinder, die "sciuscias", das Bild nicht nur der Großstädte, sondern auch vieler mittlerer und kleinerer Ortschaften Diese heimatlosen Kinder irren umher, betteln, besorgen sich etwas, arbeiten auch gelegentlich, putzen zum Beispiel den angelsächsischen Soldaten die Schuhe, woher der Ausdruck sciuscias kommt. 90 v. H. der Bevölkerung verdient nur die Hälfte des Betrages, der zum Erwerb der lebensnotwendigen Dinge erforderlich ist. Die Bevölkerung ist verzweifelt, ist wieder, wie nach dem vorigen Krieg, radikalen Formeln zugänglich und stimmt immer häufiger faschistische Lieder an.

Aber anderseits kann in Italien eine kleine Schicht von Schwarzmarkthändlern und Fremden die schönsten Dinge kaufen. Derselbe Kontrast zwischen arm und reich tritt uns in Spanien entgegen. Die soziale Struktur des Landes war schon in normalen Zeiten durch scharfe Gegensätze einer erheblichen Belastung ausgesetzt. Seit dem Machtantritt Francos hat sich die Lage noch mehr zugespitzt, ohne daß nennenswerte Zeichen einer Entlastung erkennbar werden. In der Gian Via kann man noch heute alles kaufen, was einst zum Lebensstandard des verwohnten Westeuropäers gehörte. Aber ein Arbeiter, der sich, die Speisekarten ansieht, muß feststellen, daß er einen Wochenlohn aufwenden muß, um hier einmal gut zu essen. Ja sogar in dem einst so einheitlichen Skandinavien ist dieser Kontrast zwischei reich und arm in den Vordergrund getreten. Alf einer Reise von Stockholm oder Kopenhagen nach Oslo kommt man aus Städten mit reichen Schaufensterauslagen in eine Stadt mit leeren Schaufenstern, in eine Stadt, wo Butter und Fleisch, Milch und Eier eine Seltenheit sinn-und jeder froh ist, wenn er Holz und – Fische hat, um in einer einigermaßen angewärmten Stube im Familienkreis ausspannen zu können. Auch das reiche Holland muß heute viele Einschränkungen hinnehmen. Der Lebensmittelverbrauch entspricht etwa 70 v. H. der Menge der Vorkriegszeit, was im Vergleich zu Italien, von Deutschland ganz zu schweigen, fast luxuriös erscheint. Auch bekommt man auf Karten alle zehn Monate ein Paar Schuhe und etwa alle 14 Monate einen Anzug. Aber dieser Lebensstandard beruht zum .Teikauf einer Täuschung, auf dem Verzehr von Beständen und Erspartem. Es wird ein bitteres Erwachen geben, wenn die, holländische Bevölkerung, deren Einkommen zu etwa drei Viertel aus dem Handel, den Finanzgeschäften und den Kolonien stammte, genaue Bilanz ziehen kann, welche Handelsgeschäfte noch möglich sind, welchen Wert die Papiere und vor allem die kolonialen Gebiete haben.

Belgiens Aufschwung