Der Leser findet in der vorliegenden Nummer der "Zeit" einige Aufsätze, die schon ihrem Umfange nach über den Rahmen hinausgehen, den wir sonst einzuhalten pflegen – aus der Erwägung heraus, daß auch das Lesen nicht bloß ein "Tun", sondern sehr wohl eine Arbeit ist und daß dem Konzentrationsvermögen und der Aufnahmefähigkeit wohl aller Leser eben doch gewisse Schranken gesetzt sind. Wenn nun diesmal eine Ausnahme gemacht wird, so bedarf dies einer Entschuldigung gegenüber dem Leser und auch einer gewissen Rechtfertigung. Sie mag darin gesehen werden, daß an der Jahreswende das Bedürfnis vorliegt, das wirtschaftliche Geschehen in den großen "typischen" Ländern (und Ländergruppen) einmal unter einem einheitlichen Aspekt zu betrachten.

Dies also ist hier versucht worden. Dazu mag gleich einschränkend gesagt werden, daß unsere zusammenfassenden Berichte nicht den Anspruch machen können, vollständig (im Sinne einer lückenlosen Darstellung auch nur der behandelten Gebiete) zu sein. Es fehlen Ostasien wie der Vordere Orient; es fehlen die für uns so besonders interessanten Länder Südamerikas; es fehlt ein Blick auf jenen uns nächst benachbarten Staatengürtel längs der sowjetischen Westgrenze, der von Finnland bis Albanien reicht. Schließlich sind auch die alten und neuen Kolonialgebiete zu kurz weggekommen bei einer Gruppierung, die sich auf vier große Länderblocks beschränkt: USA und UdSSR, Großbritannien und Westeuropa.

Eine weitete Einschränkung, die sich auf die Art der Behandlung des Stoffes bezieht, ist gleich noch zu machen. An einer bloßen Aufzählung und Aneinanderreihung typischer Wirtschaftsdaten oder an einer mehr historischen Darstellung der wichtigsten Geschehnisse auf politischem Gebiet konnte uns und kann dem Leser verhältnismäßig wenig gelegen sein. Es ist deshalb der Versuch gemacht worden, die Berichterstattung unter eine einheitlich-leitende Idee zu stellen – unter den maßgebenden Gesichtspunkt, einmal zu fragen, wie sich die Versorgung des Verbrauchers entwickelt hat. und in der nächsten Zeit vermutlich weiterentwickeln wird. Ermöglichen die "naturgegebenen" Verhältnisse den Weg zurück zum friedensmäßigen Wohlstand,oder muß die Wirtschaftspolitik in jenen Ländern, in Planung und Lenkung, gewisse Umwege einschlagen, um zunächst auf Kosten des Verbrauchers andere Bedürfnisse zu erfüllen, die vordringlich geworden sind? Das scheint uns die große Frage zu sein, die, so oder so, allen "weltwirtschaftlich" führenden Staaten gestellt ist und die im einzelnen recht verschiedenartige Antworten gefunden hat.

Damit also ist der einheitliche Aspekt gegeben, unter den wir diesmal die Berichterstattung über das wirtschaftliche Geschehen von 1946 gestellt haben. Der Leser mag entscheiden, wie weit dieser erstmalige Versuch geglückt ist; er mag dabei aber auch bedenken, daß für die Wahl unseres Standpunktes ausschließlich praktische Überlegungen – solche der Zweckmäßigkeit also für die Gliederung des Stoffes – maßgebend gewesen sind, und daß es uns ferngelegen hat, nun etwa zu sagen, daß "Sinn und Zweck" alles wirtschaftlichen Tuns in der Befriedigung von Konsumentenwünschen und -forderungen liegen. Das wäre doktrinär – und Doktrinarismus liegt uns fern. Richtig ist aber vielleicht soviel, daß eine Wirtschaftsform, die den Verbrauchermassen ständig und auf die Dauer immer wieder "Verzichtleistungen zumutet, in ihrer Einseitigkeit (mag diese nun "kapitalistisch" oder "staatswirtschaftlich" bedingt sein) unbefriedigend bleibt und zur Unzufriedenheit der Enterbten des Schicksals" führen muß. Das wäre, recht verstanden, unser Anliegen – in diesem Zusammenhang.