Deutschlands Börsenverkehr, seit jeher nur zu leicht Außenseiter, und seit 1939 völlig isoliert, hat auch nach Beendigung des Krieges noch nicht wieder Anschluß an die großen Weltbörsen gewinnen können. Aber Wir verbuchen als Ergebnis des abgelaufenen Jahres, daß wenigstens die Verbindung der westdeutschen Börsen untereinander wieder enger geworden ist als im Jahre-1935.

Die Börsen sind immer noch in – gewissem Umfang ein Barometer der Wirtschaftslage, immer noch ein Spiegel des Wirtschaftsgeschehens –, nur manchmal, .. ein Vexierspiegel.

Die kursentwicklung an den deutschen Börsen begann im Januar 1945 auf verhältnismäßig hohem Niveau, rutschte bis zum Juni auf außergewöhnlich niedrige Kurse ab. um dann bis zum Jahresende mit einigen Unterbrechungen wieder anzusteigen. Die Hausse im Januar klang noch aus dem Dezember 1945 nach. Sie basierte auf Währungs-, gerüchten. Außerdem suchten anscheinend weihnachtliche Schwarzmarktgewinne im Wertpapiergeschäft Anlage. Die täglichen Kurssprünge waren so hoch, daß man in Hamburg eine Begrenzung auf 5 Punkte pro Tag anordnen mußte. Kurz danach, begannen die Kurse abzubröckeln, im Februar sogar ziemlich stark. Damals verschwand von den deutschen Börsen – zuerst in Süddeutschland, dann auch in der britischen Zone – das frühere Standardpapier, die IG-Farbenaktie. Das Schicksal dieser Aktie zeigte den Investoren, daß über manches große Unternehmen – und damit über seine Aktie – das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Gleichzeitig lösten die einschneidenden Steuererhebungen eine Schockwirkung an den Börsen aus. Im März ging der Kursverfall weiter. Viele Investoren begannen bereits flüssige Mittel für die Steuertermine im April zu sammeln. Optimistische Börsenbeobachter vermuteten allerdings, daß man in der Wirtschaft bereits wieder liquide Mittel für den kommenden Aufbau ansammelt. Frankreichs Ansprüche auf das Ruhrgebiet, die eine Bedrohung der deutschen Montanindustrie im Westen bedeuten, trugen gleichfalls zu der Baisse im Frühjahr vergangenen Jahres bei, wie überhaupt Erwägungen über das uns verbleibende Industriepotential und Spekulationen über die Entwicklung der Währung jetzt gewöhnlich das Auf und Ab an der Börse bestimmen. Der im April veröffentlichte alliierte Industrieplan hat keine größeren Rückschläge an der Börse nach sich gezogen. Der Monat April brachte dem Börsenwesen der britischen Zone einen Zuwachs. Die Niedersächsische Börse in Hannover und die Rheinisch-westfälische in Düsseldorf wurden wieder eröffnet. Der Mai stand im Zeichen einer leichten Erholung. Sie basierte auf Gerüchten, die von einer Einstellung der Demontagen wissen wollten.

Der Trend der Börsenkurse erreichte seinen Tiefpunkt im Juni Damals überschritt kaum ein Börsenpapier außer den Pfandbriefen der Westzonen noch den Parikurs; die Bankaktien tendierten um 60, und nur die Chemiegruppe mit Schering an der Spitze lag noch etwas über 100. Die Umsätze schrumpften, auf ein Minimum, Jetzt begannen auch bereits in größerem Umfang Realisierungsverkäufe aus Geldmangel. Eine Belebung der gesamten Märkte ging im Juli vom Rentenmarkt aus. Die Ostpfandbriefe, sonst vielfach das Stiefkind des Rentenmarktes, holten beträchtlich auf und zogen andere Papiere des .Renten- und später auch des Aktienmarktes nach sich. Der August stand im Zeichen allmählich steigender Kurse und Umsätze. Der September brachte neue umfangreiche Demontagelisten und Stillegungen. Überraschenderweise antwortete die Börse nicht mit einer Baisse, sondern mit einer Belebung auf diese Nachrichten. Viele Aktionäre schienen zu hoffen, bei einer Demontage gute Entschädigungen zu erhalten und besser zu fahren als bei einer Weiterführung der Werke in deutscher Hand.

Allmählich glichen, sich die nord- und süddeutschen Kurse – die noch im Frühjahr auffallende Differenzen aufgewiesen hatten – mehr und mehr einander an. Die Ingangsetzung des Fernsprechverkehrs zwischen der britischen und amerikanischen Zone schränkte das sogenannte "Koffergeschäft" ein. Im Oktober verschwanden die IG-Farbenpapiere aus dem letzten deutschen Markt: aus dem Freiburger Sprechsaal, der in der französischen Zone eine Börse ersetzt.

Neue Währungsgerüchte trieben die Kurse auf eine Höhe, die seit den ersten Monaten des Jahres nicht mehr erreicht worden war. Die Hamburger Börse meldete Tagesumsätze von 1 1/2 Millionen Mark. Zwar sind diese Umsätze – gemessen am früheren Geschäft – gering. Aber es muß stets in Rechnung gestellt werden, daß nur Effektivstücke gehandelt werden und die meisten Wertpapiere sich in den zur Zeit blockierten Sammeldepots befinden. Die Währungshausse im Oktober und November war nicht von langer Dauer. Zahlreiche Boom-Gewinner brachten ihre Gewinne schnell in Sicherheit. Offizielle Währungsdementis taten ein übriges. Seit einigen Wochen scheint die Kursentwicklung in ruhigere Bahnen gelenkt zu werden. Der Zweizonenpakt für die Westzonen hat einen gewissen Optimismus ausgelöst. Die Kurse, mit denen die Börse in das neue Jahr geht, sind immer noch verhältnismäßig hoch –, verglichen mit den um die Jahresmitte notierten Kursen.

Interessant ist ein Vergleich der höchsten und niedrigsten Notierungen des vergangenen Jahres mit den im Kriege (31. Dezember 1942) notierten Kursen: Die AEG-Aktie erzielte zum Beispiel als Höchstkurs dieses Jahres 147, als niedrigsten Kurs 77 Der Stoppkurs von 1942 lautete 181%. Für BMW hieß der Höchstkurs 125, der Niederstkurs 78, der Kurs von 1-942 153 3/4. Vereinigte Stahlwerke (1942: 167 3/4) schwankten zwischen 73% und 150. Die Elektrogruppe konnte sich wesentlich stabiler halten als die Montangruppe. So schwankten die Kurse der Siemensstammaktie "nur" zwischen 98 und 135 und überschritten damit sogar den Kurs von 1942 vorübergehend um 2 Punkte.

Starke Schwankungen machten dagegen die Bankpapiere durch. Die drei Filialgroßbanken zeigten in ihrer Kursentwicklung in der ersten Jahreshälfte auffallende Parallelität. Vermutlich fand eine aufeinander abgestimmte Kurspflege statt, die aber die Aktien doch nicht vor einem Kursverfall retten konnte. Beispielsweise ist der Kurs der Deutschen Bank von 115 im Januar auf 60 im Juli gesunken, um erst in den letzten Monaten wieder die Nähe des Parikurses zu erreichen. Der Kriegskurs lautete 149. Auch viele Rentenkurse – und zwar vor allem die Pfandbriefe der in der Ostzone gelegenen Institute und einige Industrieobligationen – liegen weit unter den früher notierten Stoppkursen. Doch zeigte sich im großen und ganzen der Rentenmarkt wesentlich stabiler als der Atienmarkt. -ck.